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Ideenkonferenz TED expandiert Mit Max und Moritz die Welt erklären

In den USA ist die TED schon legendär – die Vorträge sind dort stets ein Jahr im voraus ausgebucht. Nun soll die Innovationskonferenz in alle Welt expandieren. Ein Besuch in Berlin macht Lust auf mehr.

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Die amerikanische Aktivistin Carolina Gonzalez-Bunster berichtet auf der Tedx in Berlin, wie der Unfall ihres Bruders sie dazu brachte, ihren Job bei Goldman Sachs zu kündigen und eine Stiftung zu gründen, die sich für gehbehinderte Menschen einsetzt. Foto: Sebastian Gabsch/Tedx Quelle: Sebastian Gabsch

Berlin Blockbuster, Smartphones und coole Internet-Dienste sind die bekanntesten Exportgüter aus Kalifornien. Eines könnte bald dazukommen: Ein legendäres Konferenz-Konzept. Denn die Innovationskonferenz TED, die alljährlich hochrangige Politiker, Wissenschaftler und die Elite des Silicon Valley in den Westen der USA lockt, expandiert in alle Welt. Mehr als 5000 Konferenzen hat es bereits gegeben. Die nicht-kommerzielle Organisation setzt dabei auf ein bewährtes Rezept großer Konzerne, wie die Konferenz an diesem Freitag in Berlin zeigt.

Die TED-Konferenz ist in den USA legendär. Wobei der Begriff Konferenz das Phänomen nur unzureichend beschreibt. Es gibt keine Krawatten, kein Pult, kein Powerpoint-Gewitter. Mit den kurzen, prägnanten und unterhaltsamen Vorträgen ist sie eher ein Ideen-Festival mit einer wilden Themenmischung. Mal geht es um Fusionsreaktoren für die Garage, mal darum, wie Schulen die Kreativität abwürgen, mal um den Einfluss von Facebook und Twitter auf die Politik.

„Ideas worth spreading“ lautet das Motto – Ideen, die es wert sind, weitererzählt zu werden. Wenn es gemeinsame Nenner gibt, sind das die Technikbegeisterung und eine „leicht euphorisierte Zukunftsgläubigkeit“, wie die "Süddeutsche Zeitung" einmal schrieb. Andere Konferenzen nehmen sich das längst zum Vorbild, in Deutschland zum Beispiel die DLD.

In diesem Geist lädt auch die TEDx nach Berlin. Draußen am Spreeufer ist es winterlich grau, im Haus der Kulturen leuchtet auf der halbdunklen Bühne das rote Logo. Wenn ein Redner nach vorn schreitet, wandern die Scheinwerfer herum wie bei einem Konzert. TED-Vorträge sind eine Show.

„Crossing Borders“ lautet das Motto an diesem Freitag. Ben Scott, früher Berater der US-Außenministerin Hillary Clinton, zeigt etwa am Beispiel des Facebook-Nutzers Tom, wie die Sozialen Medien die Politik umkrempeln. Der Aktivist John Bunzl erklärt anhand der Geschichte von Max und Moritz, warum sich die Regierungen so wenig für den Klimaschutz tun und wie Bürger sie zu mehr Engagement bewegen können. Und die amerikanische Aktivistin Carolina Gonzalez-Bunster berichtet, wie der Unfall ihres Bruders sie dazu brachte, ihren Job bei Goldman Sachs zu kündigen und eine Stiftung zu gründen, die sich für gehbehinderte Menschen einsetzt. Zwischendurch gibt es Musik.


Es geht nicht um Vorträge, sondern um Geschichten

Die TEDxBerlin zeigt: Es geht hier nicht darum, Vorträge zu halten, sondern Geschichten zu erzählen, die Zuhörer mit Emotionen zu packen. Apple lässt grüßen. Und ähnlich wie bei den Präsentationen des Kult-Konzerns ist alles perfekt vorbereitet.

Dem TED-Gründer Richard Saul Wurman ist das schon zu viel Perfektion – er hat deswegen eine neue Konferenz namens WWW gegründet, auf der „intellektueller Jazz“ gespielt, also mehr improvisiert werden soll.

Die Mutterkonferenz TED hat seit ihrer Gründung 1984 eine bemerkenswerte Wandlung hinter sich. Anfangs war die Konferenz eine geschlossene Gesellschaft für neugierige Nerds und Querdenker, die einer Einladung für würdig befunden wurden und sich nicht vom vierstelligen Eintrittspreis abschrecken ließen. Ihre Themen: Technologie, Entertainment, Design – daher der Name.

Erst der Verleger Chris Anderson machte das Elitetreffen zum Massenmedium. 2001 kaufte seine nicht-kommerzielle Sapling-Stiftung die TED für 14 Millionen Dollar. 2006 begann sie, die Videos von den Vorträgen kostenlos ins Internet zu stellen. Um das zu finanzieren, erhöhte der Veranstalter den Eintrittspreis für die viertägige Show auf zuletzt 7500 Dollar (was nichts daran ändert, dass die Konferenz stets ein Jahr im Voraus ausgebucht ist).

Seitdem ist die TED so etwas wie eine virtuelle Konferenz. Die Videos der Denk-Häppchen sind rund eine Milliarde Mal abgerufen worden, in der englischsprachigen Welt dienen sie als Inspiration und Lehrmaterial. Zahlreiche Vorträge hat die TED-Community in verschiedenen Sprachen untertitelt.

Doch seit 2009 betritt die virtuelle Konferenz echten Boden – in aller Welt. Die TED lädt unabhängige Macher dazu ein, ihre eigenen Ideen-Festivals unter dem bekannten Markennamen zu organisieren. Ein kleines „x“ markiert den Unterschied – es steht für „independent“, also unabhängig. Mehr als 5000 Konferenzen hat es bereits gegeben, viele davon in den USA, aber einige auch in Ägypten und Bangladesh. In Deutschland organisieren zwölf verschiedene Teams ihre eigene Konferenz.


Franchise-System aus der Wirtschaft abgeschaut

Wobei die Unabhängigkeit ihre Grenzen hat. Die TED-Macher wollen die Kontrolle nicht aus der Hand geben. Deswegen nutzen sie ein Konzept aus der Wirtschaft: Sie vergeben Lizenzen an die lokalen Organisatoren. Diese sind kostenlos, schreiben aber genau vor, wie die TED-Tochter aussehen soll. McDonald’s macht es mit seinen Franchise-Nehmern ähnlich.

Die TED-Ableger dürfen nur einen Tag dauern, die Bühne soll aussehen wie beim Original, die für die Vermarktung so wichtigen Videos müssen anschließend ins Netz gestellt werden. Und nach der Konferenz befragt die TED die Besucher per E-Mail nach ihrer Meinung. Vertrauen ist gut, Qualitätskontrolle ist besser.

Die TEDx organisiert Stephan Balzer. Er kannte das Prinzip von einem Besuch in Kalifornien: „Ich bin nach meinem ersten TED-Besuch infiziert gewesen“, sagte der Unternehmer im Gespräch mit Handelsblatt Online. Was genau ihn fasziniert? Das sei chwierig zu sagen, antwortet er. „Ich glaube, bei mir ist es der Wunsch, Menschen dazu zu bewegen, etwas zu verändern.“

Das sei auch das Verbindende der TED-Talks. Die Themen seien zwar oft lokal. „Aber die grundsätzliche Herangehensweise ist gleich: Es geht darum, anderen zu lauschen, die auch etwas verändern wollen. Es treffen sich Gleichgesinnte, die bestimmte Sichtweisen teilen.“

Kommerziell ist die TEDxBerlin allerdings nicht erfolgreich. Die Eintrittspreise sind gedeckelt, die Sponsoren dürfen nicht auf der Bühne präsent sein. Von den Einnahmen bleibt somit nicht viel über. „Die Amerikaner wollen nicht, dass man die Konferenz groß kapitalisiert“, sagt Organisator Stephan Balzer. Ziel sei, möglichst viele Menschen zu erreichen. „Ich versuche, mit der TEDx keinen Verlust zu machen.“

Für den TED-Jünger ist das nicht weiter schlimm. Geld verdient er mit seiner Agentur Red Onion. Ganz umsonst ist die Organisation aber auch für ihn nicht: Dank seiner Erfahrung bekommt er immer wieder Aufträge, andere Konferenzen zu organisieren. Der Name TED zieht mittlerweile auch in Berlin.

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