Getränkehändler Grözinger Nestlé-Boykott macht schwäbischen Getränkehändler berühmt

Edeka legt sich mit Nestlé an – und ein kleiner Getränkehändler streicht Produkte des Konzerns ganz aus dem Sortiment. Im Netz wird er dafür gefeiert.

Nach Edeka: Getränkehändler Grözinger boykottiert Nestlé

DüsseldorfAm Freitag machte eine Schlagzeile die Runde: Die größte deutsche Supermarktkette Edeka will mehr als 160 Produkte des Nestlé-Konzerns nicht mehr bestellen – es sei denn Nestlé gibt bei den Konditionen nach. Am nächsten Tag schickte auch der Getränkehändler Marco Grözinger aus dem schwäbischen Ostelsheim eine Info an seine Kunden raus – per Facebook: „Liebe Kunden, wir werden wir ALLE Produkte, die zum Nestlé-Konzern gehören, aus dem Programm nehmen.“

Kurz danach schlug die virale Welle über dem 39-Jährigen ein. Denn der Machtkampf zwischen Edeka und Nestlé war von vielen Menschen zunächst als ethische Entscheidung aufgefasst worden – und nicht als profaner Preiskampf. Doch Grözinger handelte eben aus hehren Motiven.

„Mit geht es vor allem um die Region“, sagt der Händler aus dem kleinen Ort zwischen Pforzheim und Stuttgart im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Es ist doch besser einen Euro mehr zu zahlen und dafür ein lokales Unternehmen zu unterstützen als einen Großkonzern.“ Er führt das kleine Familienunternehmen mit seinen Eltern und zwei Angestellten in dritter Generation.

Bereits vor zwei Jahren habe er angefangen Nestlé-Produkte wie Vittel, Perrier und Nestea auszusortieren. Von den schätzungsweise 300 Artikeln seines Kernsortiments hatte er letztlich nur noch fünf von Nestlé im Angebot. Die Entscheidung, diese dann auch noch aus dem Geschäft zu verbannen, war daher wirtschaftlich gesehen keine schwere.

„Mit den Konflikten, die Nestlé durch die Wasserentnahme auslöst, will ich nichts zu tun haben“, sagt er. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken geben ihm Recht. Während die hochgeladenen Werbungen und Bilder des Getränkeherstellers normalerweise drei bis fünfmal geteilt und geliked werden, wurde die Information über den Nestlé-Bann nahezu 5000 Mal geliked und 2430 Mal geteilt. Nestlé selbst verweist darauf, dass im Umfeld der eigenen Fabriken 450.000 Menschen Zugang zu Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen hätten und das Menschenrecht auf Wasser in den Firmengrundsätzen verankert sei.

Glückwünsche zum Nestlé-Boykott

„Ich bin überrascht und auch überfordert“, sagt der Familienunternehmer. Aus der ganzen Republik schreiben oder rufen ihn Menschen an, um ihm zu danken. Oder ihn zu fragen, ob es sich bei seinem Post um Fakenews handelt. „Es will sogar jemand ein Musikvideo mit mir drehen“, sagt der Unternehmer. „Dabei wollte ich die Publicity gar nicht. Ich bin vollkommen zufrieden mit meinem Geschäft, wie es gerade läuft“, sagt er.

Er macht es sich zur Aufgabe Alternativen zu Coca-Cola und Co. zu finden. Denn Großkonzerne sind ihm ein Dorn im Auge. Auch am Lebensmittelriese Edeka übt er Kritik: „Die drücken die Preise, weil sie viel größere Mengen einkaufen können und diese dann auf den Markt werfen. Ich muss dann dagegen halten.“ Hinzu kommt, dass er bestimmt Waren von großen Firmen wie etwa Gerolsteiner Wasser über Edeka beziehen muss.

An kleine Familienbetriebe wie Getränke Grözinger lieferten große Anbieter nicht. Doch seine Kunden wollten das Wasser aus der Werbung ebenfalls trinken. Will Grözinger es ihnen anbieten, dann ist er gezwungen mit dem Lebensmittelhändler zu kooperieren.

Die Getränke selbst bei Gerolsteiner abzuholen, wäre wirtschaftlich sinnlos. Die Lösung des Problems liegt Grözingers Meinung nach beim Kunden. „Wenn die Menschen aufhören das zu konsumieren, was ihnen die Werbung vorsetzt, könnten wir komplett auf regionale Anbieter setzen“, meint er. Angebote aus Baden-Württemberg gäbe es genug. „Wir sind sehr stolz auf unsere schwäbischen Unternehmensgeschichten.“ Und diese will er auch in seinen Regalen präsentieren. „Da weiß ich wenigstens wo es herkommt.“

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