Insolvente Drogerie-Kette Schlecker verkauft zu teuer

Der Preisabstand des Pleite-Drogisten Schlecker zu Rivalen wie dm ist gewaltig und gefährdet die Sanierung des Konzerns.

Schleckers teure "Discounter-Preise"
Eine junge Frau trägt einen Lippenbalsamstift auf Quelle: dapd
Eine Kundin lässt sich von einer Friseurin die Haare färben Quelle: dapd
Mit einer 9,4 Meter langen Zahnbürste demonstriert die Dr.Best-Forschung die flexible Borstenverankerung ihrer neuesten Zahnbürstenentwicklung. Quelle: obs
Zwei blonde Personen auf dem Catwalk Quelle: REUTERS
Modells zeigen neue Frisurentrends Quelle: AP
Eine Filiale der Drogeriekette Schlecker Quelle: dpa

Die Tube Markenzahnpasta kostet bis zu 88 Prozent mehr als bei Wettbewerbern. Die Haarfarbe übertrifft die Konkurrenzpreise schon mal um mehr als 70 Prozent. Wer sich derzeit durch das Sortiment einer Schlecker-Filiale shoppt, wähnt sich eher im Apothekenhandel denn beim Drogeriediscounter. Kurz: Schlecker ist zu teuer – und das wird zunehmend zum Risiko für die Sanierung des insolventen Konzerns.

Denn längst hat sich auch unter den Verbrauchern herumgesprochen, dass Schlecker bei Weitem nicht so billig ist, wie das Ladenflair und das selbstverliehene Prädikat „preisberühmt“ vermuten lassen. Wie groß der Abstand zur Konkurrenz mittlerweile aber ist, dürfte selbst Branchenkenner überraschen und stellt wohl auch die Sanierungsagenda des vorläufigen Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz infrage.

Wer über Schleckers Schicksal entscheidet
Lange Jahre führte Anton Schlecker (2.v.l.) zusammen mit seiner Frau Christa (3.v.l.) das Unternehmen als autoritärer Alleinherrscher - kaum etwas drang aus seiner Trutzburg im schwäbischen Ehingen heraus. Im günstigsten Fall kommt es jetzt für Schlecker zu seiner sogenannten Planinsolvenz. Dann könnte die Familie, wenn auch nur begrenzt, weiter bestimmen. Allerdings wird ihnen der Insolvenzverwalter als Berater und Aufseher zur Seite gestellt. Quelle: dapd
Bevor es losgeht, muss allerdings der Insolvenzrichter Benjamin Webel vom Amtsgericht in Ulm feststellen, ob die Voraussetzungen gegeben sind, das Insolvenzverfahren überhaupt zu eröffnen - und in welcher Form es ablaufen wird. Quelle: dpa
Kommt es zur angestrebten Planinsolvenz, wäre der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz eher ein Berater. Nur bei einer regulären Insolvenz würde er die Geschäfte ganz übernehmen. Ziel einer Planinsolvenz ist es, die Firma zu erhalten, während in einem üblichen Verfahren Unternehmen oft zerschlagen oder abgewickelt werden und die Gläubiger das restliche Vermögen erhalten. Das Amtsgericht Ulm hat Geiwitz zum sogenannten starken vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt - damit erhält er Zugriff auf das komplette Vermögen Schleckers. Quelle: dpa
Einer der wichtigsten Gläubiger der Schleckers ist beispielsweise der in der Schweiz sitzende Einkaufsverbund Markant - inzwischen ist klar, dass die Kooperation zunächst fortgesetzt wird. Warenbestellungen, Lieferungen und Abrechnungen für die deutschen Läden sind damit wieder sichergestellt. Quelle: dpa
Neben Markant hatte auch der Konsumgüterkonzern Unilever Schlecker-Filialen nicht mehr beliefert. Inzwischen haben die Läden wieder ihren vollen Betrieb aufgenommen. Über 140 Lieferzusagen verschiedenster Unternehmen liegen dem Insolvenzverwalter Geiwitz vor. Dazu zählen auch die großen Konsumgüterhersteller Beiersdorf, Henkel und Procter & Gamble. Quelle: dpa
Die Gläubiger spielen für die Zukunft von Schlecker eine wichtige Rolle - glauben sie an eine Zukunft der Drogeriekette müssen sie diese auch finanziell mittragen. Für die angestrebte Planinsolvenz ist es entscheidend, sie davon zu überzeugen, dass Anton Schlecker den Turnaround aus dem operativen Geschäft oder privaten Rücklagen schafft. Quelle: ap
Auch der der Bielefelder Kosmetik- und Pharmahersteller Dr. Wolff hat ein Interesse daran, dass der deutsche Drogeriemarkt in Zukunft möglichst viele Spieler hat und Schlecker das Verfahren übersteht. Quelle: dpa
Sechs Millionen Kunden hat Schlecker in den vergangenen fünf Jahren verloren. Für sie muss bei einem Neustart von Schlecker deutlich sein, dass sich etwas ändert, meinen Marktforscher. Eine Insolvenz würde Konsumenten eher abschrecken. Nur in Kleinstädten, wo für sich Kunden darüber sorgen, dass eine andere Drogerie nur mit dem Auto zu erreichen wäre, könnte eine Pleite die Leute zum Einkaufen bewegen. Quelle: dpa
Unterdessen bangen zehntausende Mitarbeiter um ihre Jobs - europaweit arbeiten mehr als 40.000 Menschen bei Schlecker, davon etwa 30.000 in Deutschland. Sobald das Insolvenzgericht in Ulm das Verfahren eröffnet, hat Schlecker weitreichende Möglichkeiten, um auf den Abbau von Stellen hinzuwirken. Aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gibt es allerdings offene rechtliche Fragen, denn eigentlich gilt bis zum Sommer ein Beschäftigungssicherungsvertrag. Der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske spricht von einer "dramatischen Situation", da so viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden. "Wir werden uns als Gewerkschaft mit aller Kraft für die zigtausend Kolleginnen und Kollegen einsetzen." Quelle: dpa
Während die Banken entspannt sein können, weil Schlecker bei ihnen wohl kaum Schulden hat, könnte die Insolvenz für einen Millionenschaden bei den Kreditversicherern sorgen. Bei ihnen sichern sich die Lieferanten gegen mögliche Zahlungsausfälle ab. Der drittgrößte Rückversicherer der Welt müsse im Fall der Schlecker-Pleite möglicherweise mit mehr als zehn Millionen Euro für entstandene Einbußen einstehen. Quelle: dpa
Ende März waren bei Schlecker 10.000 Mitarbeiter entlassen worden, in der Mehrzahl Frauen. Zuvor war die Finanzierung einer Auffanggesellschaft für die Gekündigten gescheitert. Schlecker hat noch 13.500 Beschäftigte. Quelle: Reuters

Schlecker ist im Durchschnitt 16 Prozent teurer als dm

Nach einer exklusiven Analyse des Berliner Preisspezialisten GKL Marketing-Marktforschung für die WirtschaftsWoche kosten Markenartikel in den Schlecker- Läden rund 16 Prozent mehr als in klassischen dm-Filialen – wohlgemerkt im Durchschnitt. Im Vergleich zu besonders preisaggressiven dm-Läden beträgt der Abstand sogar mehr als 20 Prozent. Rossmann ist je nach Filialtyp immerhin 8 bis 16 Prozent billiger.

Für die Untersuchung haben die GKL-Experten Ende Januar 2012 die Regalpreise all jener Markenartikel verglichen, die es bei allen relevanten Anbietern zu kaufen gibt. Die Schnittmenge: rund 1700 Produkte vom Deo bis zum Badesalz, nur Aktionsangebote blieben außen vor.

Für den schwäbischen Pleite-Drogisten fällt die Preisbilanz verheerend aus: „Schlecker ist weiterhin der mit Abstand teuerste Anbieter“, sagt GKL-Chef Ulrich Gallinat. Das Unternehmen habe sich zuletzt regelrecht aus dem Markt gepreist.

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