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Hype um Brettspiele Die neuen Exportschlager? „German Boardgames“

Brettspiel Die Siedler von Catan mit Perspektive Hand vorne Quelle: dpa

Wegen des Coronavirus muss die weltgrößte Spielemesse in Essen digital stattfinden. Der Branche macht das wenig: Ihre Brettspiele sind dank der Pandemie so gefragt wie nie. Auch die USA sollen erobert werden.

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Bei seinem ersten Besuch wollte Oliver Palisch eigentlich nur nach Feierabend für ein paar Stunden auf der Essener Spielemesse „SPIEL“ vorbeischauen. „Das war naiv“, sagt Palisch heute und lacht. „Ich habe das etwas unterschätzt.“ Schon auf der Autobahn stand er wegen der vielen Messebesucher im Stau. Auf dem Gelände war der Ansturm kaum geringer. „Es war so viel Auswahl da, ich bin nur in einer Halle hängen geblieben“, erzählt Palisch. Er nahm so viele Spiele mit, am Ende des Tages halfen ihm Fremde, die Tüten mit den Kartons bis zu seinem Auto zu tragen.

Im nächsten Jahr ging Palisch strategischer vor: Er nahm sich für die Messe frei, informierte sich vorher schon über die Neuheiten. „Ich mache mir Listen, welche Spiele ich sehen oder anspielen will“, sagt er.

Oliver Palisch ist so etwas wie ein Experte für Brettspiele. Der 34-Jährige hat vor vier Jahren in Düsseldorf eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Brettspielen Düsseldorf“ eröffnet. Heute hat die Gruppe über 2600 Mitglieder. Vor dem Ausbruch des Coronavirus trafen sich die Mitglieder manchmal an fünf Abenden in der Woche zu Spieletreffs in Düsseldorfer Restaurants und Brauhäusern. An solchen Abenden geht Palisch durch die Tischreihen, macht Fotos und erklärt Spielregeln. Mittlerweile macht er eigene Regelvideos für seinen Youtube-Channel.

Die Messe in Essen gilt als größter Treffpunkt für Brettspieler weltweit. Allein im vergangenen Jahr trafen sich hier mehr als 200.000 Besucher aus über einhundert Nationen. Viele Messebesucher reisen extra für diese vier Tage nach Deutschland. Damit steht die Messe wie kein anderes Ereignis für den Erfolg der deutschen Spieleverlage in der ganzen Welt.

Die Messe kann wegen der Pandemie in diesem Jahr nur digital stattfinden. Die tausenden Besucher können höchstens am Bildschirm die Präsentationen der Spieleverlage verfolgen oder per Mausklick Spielfiguren bewegen.

Im Lockdown explodieren die Verkaufszahlen

Dabei ist das Interesse an Spielfiguren und Karten aus Deutschland so groß wie nie zuvor. Um 21 Prozent hätten sich die Verkaufszahlen der Branche gesteigert, meldete der Verband der Spieleverlage. Bei den Spielen für Erwachsene waren es sogar 30 Prozent. Mitten in der Coronakrise, wenn Partys und Events abgesagt sind, entdecken die Menschen ihre Lust an Karten, Würfeln und Spielbrettern. Und das nicht nur in Deutschland. Auch in den USA oder Großbritannien steigen die Verkaufszahlen.

Normalerweise greifen die Menschen eher in den dunklen Monaten zu den Spielen in ihrem Regal, sagt Axel Kaldenhoven. Er ist Geschäftsführer von Schmidt Spiele. Dem Verlag gehören Klassiker wie „Kniffel“, „Mensch Ärgere dich nicht“ oder „Dog“. „September bis April ist für uns die Hochzeit“, sagt er. Nur dieses Jahr ist es anders. Mitten im Frühjahr bestellten die Deutschen plötzlich wie verrückt Puzzles und Spiele.

Die Branche brachte das an den Rand der Überforderung: Wer im April Puzzle oder Brettspiele kaufen wollte, brauchte vor allem viel Geduld. Die Lieferzeiten lagen meist bei mehreren Wochen.



Das hängt auch mit der Struktur der Branche zusammen. Viele Entwickler sammeln über Crowdinvesting Geld, um ihre Produkte fertigen zu lassen. Bei der Plattform Kickstarter sind Brettspiele die mit Abstand größte Kategorie. Dieses Jahr brach das Fantasy-Spiel „Frosthaven“ alle Rekorde und sammelte dort über 12 Millionen Dollar ein.

Größere Verlage finanzieren ihre Projekte zwar selbst vor. Allerdings haben auch sie häufig keine eigenen Fertigungsstätten, sondern beauftragen für die Produktion der Spielfiguren und Bretter externe Hersteller. Die können die Kapazität nicht immer so hochfahren wie gewünscht. „Wir haben zeitweise längere Lieferzeiten“, sagt auch Kaldenhoven von Schmidt Spiele. Aber bisher habe man noch immer liefern können. Das nun nahende Weihnachtsgeschäft und die stark angestiegenen Corona-Infektionszahlen dürften die Situation noch verschärfen. Bei Google wird aktuell schon wieder verstärkt nach Stay-Home-Produkten wie Puzzlespielen gesucht.

Auch international sind deutsche Brettspiele gefragt. Insbesondere die US-Amerikaner kommen auf den Geschmack der hier erfolgreichen Spiele. „Die Spielkultur in Amerika war lange eine andere als in Europa“, sagt Peter Berneiser, Manager beim Spieleverlag Pegasus. In den USA verkauften sich entweder Fragespiele wie Trivial Pursuit gut oder konfrontative und aggressive Spiele wie Risiko, in dem Spieler bezeichnenderweise einen Weltkrieg simulieren.

Kooperieren statt Vernichten

Da sei die deutsche Spielekultur friedfertiger, sagt Berneiser. Die Spieler sammeln zwar Siegpunkte und messen sich so miteinander – aber anders als bei Risiko oder Monopoly muss niemand den anderen Spieler vernichten. Und so muss auch keiner vorzeitig aus dem Spiel ausscheiden und kann fortan nur noch auf seinem Stuhl Däumchen drehen.

Diese „German Boardgames“ wollen nun auch Amerikaner spielen. Begonnen hat der Siegeszug auf dem US-amerikanischen Markt mit dem Spieleklassiker „Siedler von Catan“. Nach Daten von Statista sind die Umsätze mit Brettspielen seit 2015 in den USA um über 70 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gewachsen. „Wir bauen unser Exportgeschäft immer weiter aus. Das ist unser am stärksten wachsender Bereich“, sagt Berneiser vom Spieleverlag Pegasus. Das zeigt sich auch auf der Messe: Amerikaner sind dort eine der größten Besuchergruppen.


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Die Essener Spielemesse gilt in der Branche als Stimmungsbarometer. „Die Spiele, die auf der Messe gut ankommen, verkaufen sich auch im Weihnachtsgeschäft. Das ist für uns eine wichtige Resonanz“, sagt Axel Kaldenhoven von Schmidt Spiele.

Doch durch das Coronavirus entstehen neue Trends: Besonders gefragt seien Spiele, die man auch allein oder zu zweit spielen könne, sagt Kaldenhoven. Auch Exit-Games, bei man im Team Rätsel lösen muss, verzeichnen weiter starke Verkaufszahlen. Beim Konkurrenten Pegasus funktionieren vor allem die Spiele gut, die sich auch per Videokonferenz spielen lassen. Aktueller Bestseller: „Der Kartograph“. Etwa 50.000 Exemplare will Pegasus bis zum Jahresende verkaufen. Zum Vergleich: „Mensch ärgere Dich nicht“ verkauft sich in Deutschland noch immer 400.000 Mal im Jahr.

Spielefans wie Oliver Palisch können das nicht verstehen. Er wartet bereits auf die Neuheiten, die zur Essener Spielemesse erscheinen. Die Besucher sollen diese nun online anspielen können oder andere beim Spielen beobachten. Es soll Live-Streams auf Spanisch, Französisch, Russisch und sogar Brasilianisch geben. Der Eroberungszug der „German Boardgames“ hat gerade erst begonnen.

Mehr zum Thema: Diese Spiele bieten ein Vorteil im Wirtschaftsleben - von antiken Klassikern bis zu Neuheiten.

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