Gegen Amazon, Zalando und Co. Wie ein Modehaus in der Provinz der Übermacht trotzt

Erdrückend scheint die Macht von Amazon, Zalando und Co. Doch sogar in der Modebranche können kleine Unternehmen gegenhalten, sich der Pleitewelle entgegenstemmen. Daniela Drabert und ihre Mitgesellschafter aus dem ost- westfälischen Minden zählen mit ihrer Hagemeyer-Galerie zur Avantgarde dieser tapferen Elite.

Einzelhandel im Onlineboom. Quelle: PR

Den Start in den Heiligabend haben viele Menschen in Minden schon im Oktober geplant. Vor den letzten Krawatten- und Sockeneinkäufen wollen sie im ebenso gemütlichen wie modernen Restaurant Hermann’s im vierten Stock der Ladengalerie Hagemeyer ausgiebig frühstücken. Für 12,90 Euro gibt es dort ein üppiges Buffet und ein Glas Sekt obendrein. Alle 200 Sitzplätze oberhalb der Fußgängerzone sind ausgebucht.

Für Daniela Drabert ist das ein Erfolg und – noch wichtiger – ein Zeichen dafür, dass „sich die Menschen weiterhin gern in der Realität treffen“. Selbstverständlich ist das für die 37-Jährige nicht mehr, überlebenswichtig schon. Als Mitgeschäftsführerin des Modehauses Hermann Hagemeyer kämpft sie mit ihrem 21 Jahre älteren Kollegen Jürgen Ahrens und dessen Sohn Stephan für den traditionellen Handel und damit gegen die Onlinekonkurrenz, gegen Billigketten und Verödung der Innenstädte. Sie kämpft, so scheint es, gegen den Zeitgeist. Aussichtslos?

Einfach aufgeben kommt für die agile Ostwestfälin nicht infrage, dafür steht zu viel auf dem Spiel. Die Hermann Hagemeyer GmbH & Co. KG ist für Drabert nicht irgendein Laden, sie ist Teil ihrer Identität. Wie ihre Eltern und deren Eltern ist sie mit dem und in dem Geschäft aufgewachsen.

Deutschlands beliebteste Waren- und Kaufhäuser

1879 hatte ihr Ururgoßvater auf 50 Quadratmetern ein Geschäft für Tuch- und Manufakturwaren gegründet, später stieg es zum Hoflieferanten des Fürsten zu Schaumburg-Lippe in Bückeburg auf. Als Kind hat Drabert zweimal in der Woche mit ihren Eltern im Restaurant des familieneigenen Kaufhauses gegessen. Später, während des Volkswirtschaftsstudiums und in ihrem ersten Job als Unternehmensberaterin, wurden die Besuche seltener. Doch vor zwei Jahren folgte sie ihrem Vater an die Spitze des Unternehmens, als der aus der Geschäftsführung ausschied. Dort kämpft sie nun mit charmantem Lächeln und betriebswirtschaftlichem Know-how für den Fortbestand des Familienunternehmens. Ihre, die fünfte Hagemeyer-Generation, soll nicht die letzte sein – auch wenn die Herausforderungen gewaltig sind.

Gerade in Minden. Der 80 000-Einwohner-Stadt am Rande des Weserberglandes droht Einwohnerschwund, die Kaufkraft geht bereits zurück. Ein Fachmarktzentrum vor der Stadt zieht zudem Kunden aus dem Zentrum ab.

In der Ruhe liegt die Kraft. Geschäftsführer Jürgen Ahrens lässt sich von Amazon und Zalando nicht Bange machen. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Direkt neben der Galerie sind die Folgen des Niedergangs zu besichtigen. Die ehemalige Filiale der insolventen Modekette Wehmeyer ist seit 2008 verwaist, die große Fensterfront notdürftig mit Werbung für eine Parfümerie und Disco-Events überklebt. Auch sonst hat der Wandel im Stadtbild verheerende Spuren hinterlassen. Das ehemalige Warenhaus an der Weserbrücke war bis vor Kurzem ein toter Gebäudeklotz. Zunächst hatte Karstadt die Segel gestrichen, seit der Insolvenz von Hertie 2009 stand das Gebäude komplett leer. Kürzlich ist auf einer Teilfläche die Textilkette H&M eingezogen, immerhin. Die oberen Etagen der Obermarktpassage am anderen Ende der Innenstadt sind unvermietet, zuletzt hat 2014 eine Filiale der Outdoor-Kette Jack Wolfskin dichtgemacht.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%