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Gegen Amazon, Zalando und Co. Wie ein Modehaus in der Provinz der Übermacht trotzt

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Das Wetter ist Schuld

Ähnlich sieht es in vielen deutschen Innenstädten aus. Etablierte Fachgeschäfte haben geschlossen, ungezählte Boutiquen und Shops ihre Kunden zum „Final Sale“ gelockt. Besonders heftig hat es die Modebranche erwischt, Branchengrößen wie Steilmann, SinnLeffers, Rudolf Wöhrl, Laurèl und Zero haben 2016 die Pleiteserie namhafter Textilunternehmen fortgesetzt.

Gründe gibt es viele. Das Wetter sei zu milde, die Verbraucher seien zu knauserig gewesen, murrt die Branche. Schon seit Jahren breiten sich trendige Billigketten wie Primark aus Irland und Zara aus Spanien zulasten lokaler Anbieter in den Innenstädten aus. Vor allem aber wandert immer mehr Geschäft aus stationären Läden zu den Internetshops von Amazon, About You und Zalando ab, Markenhersteller wie Adidas verkaufen ihre Ware zunehmend gleich selbst im Netz.

Von 1995 bis 2015 ist der Umsatz mit Mode in Deutschland insgesamt um 1,6 Prozent geschrumpft, rechnet das Fachblatt „Textilwirtschaft“ vor, im Versandhandel hingegen ist er um geschätzt 110 Prozent gewachsen. Das dürfte 2016 so weitergegangen sein. Der textile E-Commerce erwartet einen Zuwachs von 18 Prozent auf knapp zwölf Milliarden Euro. Auf der Strecke bleiben vor allem kleine Modeläden mit bis zu fünf Millionen Euro Jahresumsatz. Ihre Zahl hat sich seit der Jahrtausendwende von 13 000 auf 7000 fast halbiert.

Innenstädte im Umbruch
Menschen gehen in Köln (Nordrhein-Westfalen) durch die Fußgängerzone (Hohe Straße). Quelle: dpa
Der Leopoldsplatz in Baden-Baden (Baden-Württemberg) Quelle: dpa
Das Kaufhaus des Westens (KadeWe) in Berlin. Quelle: dpa
Blick in ein neu gestaltetes Ladenlokal von Aldi Nord am 20.09.2016 in Gladbeck (Nordrhein-Westfalen). Quelle: dpa
Ein Schild weist am Mittwochabend in Düssseldorf auf die Öffnungszeiten eines Supermarktes hin. Quelle: dpa
Ein junger Mann hält eine gefüllte Einkaufstüte des Textildiscounters Primark. Quelle: dpa
 Ein Schild mit dem Schriftzug "Kaiser's" steht vor einer Filiale der Einzelhandelskette Kaiser's-Tengelmann in Berlin. Quelle: dpa

Es ist ein Kampf David gegen Goliath. Auf der einen Seite multinationale Konzerne mit Milliardenumsätzen, bis ins letzte Detail durchoptimierten Lieferketten und einem Angebot von Millionen immer und überall verfügbarer Artikel. Passend zu den persönlichen Vorlieben der Kunden liefern diese immer schneller, immer komfortabler. Auf der anderen Seite stemmen sich Provinzgrößen gegen den drohenden Niedergang. Wie Hagemeyer, die neben dem Haupthaus in Minden noch zwei kleinere Filialen betreiben, nicht weit entfernt, in Bad Oeynhausen und Stadthagen.

Vom Warenhaus zur Galerie

Die Hagemeyer-Eigentümer versuchen früh gegenzusteuern – und setzen 2007 alles auf eine Karte. Mehr als 20 Millionen Euro investieren sie in die Neuerfindung ihres Hauses. Bis dahin war Mindens Einzelhandels-Platzhirsch ein voll ausgestattetes Warenhaus mit Süßwaren, Haushaltswaren- und Spielzeugabteilung.

Was dann 2009 auf 19 000 Quadratmetern neu eröffnet, erkennen die Mindener kaum wieder. Die Fassade des langweiligen Fünfzigerjahrebaus ist einer 100 Meter langen Glaswand gewichen. Im Zentrum bildet die Großstadtarchitektur seither einen starken Kontrast zu Hagemeyers weiß-gelbem Renaissancegiebelhaus, aus dessen Fenstern derzeit Turmbläser die Innenstadt mit Weihnachtsliedern beschallen.

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Hinter der transparenten Fassade gibt es kein klassisches Warenhaus mehr, sondern eine Galerie. Teile der Fläche hat das Unternehmen an jene Ketten vermietet, die Deutschlands Innenstädte so einförmig machen. Zu ihnen zählt die Buchhandelskette Thalia, auch die Wohnaccessoire-Anbieter Depot und Butlers sind vertreten. Die Gastronomie betreibt Hagemeyer selbst. Neben dem Hermann’s gibt es einen Smoothie-Stand im Erdgeschoss, eine Kaffeebar in der ersten Etage und eine Bäckerei im dritten Stock. Vor allem das Herzstück des Einkaufstempels, die frühere Modeabteilung, liegt noch in Familienhand und ist größer denn je. Den Übergang zwischen externen Läden und Hagemeyer-Flächen nehmen Kunden kaum wahr. Gängige Marken wie s.Oliver und Esprit präsentieren ihre Kollektionen in integrierten Shops, ebenso Nobel-Labels wie Boss und Burberry.

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