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Hugo Boss, Gerry Weber und Co. Das sind die Probleme der deutschen Modeindustrie

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Missmanagement auf der ganzen Linie

Esprit, Hongkong/Düsseldorf

Der an der Hongkonger Börse notierte Textilkonzern mit Zentrale in Ratingen bei Düsseldorf versucht, mit Damen-, Herren- und Kindermode sowie Schuhen, Wäsche und Schmuck in alle Winkel des Modemarkts zu dringen.

Problem: Esprit ächzt unter Missmanagement auf der ganzen Linie. Dazu zählen jahrelang Fehlentscheidungen bei Kollektionen, dazu maue Qualität bei zu hohen Preisen, ein aufgeblasenes Netz eigener Läden und schwächelnde Umsätze bei Großabnehmern wie Kaufhof oder P&C. Das ließ den Umsatz in fünf Jahren um gut ein Drittel auf 2,2 Milliarden Euro zurückgehen. Die Aktie hat nur noch ein Zwanzigstel ihres Wertes aus dem Jahr 2007.

Strategie: Seit drei Jahren versucht José Martinez, ein ehemaliger Manager des spanischen Moderiesen Inditex, die Totalsanierung. Esprit muss künftig mit weniger Lieferanten auskommen, statt 352 sollen es nur noch 226 sein. Geringere Kosten erhofft sich Martinez durch eine Reduzierung der Läden von 1100 bei seinem Amtsantritt auf inzwischen weniger als 900. Durch Stellenstreichungen sind von 10 700 nur noch gut 9000 Mitarbeiter im Unternehmen. Auch die Produktpalette ist deutlich spärlicher. Martinez hat das Angebot radikal beschnitten: Seit Februar bringt Esprit statt zwölf nur noch vier Kollektionen pro Jahr in die Läden, für jede Jahreszeit eine. Zudem hat jede Kollektion 40 Prozent weniger einzelne Teile.

Prognose: Dem Ex-Inditex-Manager ist die Wende nicht gelungen. Sowohl in Deutschland als auch in Europa, den USA und Asien sanken die Erlöse in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres. Das mittlere Preissegment, in dem das Label rangiert, ist extrem umkämpft. Esprit droht zur Marke zu werden, die irgendwann niemand mehr sucht.

Ahlers, Herford

Ahlers wird in dritter Generation von Stella Ahlers geführt, der Enkelin des Firmengründers Adolf Ahlers, und ist seit 1987 börsennotiert. Zum Unternehmen gehören die Herrenmarken Baldessarini, Otto Kern, Pierre Cardin und Pioneer.

Problem: Den Westfalen verhagelten vor allem der Krieg in der Ukraine und die Wirtschaftskrise in Russland 2015 das Geschäft. Zudem bekam Ahlers die erfolglose Freizeitmarke Gin Tonic nicht hoch. Zwei Prozent Umsatz gingen verloren, weil ein großer Händler weniger Kleidung orderte, die Ahlers für ihn als Eigenmarke produziert. Alles zusammen drückte den Umsatz um sechs Prozent auf 242 Millionen Euro und den Jahresüberschuss von 6,0 auf 1,4 Millionen Euro. Die Aktie verlor in den vergangenen zwölf Monaten rund 30 Prozent.

Strategie: Ahlers macht Schluss mit Gin Tonic, im Sommer wird die letzte Kollektion ausgeliefert. Auch die Produktion von Kleidung unter anderen Namen wird reduziert. Das dürfte Ahlers zwar drei Prozent des Konzernerlöses kosten, wegen der schwachen Margen aber das Ergebnis verbessern. Im Spätsommer soll die französische Lizenzmarke Pierre Cardin einen eigenen Onlineshop erhalten. Zudem will Ahlers mit Pierre Cardin die Expansion in Frankreich, Belgien, Spanien und Polen forcieren.

Prognose: Die Genesungsaussichten sind dank der soliden Aufstellung gut. Die geringe Zahl eigener Läden belastet die Fixkosten weniger als bei Boss oder Esprit. Normalisiert sich das Geschäft in Osteuropa, kann Ahlers zu alter Stärke zurückfinden.

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