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Industriellen-Clans Wie Haniel & Co. ihr Erbe verspielen

Wie kein zweiter Konzern erschüttert Haniel derzeit den Mythos des soliden Familienunternehmens. Wie die Metro-Eigentümer ihr Milliardenvermögen aufs Spiel setzen.

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Familienoberhaupt Franz Markus Haniel. Dass er nicht früher in die Streitereien um das Unternehmen eingriff, lasten ihm nun interne wie externe Kritiker an. Quelle: Laif

Die Einladung verheißt eine heitere Bootspartie. Zu „Schiffsgesprächen“ will sich der amtierende Haniel-Chef Jürgen Kluge mit Journalisten treffen, um „in lockerer Atmosphäre“ das Jahr Revue passieren zu lassen.

Dabei will er im Hafenschubboot Franz Haniel 14 gemächlich über Rhein und Ruhr tuckern. Die Tour führt mitten ins Herz der Region, in der sich einst der märchenhafte Aufstieg der Haniels vollzog – und vor deren Kulisse sich nun der Niedergang des Clans abspielt.

Haniel – das war seit 1756 der Inbegriff bodenständigen Reichtums. Der Name stand für eine Vorzeigefamilie, deren Erfolgsgeschichte mit einem Packhaus für Kolonialwaren begann, die ihr Geld mit Schiffen und Kohlezechen verdiente und später mit einer Beteiligung am Handelskonzern Metro mehrte.

Kriege, Inflation und Hungersnöte hat die Revierdynastie überstanden, doch selten war die Verfassung des Clans ähnlich fragil wie heute.

Das Unternehmen ächzt unter einer gewaltigen Schuldenlast. Seit 2009 verlor das Haniel-Beteiligungsportfolio rund 1,4 Milliarden Euro an Wert, lässt sich aus Haniel-Daten und Analysen der Ratingagentur Standard & Poor’s ableiten.

Deutschlands mächtigste Clans
Platz 16: SchleckerBranche: Drogerie Umsatz: 6,6 Mrd. Euro Mitarbeiter: 47.000 Quelle: AP
Platz 15: Würth GruppeBranche: Befestigungs- und Montagetechnik Umsatz: 8,6 Mrd. Euro Mitarbeiter: 65.000 Quelle: AP
Platz 14: Rethmann-GruppeBranche: Wasser- und Kreislaufwirtschaft, Logistik, Bioindustrie Umsatz: 9,1 Mrd. Euro Mitarbeiter: 42.000 Quelle: dpa/dpaweb
Platz 13: OetkerBranche: Lebensmittel, Finanzwesen, Schifffahrt Umsatz: 9,5 Mrd. Euro Mitarbeiter: 25.000 Quelle: dpa
Platz 12: INA-Schaeffler (Continental)Branche: Autozulieferer Umsatz: 9,5 Mrd. Euro Mitarbeiter: 68.000 Die Übernahme des deutlich größeren Konkurrenten stürzte das Unternehmen aus Herzogenaurach 2009 in eine existenzielle Krise. Ein Kompromiss mit den kreditgebenden Banken sicherte das Überleben. Trotz des operativ gut laufenden Geschäfts bleiben Unsicherheiten wegen der nach wie vor hohen Verschuldung. Quelle: AP
Platz 11: Maxingvest (Tchibo)Branche: Konsumgüter Umsatz: 9,6 Mrd. Euro Mitarbeiter: 32.000 Quelle: dpa/dpaweb
Platz 10: TengelmannBranche: Einzelhandel Umsatz: 11,3 Mrd. Euro Mitarbeiter: 80.000 Quelle: AP

Negative Schlagzeilen

Und seit an der Spitze der wichtigsten Haniel-Beteiligung Metro ein Machtkampf um den Chefposten tobt, muss der einst so pressescheue Clan regelmäßig Schlagzeilen der Sorte „Ruhrkrepierer“ über sich ergehen lassen.

Wie kein zweiter Konzern erschüttert Haniel derzeit den Mythos des soliden Familienunternehmens, das langfristig ausgerichtet ist und besser geführt wird als die vom Kapitalmarkt gehetzten Aktiengesellschaften.

Mehr noch: Mit seinem Niedergang erinnert Haniel an all die anderen schlingernden Industriedynastien der vergangenen Jahr und widerlegt damit all jene, die in Familienunternehmen das Gegenmodell zum krisengebeutelten Finanzkapitalismus sehen.

Von wegen „höhere Renditen“, „mehr Jobs“, „Leistungsträger“, „bessere Work-Life-Balance“. Clans wie die Porsches, Oppenheims oder Schaefflers haben gezeigt, dass die Wirklichkeit anders aussieht.

Sogar solide Unternehmen wie die Essener WAZ-Gruppe und der Bonner Süßwarenhersteller Haribo beschädigen durch Streitereien in der Familie und die Starrsinnigkeit des greisen Haribo-Gründers Hans Riegel das goldgerahmte Bild der glücklichen Familie.

Der Beginn des Desasters

Das Firmenlogo des Mischkonzerns Haniel in der Firmenzentrale in Duisburg. Quelle: dpa

Selbst Peter May, Gründer der Bonner Intes-Akademie für Familienunternehmen weigert sich, an der gängigen Verherrlichung teilzunehmen. „Familienunternehmen sind nicht besser und nicht schlechter als börsennotierte Unternehmen, sie sind anders.“ Gegenteilige Aussagen seien „totaler Unfug“.

Vor allem „die Langfristigkeitsfolklore“ könne bei vielen Familienunternehmen dazu führen, spottet der frühere Klöckner-Vorstandsvorsitzende und heutige Finanzinvestor Thomas Ludwig, „dass sie rasanten Änderungen auf den Märkten nicht folgen“.

Bei Haniel begann das Desaster, als die Familie 2007 ihre Beteiligung am Handelskonzern Metro von gut 18 auf 34 Prozent aufstockte – und sich verzockte.

Der Coup kostete gut drei Milliarden Euro, trieb die Schulden nach oben – und die Bonitätsbewertung nach unten. Dass sich die Haniels auf das Finanzabenteuer einließen, dürfte auch daran gelegen haben, dass die Zahl der Familienmitglieder über die Jahre auf mehr als 620 Anteilseigner gestiegen ist – und damit der Bedarf, immer mehr Gewinn ausschütten zu müssen.

Zugleich entfremdete sich der Clan. Für etliche Familienmitglieder ist Haniel kaum mehr als eine Investmentholding, garniert mit ein wenig Brauchtumspflege. Der Metro-Deal schien da nur allzu verlockend.

Zu grosse persönliche Nähe

Doch das mögliche Kalkül des Clans und des damaligen Holding-Chefs Eckhard Cordes, einzelne Metro-Töchter zu verkaufen, um einen Teil des Kaufpreises schnell wieder einzuspielen, ging nicht auf.

Kurz nach dem Deal enterte Cordes in Personalunion die Metro-Spitze, konzentrierte sich später aber auf die Führung des Handelskonzerns. Bei Haniel folgte ihm der frühere McKinsey-Cheftheoretiker Kluge, der nach dem Metro-Patzer eigentlich für Ruhe in der Holding sorgen sollte.

Das Gegenteil geschah: Aufbruchstimmung verbreitete Kluge nur im Management der Haniel-Töchter. Im Sommer musste Fritz Oesterle, langjähriger Chef des Stuttgarter Pharmahändlers Celesio, seinen Posten räumen.

Noch beeindruckender fiel das Hickhack um die Vertragsverlängerung von Metro-Chef Cordes aus. Erst soll Kluge, zugleich Metro-Aufsichtsratschef, sich dem Vernehmen nach gegen eine Vertragsverlängerung ausgesprochen haben, dann wieder dafür, wenn auch nicht allzu enthusiastisch.

Nachdem Cordes schließlich entnervt hinschmiss, quittierte auch Kluge den Dienst. Dass Familienoberhaupt Franz Markus Haniel nicht früher in das Gezerre eingriff, lasten ihm nun interne wie externe Kritiker an. Für 2012 dürfte das Familienkonglomerat noch solide Zahlen vorlegen. Schwierig könnten aber die Folgejahre werden.

2014 muss rund eine Milliarde Euro zurückgezahlt oder umgeschuldet werden. Allein mit den Dividendenzahlungen der Beteiligungen ist das nicht zu stemmen. Schon geht im Haniel-Reich die Angst um, dass Banken künftig mitregieren oder dereinst gar in den Aufsichtsrat einziehen könnten.

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