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Großbaustelle Discounter Ist das noch Aldi?

Aldi will alle Läden renovieren. Kritiker befürchten, dass die neuen Filialen zum Rummel verkommen. Protokoll eines Großexperiments.

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Alles muss raus - Auftakt zur Renovierung der Aldi-Nord-Filiale in Herford Quelle: Marcus Simaitis für WirtschaftsWoche

Das blaue Aldi-A strahlt in den noch dunklen Himmel über Herford, als sich die ersten Kunden nähern. Ein älterer Mann im rotkarierten Hemd mit Frau an der Seite und zwei Enkeln im Schlepp baut sich vor dem Eingang des Aldi-Marktes an der Lockhauser Straße auf. Es ist 6.49 Uhr, erst um acht Uhr öffnet der Laden. Doch die vier schnappen sich einen Einkaufswagen und schauen erwartungsvoll ins Innere des Marktes. Dort herrscht bereits Hochbetrieb.

Herr Yüsün eilt mit Schoko-Weihnachtsmännern für 0,99 Euro quer durch den Markt. Frau Schuster füllt Brötchen in die Backstation, Frau Drisga saugt die Krümel weg. Herr Nipper klaubt leere Pappkartons zusammen. Immer wieder schaut er auf seine Uhr. 70 Minuten bleiben bis zur „Großen Wiedereröffnung“, die das Plakat draußen am Markt verspricht. Sieben Tage haben sie hier geackert, haben Regale aus- und wieder eingeräumt, Preisschilder verteilt, Handwerker instruiert und Überstunden angehäuft. Jetzt soll Aniko starten.

Das Kürzel steht für Aldi Nord Instore Konzept, ein neues Ladendesign, das in den kommenden Monaten in sämtlichen Filialen im In- und Ausland Einzug halten soll. 5,2 Milliarden Euro investiert die Konzernspitze. Frischer, farbenfroher und freundlicher sollen die 2250 Nord-Filialen zwischen Sylt und Siegen werden.

Es ist der größte Modernisierungsschub in der Unternehmensgeschichte, und der Markt im ostwestfälischen Herford ist einer der ersten Standorte, die umgerüstet werden.

Aldi erfindet sich ein bisschen neu

Dabei geht es um weit mehr als ein paar optische Korrekturen. Mit Aniko wagt der Handelsriese den nächsten Schritt in einem Prozess, der andernorts wohl als Transformation oder Kulturwandel gepriesen würde, bei Aldi aber schlicht Veränderung heißt. Erst vorsichtig, dann immer kraftvoller hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren von der reinen Lehre des Harddiscounts verabschiedet, von Palettentristesse und Geheimniskrämerei.

Aldi Nord startete eine TV-Kampagne, stellte mehr Markenprodukte in die Regale und entstaubte nebenbei das komplette Regelwerk der Organisation. Und doch blieb man im Konzert der großen Lebensmittelhändler lange Zeit ein wenig hintendran. Rewe und Edeka punkteten mit ihrem üppigen Angebot, Lidl experimentierte mal mit Luxus-Discount, mal mit Hipster-Anmutung.

Die Aldi-Schwester aus dem Süden setzte schon früh auf gefälligere Optiken und mehr Markenprodukte und kündigte ebenfalls ein milliardenschweres Innovationsprogramm an, wenngleich mit anderen Schwerpunkten. Zusätzlich lähmte ein Streit der Familienerben Aldi Nord.

Der Filialumbau wird nun zum sichtbarsten Zeichen, dass man die Zukunft nicht den Rivalen überlassen möchte. Die Frage ist nur, ob die Strategie der Konzernführung dafür die richtigen Schritte vorsieht. Als „Discount-Rummel“ bespötteln Kritiker bereits das neue Design, wähnen Aldis Preisstellung in Gefahr und warnen davor, das Unternehmen entferne sich zu weit von seinen Wurzeln. Tatsächlich stellt sich am Ende aber vor allem eine Frage: Ist das noch Aldi?

Die Inventur

Als ihr Einsatz eine Woche zuvor beginnt, sieht Verkaufsstelle 15 der Regionalgesellschaft Rinteln aus wie die meisten anderen Aldi-Läden auch: Fünf zentrale Gänge gliedern den Markt. Am Anfang der Kaffee, in der Mitte Schnaps und Schokolade, rechts außen Obst und Gemüse.

Eine Frau in schwarzer Lederjacke schaut sich irritiert um. In den Regalen tun sich erste Lücken auf. Dann entdeckt sie Daniel Nipper. „Was ist denn hier los?“, fragt sie. „Wir schließen heute früher“, der Markt wird umgebaut, erklärt ihr der Aldi-Mann. Die Kundin mustert ihn kritisch. 29 Jahre, kurze Haare, blauer Anzug. Vor vier Jahren, direkt nach dem Studium, hat er bei Aldi Nord angefangen. Sieben Filialen betreut er als Regionalverkaufsleiter, darunter die in Herford. „Der Laden ist doch noch schön“, murrt die Kundin, schüttelt den Kopf und dreht Richtung Aktionsware ab.

Ein Blick in die Aldi-Filiale vor dem Umbau



Vorn an den Kassen dirigiert Nipper derweil seine Mitarbeiter. „Denkt ihr an die Folie?“ „Nehmt ihr die Kartons hier bitte weg?“ „Was ist mit den Zigaretten?“ Kurze Fragen, knappe Antworten, nur unterbrochen vom Piepen der Handscanner, mit denen die Mitarbeiter die Ware erfassen. Nach und nach leert sich der Laden. Ein paar Prozent Rabatt helfen dabei.

Als der Markt um 14 Uhr schließt, ziert nur noch wenig Grün die Gemüsekisten, auch die Regale haben sich weiter gelichtet. Drei Lkws werden am Abend und am nächsten Morgen die restlichen Artikel abholen. Dann beginnt der eigentliche Umbau.

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