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Identitätsraub So sollen Betrüger beim Online-Shopping gestoppt werden

Der Betrug im Online-Handel nimmt zu. Mit gestohlener Identität kaufen die Diebe in Internet auf Rechnung. Den Schaden haben die Händler.

Viele Online-Shopper fallen Identitätsdiebstahl zum Opfer, Betrüger kaufen in ihrem Namen ein. Es geht um Milliardenschäden. Gemeinsam mit großen Anbietern startet die Bonitätsauskunft Schufa jetzt einen Gegenangriff.

Immer mehr Deutsche shoppen lieber im Internet als in der Fußgängerzone oder im Einkaufszentrum. Inzwischen entfällt jeder achte Euro, der in Deutschland im Einzelhandel ausgegeben wird, auf Online-Einkäufe. Insgesamt machte der Online-Warenhandel in Deutschland 2017 einen Umsatz von 58,5 Milliarden Euro – ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch für 2018 rechnet der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel mit einem ähnlich hohen Wachstum bei Online-Käufen.

Das Problem: Der Online-Handel wird auch für Betrüger immer interessanter. Schätzungen gehen von 2,5 Milliarden Euro Schaden allein in Deutschland aus – Verluste, auf denen in der Regel die Händler sitzen bleiben. Der finanzielle Schaden wird auf bis zu fünf Prozent des Umsatzes geschätzt. Angesichts der oft kleinen Margen im Handel kann das eine erhebliche Belastung für den Händler bedeuten. Dementsprechend sehen einer aktuellen Studie zufolge neun von zehn Online-Händlern den Kampf gegen Online-Betrüger als relevante Herausforderung.

Jetzt sagt auch die Schufa Online-Betrügern den Kampf an. Das Unternehmen, das vor allem für seine Bonitätsauskünfte zu Unternehmen und Privatpersonen bekannt ist, hat gemeinsam mit vier großen Online-Händlern und drei Unternehmen der Telekommunikationsbranche ein neues System entwickelt. Das soll schon während eines Bestellvorgangs betrügerische Muster identifizieren und so ein Großteil der finanziellen Schäden für die Händler verhindern – in Echtzeit und ohne Nachteile oder Verzögerungen für den ehrlichen Kunden. Ab sofort läuft die Prüfung bei angeschlossenen Schufa-Kunden. Wer bei diesen Unternehmen online bestellt, wird in den AGB oder Datenschutzhinweisen darauf hingewiesen, merkt aber sonst nichts davon.

„Der Online-Einkauf auf Rechnung ist nach wie vor die beliebteste Bezahlart im Internet-Handel, aber für den Händler die riskanteste Form, da er die Ware versendet, bevor er dafür bezahlt wird“, sagt Schufa-Chef Michael Freytag. Ihm zufolge nutzen die Betrüger beim Kauf auf Rechnung etwa eine abweichende Lieferadresse und fangen die Ware dann bei der Zustellung ab. Die Ware ist weg, der Händler bleibt auf dem finanziellen Schaden sitzen.

Der Inhaber der missbrauchten Identität erfährt davon erst, wenn er über Zahlungsrückstände informiert wird oder er von einem negativen Schufa-Eintrag erfährt. Da Betrüger aber häufig auch die Mahnungen abfangen, kann es lange dauern, bis er etwa von seiner Bank über einen Schufa-Eintrag informiert wird, bis dahin können Wochen und sogar Monate vergehen. „Nach Untersuchungen von Forsa für unseren Kredit-Kompass 2018 sind bereits zwölf Prozent der Internetnutzer von Identitätsdiebstahl betroffen", sagt Freytag, "zehn Prozent sagen, sie hätten dadurch auch einen finanziellen Schaden erlitten.“

Viele Online-Händler haben längst Systeme im Einsatz, die betrügerische Bestellungen erkennen helfen. Big Player wie Amazon oder Zalando nutzen dafür eigene Systeme, Start-ups wie Fraugster oder IT-Dienstleister wie SAS oder Fico bieten E-Commerce-Anbietern verschiedene Lösungen, die helfen sollen, Betrugsschäden so gering wie möglich zu halten. Auf der anderen Seite geht es auch darum, möglichst wenige Kunden durch sichere, aber umständliche Bestellprozesse oder den Verzicht einer Kaufoption auf Rechnung zu verschrecken. Wird ein Bestellprozess durch Kontrollen zu langsam oder zu Unrecht unter Betrugsverdacht gestellt und deshalb der Rechnungskauf nicht angeboten, steigt die Abbruchquote – und damit fällt der Umsatz des Händlers signifikant.

Freytag warnt: „Der Diebstahl digitaler Identitäten nimmt zu. Im Internet und insbesondere auch im Darknet beschaffen sich Kriminelle Personendaten, um anschließend mit diesen online einzukaufen.“ Zwar müssten die Opfer von Identitätsmissbrauch die Ware nicht bezahlen, aber letztlich würden alle Kunden die Verluste der Händler mittragen, weil die Betrugsschäden eingepreist würden. In einer Studie der BBW Hochschule Berlin wurden bereits im Jahr 2014 drei Prozent aller Bestellungen im Online-Handel als Betrug klassifiziert. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen.

Das an Künstliche Intelligenz (KI) angelehnte Schufa-System entwickelt sich bewusst nicht eigenständig weiter, sondern wird von Experten gezielt gefüttert. Durch den Verzicht auf eine weiter fortgeschrittene KI soll der Prüfalgorithmus nachvollziehbar und somit korrigierbar bleiben, die Experten behalten die Kontrolle. „Unsere Schutzlösung gibt dank des Trainings mit Hunderttausenden echter Betrugsfälle unserer Entwicklungspartner aus verschiedenen Branchen innerhalb von Millisekunden eine Bewertung des Bestellvorgangs ab, ob es Auffälligkeiten der Bestellung in Bezug auf bekannte Betrugsmuster gibt. Anhand eines übermittelten Auffälligkeitswertes kann der Händler entscheiden, ob er den Kauf auf Rechnung weiter anbietet, alternative Zahlungsmethoden verlangt oder die Auslieferung stoppt.“ In den Testläufen wurde selbst die überwiegende Mehrheit jener Betrugsmuster sofort erkannt, die in der Realität erst sehr viel später als tatsächlicher Betrug auffielen.

Wie Sie herausfinden, was Auskunfteien über Sie speichern

Konkret berechnet die Schufa mit dem Fraud Pre Check einen Auffälligkeitswert zwischen null und eins, wobei null „unauffällig“ und eins „sehr wahrscheinlich Betrug“ entspricht. Für die Einschätzung werden neben Anfrageinformationen aus dem Datenbestand der Schufa – also auch die Bonitätsanfragen der Händler – auch die Anfragedaten der angeschlossenen Online-Händler an das Fraud Pre Check System genutzt. Der übermittelte Auffälligkeitswert wird nicht gespeichert und hat auch keinerlei Verbindung zur Bonitätseinstufung der Kunden. „Der Verbraucher wird nicht stigmatisiert. Im Gegenteil schützt ein erkannter Identitätsdiebstahl Verbraucher davor, dass noch mehr Betrug unter ihrem Namen begangen werden kann“, ist Schufa-Chef Freytag überzeugt.

Die Schufa habe das Verfahren bereits der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem hessischen Datenschutzbeauftragen, vorgestellt und es habe keine Beanstandungen gegeben. Misstrauische Verbraucher können ihre Daten jederzeit überprüfen - und eine kostenlose Selbstauskunft bei der Schufa einholen. Gegen eine niedrige Gebühr können sie sich auch über alle Anfragen ihre Person betreffend umgehend informieren lassen.

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