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Herrschaft des Scanners Amazons Kampf um Effizienz

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Der Aufstieg der Roboter

In Deutschland liegt der Onlineriese seit Jahren mit der Gewerkschaft Verdi im Clinch um Tarifgehälter und Arbeitsbedingungen. Gewerkschaftssekretär Stefan Najda sprach zuletzt vom „absoluten Drill bei Amazon“. Dass die Mitarbeiter dermaßen überwacht werden, und man genau sehen könne, ob sie gerade picken, packen oder stehen und vielleicht auch nochmal kurz verschnaufen, sei nicht normal.

Der Konzern bestreitet die Vorwürfe vehement. „Wir optimieren in keiner Weise darüber, dass Mitarbeiter schneller arbeiten. Das wäre kurzfristig und fatal. Auf lange Sicht würden wir damit nicht erfolgreich sein. Es geht allein um die Reduzierung der Fehler in den Prozessen“, beteuert Yilmaz.

Aber er räumt auch ein: „Natürlich ist es richtig, dass wir unseren Mitarbeitern ein gewisses Feedback geben.“ Denn es könne ja sein, dass ein Mitarbeiter nicht ausreichend und richtig geschult sei.

Ohnehin gibt sich der Konzern Mühe, auf die Fortschritte hinzuweisen und darauf, dass er Mitarbeiter beschäftigt, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten. Stolz präsentiert Amazon sein eigenes Fortbildungsprogramm, das Mitarbeiter für höhere Aufgaben befähigen soll. Einmal Picker, nicht immer Picker, heißt die implizite Botschaft wohl.

Denn selbst wer hinter der Effizienzmaschinerie keinen Überwachungsskandal vermutet, erkennt, dass für die meisten Arbeiter in Amazons wenig Platz für freie Entfaltung bleibt. Die Arbeit ist gleichförmig. Blind gehorchen die Picker den Anweisungen des Scanners, andere Angestellte verpacken selbst Weihnachtsgeschenke nach einem vorgegebenen Muster.

„Wir sind Maschinen“, sagte ein Reporter des englischen Senders BBC, nachdem er in der Weihnachtszeit 2013 einige Tage in einem Amazon Fulfillment Center geschuftet hatte. „Wir sind Roboter.“

Maschine statt Mensch

In den USA spart sich der Onlineriese derweil den Umweg, aus Menschen Maschinen machen zu wollen. Pünktlich zum Cyber Monday, dem wichtigsten E-Commerce-Tag in den Staaten, präsentierte der Konzern stolz seine zehn modernsten Logistikzentren. Der Clou: Dort übernehmen Roboter den unangenehmsten Teil der Arbeit. Sie liefern die Regale mitsamt der Waren zu den Mitarbeitern der Förderbänder.


Anfang 2012 hat Amazon den Roboterbauer Kiva für rund 775 Millionen Dollar übernommen. Seitdem treibt der Onlinehändler die Entwicklung der Helferlein stetig voran.

15.000 der Kiva-Robots hat Amazon nach eigenen Angaben mittlerweile im Einsatz. Bis zu 50 Prozent mehr Waren könnten dank der Roboter gelagert werden, heißt es aus den USA. Auch der Geschwindigkeitszuwachs sei enorm, weil die 10 bis 15 Kilometer Wegstrecke, die ein Amazon-Picker im Schnitt täglich läuft, entfallen.

Dass so die Zukunft in Deutschland aussehen kann, daraus macht Cavit Yilmaz keinen Hehl. Er zeigt sich begeistert von dem Potential. „Wir sind am Ende auch ein Technologieunternehmen, deswegen treiben wir auch diese Bereiche Automatisierung und Roboter voran.“

In Arbeit
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Betriebsrat Tim Schmidt derweil befürchtet, dass Roboter bald Robert ersetzen könnte. „Aus der Historie hinaus weiß man, dass dort, wo Roboter die Arbeit von Menschen übernehmen können, diese das auch irgendwann tun werden. Maschinen sollen ja nicht nur die Arbeitsleistung erhöhen, sondern auch zur Kostensenkung eingesetzt werden.“ Dabei blieben zwangsläufig die Mitarbeiter auf der Strecke.

Dass die Maschinen Menschen überflüssig machen, bestreitet der Konzern. Kein Mitarbeiter sei bislang wegen der Roboter entlassen worden. Für die komplizierteren Aufgaben brauche man sie schließlich. Branchenschätzungen zufolge haben die Roboter dennoch das Potenzial, 25.000 menschliche Arbeiter zu ersetzen.

Bislang hat Amazon noch nicht offiziell verkündet, ob und wann die Roboter auch in Deutschland eingesetzt werden. Dass sie oder ihre Nachfolger Einzug auch hierzulande in die Effizienzmaschinerie der Amazon-Logistik halten werden, gilt als sicher.

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