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Großbaustelle Discounter Ist das noch Aldi?

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Bei Aldi geht es nicht um Kunst am Bau

Rüschoff widerspricht: „Wir bleiben Preis- und Kostenführer im Discount“, sagt er und erzählt, wie dem Sohn des verstorbenen Aldi-Nord-Patrons, Theo Albrecht junior, das neue Konzept vor einigen Monaten in einer Testfiliale vorgestellt wurde. Albrecht habe hier geschaut, dort gelobt und sei plötzlich vor einer Tiefkühltruhe stehen geblieben, über der eine Lampe baumelte. Was in aller Welt der Kunde denn davon hätte, wollte Albrecht mit Blick auf die Konstruktion wissen. Tags darauf war die Lampe weg. Die Botschaft ist klar: Es gehe bei Aldi „nicht um Kunst am Bau“, sagt Rüschoff.

Der Umbau der Aldi-Nord-Filiale in Herford ist in vollem Gange. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Tatsächlich wirken die meisten Neuerungen durchdacht. Um Brot- und Brötchenkrümel schneller wegzusaugen, sind in die Backstationen etwa Staubsauger integriert. Obst und Gemüse werden direkt vor Kühlschränken platziert, wodurch Tomaten und Paprika automatisch mitgekühlt werden.

Trotzdem war bis Sommer offen, ob es grünes Licht für Marktumbauten à la Herford geben würde. Das Projekt drohte in den Machtkampf der Albrecht-Erben hineingezogen zu werden. Über drei Familienstiftungen, in denen sämtliche Aldi-Nord-Anteile gebündelt sind, kontrollieren sie die Geschicke des Discounters.

Wichtige Entscheidungen müssen die Vorstände aller drei Stiftungen einstimmig treffen. Doch die Jakobus-Stiftung, die von den Nachfahren des verstorbenen Gründersohns Berthold Albrecht um seine Witwe Babette gesteuert wird, verlangte zusätzliche Informationen und mehr Zeit zur Prüfung. Erst Ende Juli stimmte sie schließlich zu. Beigelegt ist die Familienfehde damit nicht. Am kommenden Donnerstag (23. November) wird vor dem Schleswig-Holsteinischen Oberverwaltungsgericht darüber verhandelt, wer in den Stiftungen das Sagen hat. Die vormals öffentlichkeitsscheue Familie wird wieder ins Blickfeld rücken. Doch egal, wie die Richter am Ende entscheiden, an Aniko führt kein Weg mehr vorbei.

Die Eröffnung

Aldi-Mann Nipper wirft einen Blick auf den Parkplatz in Herford. „Es hat sich herumgesprochen, dass es heute was zu gewinnen gibt“, sagt er. Unter den ersten Kunden werden Einkaufsgutscheine im Wert von bis zu 500 Euro verlost. Das zieht. Hinter dem Rentner im rotkarierten Hemd und seiner Familie haben sich inzwischen rund 120 Menschen eingereiht.

„Jetzt geht’s los“, sagt Nipper, schart seine Mannschaft um sich und drückt Filialleiter Aziz Yüsün eine goldfarbene Schere in die Hand.

Das Parkplatzpublikum schaut erwartungsvoll zum Eingang. Yüsün macht es kurz. „Das war eine harte Woche, ich hoffe, der Markt gefällt Ihnen“, sagt er und durchschneidet das Absperrband. Sekunden später lassen sich die ersten Kunden an einer Probierstation den ersten Markus-Kaffee zapfen. Weiter hinten gibt es zur Feier des Tages Avocadoschnittchen und Ananasspieße unter einem Bastschirm.

„Alles so schön bunt hier“, meint eine Frau, während sie nach Weihnachtsservietten sucht. Ein Mann mit Werbeflyer in der Rechten fahndet nach Minipflanzen in Keramik, ein älterer Herr vermisst gezuckertes Lakritz. Das Sortiment wurde komplett umsortiert.

Cornflakes stehen jetzt vorn, Obst und Gemüse hinten, Gänsebrust-Filets im Kühlregal rechts an der Seite. Neben den normalen Einkaufswagen gibt es Kindervarianten und blaue Einkaufskörbe. Über den Warenstapeln mit Aktionsartikeln leuchten Displays. Sonst gleicht die Beschilderung eher einem warenkundlichen Lehrpfad.

Frische Optik, alte Preise - Bananen, Paprika und Gurken werden jetzt aufwändiger präsentiert, kosten aber nicht mehr als vor dem Marktumbau. Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Aldi wartet mit Fun Facts über Fleischwurst auf und verrät Branntweinlaien, dass Whiskey nur dann Bourbon genannt werden darf, wenn er in den USA hergestellt wurde. Die meisten Kunden verzichten auf die Lektüre.

Eine halbe Stunde nach Öffnung reicht die Warteschlange an den Kassen bis zu einem Gitternetzensemble mit Katzenkörben für 12,99 Euro mitten im Markt.

Später, als sich der erste Ansturm gelegt hat, setzen sich Nipper und Yüsün kurz im Pausenraum zusammen. Ihre Chefs sind vor Ort, Kaffee und Kirschtaschen stehen auf dem Tisch. Ab und an greift eine Verkäuferin zu. „Größer und übersichtlicher“ sei der Markt jetzt, sagt Nina Damm. „Das wirkt doch gleich ganz anders“, findet ihre Kollegin Donata Schuster. Auch Nipper und Yüsün sind erleichtert. Die Einkaufswagen seien gut gefüllt, sagt Yüsün.

Aniko läuft.

Zumindest in Herford.

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