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Geklauter Alkohol, Kosmetik und Co. Ladendiebstähle bereiten Händlern Milliardenverluste

Ladendiebstahl: Händler müssen Milliardenverluste einstecken Quelle: dpa

Beim Thema Ladendiebstahl liefert sich der Einzelhandel ein Wettrüsten mit Kriminellen, die immer professioneller vorgehen. Doch mit Blick auf den Kunden sind Sicherheitsmaßnahmen oft ein Balanceakt.

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Für die Kunden ist es nervig, doch aus Sicht der Händler oft der letzte Ausweg: Das Wegsperren von Spirituosen, Batterien oder Kosmetik-Artikeln hinter Glasvitrinen. Dann beginnt die Suche nach dem Verkäufer mit dem Schlüssel. Das Produkt müssen die Kunden schließlich an der Kasse abholen. Manch einer hat es sich bis dahin längst anders überlegt. „Das ist sicherlich eine Kaufschwelle beim Kunden“, sagt Stefan Hertel, Sprecher beim Handelsverband Deutschland. Doch wüssten sich die Händler angesichts hoher Verluste durch Ladendiebstähle oft nicht anders zu helfen. „Am Ende ist es eine Kalkulation, die jeder Händler eingehen muss.“

Auch im vergangenen Jahr waren es vor allem solch kleine Produkte, die Kriminelle besonders häufig mitgehen ließen: Alkohol, Parfum, CDs und Videospiele, aber auch Markenkleidung und Schuhe, schreibt das EHI-Retail-Institut, ein wissenschaftliches Institut des Handels, in seiner jüngsten Studie zum Thema. „Doch auch große und sperrige Artikel bleiben nicht vom Diebstahl verschont.“

Insgesamt bereiteten Diebe dem Einzelhandel im vergangenen Jahr demnach Verluste in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro. 475 Millionen Euro Mehrwertsteuer gingen dem Staat dadurch verloren. Weil auch der Umsatz stieg, blieben die Verluste anteilig etwa auf dem Niveau des Vorjahres, schreiben die Autoren.

Diese Dinge werden in Hotels besonders oft geklaut
Tatort HotelWahrscheinlich haben viele schon mal in einem Hotel die Seife oder ein Paar Hausschuhe eingesteckt. Das gilt in den meisten Hotels als Kavaliersdelikt. Aber dabei bleibt es nicht. Manche Besucher sind so dreist, dass sie Fernseher, Klaviere oder gar ausgestopfte Tiere aus dem Hotel tragen - wobei das bleibt die Ausnahme. Das Bewertungs- und Hotelportal "Wellness Heaven" hat 1.026 Hoteliers befragt, welche Gegenstände am häufigsten entwendet werden. Quelle: https://www.wellness-heaven.de/wellness/studie-diebstahl-hotels/
Tablet PCsTablet PCs, die oftmals als “SuitePad” in den hochpreisigen Zimmerkategorien anzutreffen sind, um beispielsweise Spa-Treatments vom Zimmer aus zu buchen, werden in 5-Sterne-Hotels 5,4-mal häufiger gestohlen. Die Tablets sind meistens mehrere hundert Euro wert und daher unter den Luxus-Travellern ein beliebtes Mitbringsel. 11,5 Prozent der befragten Hoteliers haben angegeben, dass Tablet PCs in ihrem Hotel gestohlen wurden. Quelle: AP
Geschirr Wenn Hotelgäste etwas mitgehen lassen, dann sind es in zwölf Prozent der Fälle Teller, Tassen und Schälchen. Quelle: dpa
Bettdecken, Kissen und MatratzenAuch teure Luxus-Matratzen sind nicht vor dem Verschwinden gefeit: Das Risiko für den Matratzenklau ist im 5-Sterne-Hotel 6,7-fach erhöht. Wie die sperrige Ware jedoch unbemerkt aus dem Hotel transportiert wird, bleibt ein Rätsel. Auf Nachfrage antworteten manche Hoteliers, dass dies ausschließlich mitten in der Nacht über Aufzüge geschehe, die direkt in die Tiefgarage führen. Passend zum Matratzenklau besorgen sich manche luxusaffine Hotelgäste gerne auch gleich die Bettdecke, um das Schlaferlebnis mit Hotel-Reminiszenz in den eigenen vier Wänden zu komplettieren: Der Deckenklau ist in 5-Sterne-Hotels 4,1-mal wahrscheinlicher als im niedrigeren Segment. Kissen nehmen Hotelgäste in 13,8 Prozent der Diebstähle mit nach Hause. Decken machen 15,4 Prozent der am häufigsten aus Hotels gestohlenen Gegenstände aus. Quelle: dpa
KunstwerkeAuch vor Kunst macht so ein mancher Dieb in Gestalt eines Hotelgastes nicht Halt. 19,4 Prozent der befragten Hoteliers haben angegeben, dass Kunstwerke in ihrem Hotel gestohlen wurden. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit des Kunstraubes in Luxushotels mit fünf Sternen 4,5-mal höher, als in Vier-Sterne-Hotels. Quelle: dpa
BatterienDie Gäste in Vier-Sterne-Hotels sind etwas praktischer veranlagt, als die Gäste in den Luxus-Hotels. Während 10,9 Prozent der Hoteliers der Fünf-Sterne-Hotels angaben, dass in ihrem Hotel Batterien gestohlen wurden, waren es 29,5 Prozent der Hoteliers der Vier-Sterne-Hotels. Quelle: dpa
Kosmetik32,4 Prozent der befragten Hoteliers haben angegeben, dass Kosmetik in ihrem Hotel gestohlen wurde. Einen gravierenden Unterschied zwischen Vier- und Fünf-Sterne-Hotels gibt es nicht.

Ladendiebstahl ist für den Handel weder ein neues noch ein rasant wachsendes Problem - dafür ein konstantes. Rund 0,32 Prozent ihres Umsatzes wendeten die Unternehmen in den vergangenen beiden Jahren je auf, um ihn zu verhindern. Das klingt wenig, bedeutet in absoluten Zahlen aber Gesamtkosten in Milliardenhöhe. Aus Sicht des Handelsverbands hat sich zwischen Tätern und Einzelhandel längst eine Art gegenseitiges Hochrüsten eingestellt. „Der Aufwand der Einzelhändler bei der Bekämpfung des Ladendiebstahls erhöht sich regelmäßig“, sagt Verbandssprecher Hertel. „Insbesondere professionelle Täter reagieren nämlich schnell auf neue Präventionsmaßnahmen des Einzelhandels.“

Zudem sollen Sicherheitsmaßnahmen die Kunden aus Sicht der Händler nicht übermäßig belasten und am Ende vom Kauf abhalten. Die Händler setzen deshalb vor allem auf Maßnahmen, die Verbraucher nicht direkt zu spüren bekommen: Mitarbeiterschulungen, Videoüberwachung, Datenauswertung. Die Digitalisierung spiele bei Schutzmaßnahmen zunehmend eine Rolle, sagte Verbandssprecher Hertel. Details will er nicht preisgeben, aus Sorge, dass sich Kriminelle wieder darauf einstellen könnten.

Vor allem schwere Diebstähle, bei denen die Täter bewaffnet oder bandenmäßig vorgehen, bereitet dem Handel Sorgen. Seit 2007 hat sich ihre Zahl der Studie zufolge um rund 156 Prozent erhöht. Allerdings verzeichneten die Händler zumindest im vergangenen Jahr wieder einen Rückgang um 6,6 Prozent im Vergleich zu 2016 auf rund 21.000 Fälle, hieß es. Hertel fordert von der Politik mehr Personal bei Justiz und Polizei: „Nur mit ausreichend Personal ist dauerhaft auch in der Praxis eine konsequentere Bestrafung von bewaffneten oder bandenmäßig organisierten Ladendieben möglich.“

Die Länder reagieren auf ihre Weise. Baden-Württemberg schaffte jüngst die Bagatellgrenze von bis dahin 25 Euro ab. Damit werden künftig alle Ladendiebstähle unabhängig von der Höhe des Schadens strafrechtlich verfolgt. Andere Länder belassen es beim Alten, etwa Nordrhein-Westfalen. Dort liegt die Bagatellgrenze bei 50 Euro. Pläne, diese abzuschaffen, gibt es einem Sprecher des Landesjustizministeriums zufolge nicht.

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