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Gerry Weber & Co. Warum ein deutscher Modehändler nach dem anderen taumelt

Warum ein deutscher Modehändler nach dem anderen taumelt. Quelle: imago images

Gerry Weber, Esprit, Tom Tailor: 2018 bescherte der deutschen Modeindustrie einen folgenschweren Krisensommer. Schon in den Jahren zuvor häuften sich die Hiobsbotschaften. Kommt es bald zur nächsten Pleitewelle?

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Am Ende ging es schnell. Per Ad-hoc-Mitteilung teilte der westfälische Modekonzern Gerry Weber mit, dass Gründersohn Ralf Weber seinen Chefposten räumt und in Aufsichtsrat wechselt. Es ist der wenig glanzvolle Schlusspunkt einer Ära bei dem börsennotierten Modekonzern – und ein klarer Schnitt, der dabei helfen soll, das Unternehmen aus der Krise zu führen.

Denn statt Weber übernimmt nun der bisherige Vertriebsvorstand Johannes Ehling das Kommando. Neben ihm wird künftig der erfahrene Sanierer und Partner der Münchener Unternehmensberatung Wieselhuber, Florian Frank, als Restrukturierungsvorstand wirken. Die drängendste Aufgabe des Duos: Gerry Weber muss im November zwei Tranchen eines 2015 begebenen Schuldscheins refinanzieren und die Banken davon überzeugen, dass das Unternehmen den Kurswechsel schafft.

Dazu haben die Westfalen offenbar auf Druck der Geldgeber bereits ein Sanierungsgutachten bei der Wirtschaftskanzlei Ebner Stolz in Auftrag gegeben, das Mitte Oktober fertig gestellt werden soll. Als der Vorgang jüngst publik wurde, brach die Gerry-Weber-Aktie massiv ein. Denn die Zweifel der Investoren gegenüber der Modebranche sind erheblich.

Wohl kaum ein anderer Wirtschaftszweig gilt als ähnlich krisenanfällig. Schon in den vergangenen Jahren häuften sich die Pleiten – und in diesem Jahr verschärfte die Sommerhitze die Lage der Branche noch. Gleich reihenweise kappten Modeunternehmen in den vergangenen Wochen ihre Prognosen und leiteten Sparprogramme ein.

So kündigte der Modekonzern Esprit an, wegen tiefroter Zahlen seine Kosten deutlich senken zu wollen. Im zurückliegenden Geschäftsjahr 2017/18, das am 30. Juni endete, hatte das Unternehmen mit Firmensitz im nordrhein-westfälischen Ratingen und Börsennotierung in Hongkong einen Nettoverlust von rund 2,5 Milliarden Hongkong Dollar – umgerechnet rund 270 Millionen Euro – erwirtschaftet. Der Umsatz ging um 3,1 Prozent auf 15,4 Milliarden Hongkong Dollar zurück.


Esprit beschäftigt in Deutschland knapp 4300 Mitarbeiter, davon knapp 3000 in den Geschäften. Insgesamt betreibt der Modekonzern in Deutschland noch 140 eigene Läden, sechs weniger als im Jahr zuvor. Das Modeunternehmen, das in Europa mit Schwerpunkt in Deutschland aktiv ist, will sich künftig verstärkt auf China konzentrieren.

Auch bei Tom Tailor ziert derzeit die Trendfarbe Rot die Bilanzen. Wegen des heißen Sommers, hoher Rabatte und Problemen mit der Marke Bonita erwartet der Vorstand im laufenden Jahr einen Umsatzrückgang von bis zu neun Prozent auf 840 bis 860 Millionen Euro. Bislang hatte das Management lediglich einen leichten Umsatzrückgang vorhergesagt.

Probleme bereitet vor allem die Zweitmarke Bonita, die der Konzern vor sechs Jahren übernommen hatte, um sich neue Wachstumschancen in der Altersgruppe über 45 Jahren zu erschließen. Tatsächlich entpuppte sich Bonita jedoch als Krisenfall. Auch Tom Tailor selbst gilt als angeschlagen. Schon 2016 war das Unternehmen nach einem überzogenen Expansionskurs auf Pump in Schwierigkeiten geraten, wechselte das Management aus, machte rund 300 Filialen dicht und zog sich aus Auslandsmärkten und Produktlinien zurück. Die Kette hatte vor allem den Trend zum Online-Handel verschlafen.

Massensiechtum auf Deutschlands Einkaufsstraßen

Doch die aktuelle Saison schlägt selbst bei den wachstumsstarken Online-Playern ins Kontor. Im September musste Europas größter Online-Modehändler Zalando zum zweiten Mal binnen sechs Wochen seine Umsatz- und Gewinnerwartungen zusammenstreichen. Auch die Zalando-Manager machten dafür die hohen Temperaturen verantwortlich, die zu umfangreichen Rabattaktionen geführt habe. Der Start der umsatzstärkeren Herbst- und Wintersaison werde sich "signifikant" nach hinten verschieben, teilte das Unternehmen mit. Das sei ein Problem für die gesamte Modeindustrie.

Doch vor allem all für jene Anbieter, deren Marken in den vergangenen Jahren an Strahlkraft verloren haben, geht es inzwischen um die nackte Existenz. „Zu vielen Playern im relevanten Markt der Mitte bis hinauf zu Premium fehlt der Zauber, die Klarheit, die Überzeugung, warum sich Kunden für das Dargebotene begeistern könnten“, konstatierte jüngst bereits das Branchenblatt „Textilwirtschaft“.

Die Folge bekamen bereits in den vergangenen Jahren zahlreiche namhafte Bekleidungshersteller und -filialisten zu spüren. Allein 2017 meldeten Traditionsunternehmen wie Roeckl, Basler, Gardeur und Biba Insolvenz. Im Jahr davor traf es Escada, Laurel, Strenesse, Zero und Steilmann. Auch die fränkische Modehaus-Kette Wöhrl und SinnLeffers stellten Insolvenzanträge.

Für das Massensiechtum auf Deutschlands Einkaufsstraßen gibt es eine Reihe von Gründen. Strukturell macht der Branche seit Jahren die Abwanderung der Kundschaft ins Netz zu schaffen. Zugleich steigt der Druck durch stationäre Angreifer wie Primark, die im Billigsegment wildern. Durch die diesjährige Sommerhitze ist die Kapitaldecke mancher Hersteller weiter geschmolzen, sie agieren längst am finanziellen Limit.

Experten gehen daher davon aus, dass es in der deutschen Modebranche schon bald zur nächsten Pleitewelle kommen dürfte.

Die Ausgangslage bei Gerry Weber ist somit alles andere als komfortabel. Und dennoch rechnen Insider damit, dass der Konzern zumindest den Herbststurm übersteht.

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