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Herrschaft des Scanners Amazons Kampf um Effizienz

Amazon gilt als Logistik-König. Doch rasantes Wachstum und hoher Lieferdruck stellen die Logistikzentren des Onlineriesen vor Herausforderungen. Amazon muss seine Effizienz steigern.

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Amazon im Weihnachtsgeschäft Quelle: rtr

Dutzende Lkws spucken täglich Paketberge in das Logistikzentrum von Amazon. Hunderte Angestellte sind damit beschäftigt, die Waren anzunehmen, einzulagern und zu verpacken. Über allem liegt das Rumpeln und Rappeln der Förderbänder, die Waren und Päckchen von einer Ebene transportieren. Nichts Spektakuläres also. So sehen Logistikzentren seit Jahrzehnten aus.

Doch der anachronistische Eindruck täuscht. In Amazons Reich gibt ein Computer den Rhythmus vor. Seine Instrumente sind Scanner und Barcode. Das einzige Lied, das er kennt, heißt Effizienz. Und es wird immer schneller gespielt.
Amazon dominiert den Onlinehandel. Zuletzt fiel das Wachstum geringer, aber noch immer beeindruckend aus. Doch der Druck auf den Konzern steigt.

Amazons Logistik-Netz in Deutschland


In der Vergangenheit machte Amazon selten Gewinn, aber ziemlich häufig Minus. Im Oktober verkündete der Konzern den größten Quartalsverlust seit 14 Jahren. „Ich habe bei Amazon Milliarden Dollar in den Sand gesetzt“, gab Konzernchef Jeff Bezos jetzt freimütig zu, rechtfertigte aber seine Entscheidung, auf Expansion und neue Produkte zu setzen. „Mein Job ist es, die Leute zu ermuntern, kühn zu sein. Und wenn man kühne Wetten eingeht, führt das zu Experimenten. Experimente tragen das Scheitern schon in sich.“ Ein paar große Erfolge machten schließlich viele Sachen wett, die nicht funktioniert haben.

Eben deshalb duldeten die Investoren lange Zeit das Vorgehen des Amazon-Lenkers. Langsam aber werden sie ungeduldig, beginnen an der Strategie zu zweifeln. Damit Bezos weiterhin expandieren, experimentieren und sich Flops wie das Fire Phone leisten kann, muss zumindest das Kerngeschäft fehlerfrei laufen.

Fluch der Geschwindigkeit

Die Verantwortung dafür liegt in großen Teil bei Amazons Logistik. Und für die wachsen die Herausforderungen. Nicht nur die Flut an Bestellungen und Paketen macht ihnen zu schaffen. Im Kampf um die Kundengunst verspricht Amazon immer bessere und schnellere Lieferungen. Overnight und Expresslieferungen, Same-Day-Delivery. Zwischen dem Klick auf den Bestellbutton und dem Klingeln des Postboten dürfen in der schönen, neuen Amazon-Welt mitunter nur noch wenige Stunden vergehen.

„Die Geschwindigkeit, die wir brauchen, um unsere Kunden zufrieden zu stellen, fordert uns am meisten heraus“, sagt Cavit Yilmaz, Regionalleiter der vier westdeutschen Amazon-Standorte.

Eines seiner Bollwerke im Kampf gegen die Paketflut, die wachsenden Anforderungen und die Konkurrenz liegt an der Amazonstraße 1 in Rheinberg. Im kleinen Städtchen am Niederrhein liegt seit 2011 das westlichste Logistikzentrum des Onlinegiganten in Deutschland. 110.000 Quadratmeter, so groß wie 17 Fußballfelder.

Amazonisierung Europas

Rheinberg ist typisch für ein Logistikzentrum des Onlinehändlers. Es liegt irgendwo auf der grünen Wiese nahe einer Kleinstadt, Ballungsräume wie Düsseldorf und das Ruhrgebiet sind nicht weit entfernt. Autobahnen und Flughafen sind ebenfalls nah.

Um die hohen Versprechen bei der Geschwindigkeit halten zu können, baut Amazon bislang das eigene Logistiknetz aus, und zwar rasant. Neun Logistikzentren an acht Standorten in Deutschland gibt es mittlerweile. Mehr als 7000 neue feste Mitarbeiter hat Amazon allein hierzulande in den vergangenen fünf Jahren eingestellt. So verkürzt der Onlineriese die Wege zum Endkunden und erhöht zugleich die Lagerkapazität.

Die Paketzustellung der Zukunft

Auch außerhalb Deutschlands wächst der Konzern. Nahezu jährlich kommen neue Zentren hinzu, zuletzt zwei neue in Polen. Nah genug an der Grenze, um auch Ostdeutschland mit Waren beliefern zu können, schnell und kostengünstig.

Der Schritt nach Osteuropa hat Amazon in Deutschland viel Kritik eingebracht. Verbände und Gewerkschaften warfen dem Konzern vor, Polen vor allem wegen der geringen Lohnkosten zu wählen und befürchten den Verlust von Arbeitsplätzen.

Amazon selbst interessiert das freilich kaum. Der Konzern betrachtet Europa als Einheit, Ländergrenzen spielen im Denken der Logistiker kaum eine Rolle.

Warum neue Amazon-Standorte allein nicht reichen

Aber auch wenn Amazon bereits das nächste Logistikzentrum in Tschechien angekündigt hat und weitere folgen werden, ewig lässt sich der Ausbau so nicht weiterführen. „Der Prozess ist nicht beliebig skalierbar“, sagt Yilmaz. Mehr Lager bedeuten nicht automatisch so viel mehr Umsatz, dass es sich auf Dauer rechnet.

Amazon muss auch innerhalb der Logistikzentren effizienter werden. „Viele glauben, wir seien der Klassenprimus, aber es gibt genug Optimierungsbedarf“, so der Regionalmanager.

Ein Blick in das Innere des Rheinberger Logistikzentrums zeigt, was Amazon unter Optimierung und Effizienz versteht. Das Lagersystem ist bewusst chaotisch. Waren eines bestimmten Typs werden nicht an einem festgelegten Ort gestapelt, sondern wo Platz ist. Das spart Lagerkapazitäten und Laufwege, funktioniert aber nur, wenn der Computer stets weiß, wo sich die Waren befinden.

Die besten deutschen Online-Shops
Qualität von OnlineshopsIn Zusammenarbeit mit dotSource hat das ECC Köln Kunden von 77 Online-Shops aus sieben unterschiedlichen Branchen nach ihrer Zufriedenheit befragt. Bewertung: Die in Klammern angegeben Punktzahl zeigt an, welchen Online-Shop-Index ein Shop erreicht hat. In die Berechnung des Online-Shop-Index fließen die Zufriedenheit der Kunden mit den in der ECC-Erfolgsfaktorenstudie untersuchten Einzelkriterien sowie die Kundenbindung ein. Ein Wert von 100 Punkten entspricht der maximalen Zufriedenheit und Kundenbindung. Das Ranking erhebt nicht den Anspruch zu beurteilen, dass ein Online-Shop allgemein besser ist als ein anderer. Es besagt, welche Online-Shops es besser schaffen als andere, ihre eigenen Kunden zufriedenzustellen. Die vollständige Studie finden Sie kostenpflichtig hier. Quelle: dpa Picture-Alliance
Rang 10: Deichmann (74,9 Punkte) Quelle: dpa Picture-Alliance
Rang 9: Hugo Boss (75,2 Punkte)Als zweiter Modeanbieter hat es Hugo Boss unter die Spitzenreiter geschafft. Die Befragten waren von den Zusatzinformationen zu Produkten sowie von den Kaufempfehlungen besonders angetan. Quelle: dpa
Rang 8: s.Oliver (75,2 Punkte) Quelle: dpa Picture-Alliance
Rang 7: Ernsting’s Family (75,4 Punkte) Quelle: PR
Rang 6: myTime.de (75,4 Punkte)       Quelle: PR
Rang 5: zooplus (76,2 Punkte) Quelle: Screenshot

Also bestimmen Barcodes das Bild. Jeder Artikel wird nach der Ankunft gescannt und ins System eingespeist. Nun überwacht ein Programm jede weitere Bewegung von der Lagerung bis zum Versand. Geht eine Bestellung ein, berechnet das System, wo sich die Artikel befinden und wie sie am schnellsten versendet werden können. Dann folgt der Befehl an die Mitarbeiter, die Waren zu sammeln. Der Scanner wird zum Herrscher zwischen den Regeln.

Amazon verschlankt seine Prozesse zwischen Anlieferung und Versand, wo es nur geht. IT-Experten verbessern permanent den Algorithmus, der die Wege zu nächsten Bestellung ausrechnet und den, der die Kommunikation der Logistikzentren untereinander koordiniert.

Rechnungen kosten Zeit

Und der Konzern streicht Arbeitsschritte rigoros zusammen – in allen Abteilungen, von Wareneingang bis zum Paketversand. Was keinen Mehrwert bietet, fliegt raus. Rechnungen zum Beispiel. Jahrelang legte Amazon die dem Päckchen bei. Doch das Drucken und Falten kostete Sekunden. Eine Kleinigkeit bei jedem Paket, in der Summe jedoch offenbar eine große Effizienzsteigerung.

Warum die Deutschen Online-Shopper sind

Selbst die Paketaufkleber sind vor dem Optimierungsstreben nicht sicher. „Im Moment wird die Sendung dadurch identifiziert, dass wir per Hand einen Barcode draufkleben“, sagt Yilmaz. „Das können wir dadurch obsolet machen, indem wir den Barcode auf die Kartons drucken lassen. Die werden ja ohnehin für uns hergestellt.“ Wenige Sekunden und etwas mehr Platz gewonnen. In der Welt von Amazon ist das ein gigantischer Erfolg.

Doch Kritiker warnen. Bei seinen Effizienzbemühungen treibe es der Konzern zu weit. Amazon belasse es nicht bei Rechnungen und Aufklebern, sondern konzentriere sich auf seine wichtigste Ressource - die Angestellten.

„Dass die einzelnen Arbeitsprozesse aus Sicht des Unternehmens verbessert werden, bedeutet nicht automatisch, dass auch eine Verbesserung für den einzelnen Mitarbeiter geschaffen wird“, mahnt Tim Schmidt, Betriebsrat in Rheinberg. „Produktivität und Schnelligkeit gehen einher mit hohem Arbeitsdruck.“

Lieber obdachlos als Amazon

Die Kontrolle jedes einzelnen menschlichen Rädchens im Getriebe fällt dem Konzern leicht. Weil die Warenbewegungen ohnehin permanent vom System erfasst werden, lässt sich leicht ablesen, welche Mitarbeiter wann wie viele von ihnen bearbeitet und bewegt haben. „Die Mitarbeiter können ständig und zeitgenau über ihren Handscanner überwacht werden“, sagt Schmidt.

Undercover-Reporter und ehemalige Mitarbeiter haben immer wieder von Repressalien bei Nichterreichen einer bestimmten Quote berichtet. Der Druck sei immens. „Obdachlos zu sein ist besser als für Amazon zu arbeiten“, überschrieb der Guardian den Bericht einer Amazon-Aussteigerin aus den USA. Lieber auf der Straße leben, als für diesen Konzern zu buckeln.

Der Aufstieg der Roboter

In Deutschland liegt der Onlineriese seit Jahren mit der Gewerkschaft Verdi im Clinch um Tarifgehälter und Arbeitsbedingungen. Gewerkschaftssekretär Stefan Najda sprach zuletzt vom „absoluten Drill bei Amazon“. Dass die Mitarbeiter dermaßen überwacht werden, und man genau sehen könne, ob sie gerade picken, packen oder stehen und vielleicht auch nochmal kurz verschnaufen, sei nicht normal.

Der Konzern bestreitet die Vorwürfe vehement. „Wir optimieren in keiner Weise darüber, dass Mitarbeiter schneller arbeiten. Das wäre kurzfristig und fatal. Auf lange Sicht würden wir damit nicht erfolgreich sein. Es geht allein um die Reduzierung der Fehler in den Prozessen“, beteuert Yilmaz.

Aber er räumt auch ein: „Natürlich ist es richtig, dass wir unseren Mitarbeitern ein gewisses Feedback geben.“ Denn es könne ja sein, dass ein Mitarbeiter nicht ausreichend und richtig geschult sei.

Ohnehin gibt sich der Konzern Mühe, auf die Fortschritte hinzuweisen und darauf, dass er Mitarbeiter beschäftigt, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten. Stolz präsentiert Amazon sein eigenes Fortbildungsprogramm, das Mitarbeiter für höhere Aufgaben befähigen soll. Einmal Picker, nicht immer Picker, heißt die implizite Botschaft wohl.

Denn selbst wer hinter der Effizienzmaschinerie keinen Überwachungsskandal vermutet, erkennt, dass für die meisten Arbeiter in Amazons wenig Platz für freie Entfaltung bleibt. Die Arbeit ist gleichförmig. Blind gehorchen die Picker den Anweisungen des Scanners, andere Angestellte verpacken selbst Weihnachtsgeschenke nach einem vorgegebenen Muster.

„Wir sind Maschinen“, sagte ein Reporter des englischen Senders BBC, nachdem er in der Weihnachtszeit 2013 einige Tage in einem Amazon Fulfillment Center geschuftet hatte. „Wir sind Roboter.“

Maschine statt Mensch

In den USA spart sich der Onlineriese derweil den Umweg, aus Menschen Maschinen machen zu wollen. Pünktlich zum Cyber Monday, dem wichtigsten E-Commerce-Tag in den Staaten, präsentierte der Konzern stolz seine zehn modernsten Logistikzentren. Der Clou: Dort übernehmen Roboter den unangenehmsten Teil der Arbeit. Sie liefern die Regale mitsamt der Waren zu den Mitarbeitern der Förderbänder.


Anfang 2012 hat Amazon den Roboterbauer Kiva für rund 775 Millionen Dollar übernommen. Seitdem treibt der Onlinehändler die Entwicklung der Helferlein stetig voran.

15.000 der Kiva-Robots hat Amazon nach eigenen Angaben mittlerweile im Einsatz. Bis zu 50 Prozent mehr Waren könnten dank der Roboter gelagert werden, heißt es aus den USA. Auch der Geschwindigkeitszuwachs sei enorm, weil die 10 bis 15 Kilometer Wegstrecke, die ein Amazon-Picker im Schnitt täglich läuft, entfallen.

Dass so die Zukunft in Deutschland aussehen kann, daraus macht Cavit Yilmaz keinen Hehl. Er zeigt sich begeistert von dem Potential. „Wir sind am Ende auch ein Technologieunternehmen, deswegen treiben wir auch diese Bereiche Automatisierung und Roboter voran.“

In Arbeit
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Betriebsrat Tim Schmidt derweil befürchtet, dass Roboter bald Robert ersetzen könnte. „Aus der Historie hinaus weiß man, dass dort, wo Roboter die Arbeit von Menschen übernehmen können, diese das auch irgendwann tun werden. Maschinen sollen ja nicht nur die Arbeitsleistung erhöhen, sondern auch zur Kostensenkung eingesetzt werden.“ Dabei blieben zwangsläufig die Mitarbeiter auf der Strecke.

Dass die Maschinen Menschen überflüssig machen, bestreitet der Konzern. Kein Mitarbeiter sei bislang wegen der Roboter entlassen worden. Für die komplizierteren Aufgaben brauche man sie schließlich. Branchenschätzungen zufolge haben die Roboter dennoch das Potenzial, 25.000 menschliche Arbeiter zu ersetzen.

Bislang hat Amazon noch nicht offiziell verkündet, ob und wann die Roboter auch in Deutschland eingesetzt werden. Dass sie oder ihre Nachfolger Einzug auch hierzulande in die Effizienzmaschinerie der Amazon-Logistik halten werden, gilt als sicher.

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