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Insolvente Drogeriekette Schlecker-Mitarbeiter starten Selbsthilfegruppe

Lange Zeit galt Schlecker als Prototyp des Ausbeuterunternehmens – nun machen sich ausgerechnet die Mitarbeiter für ihren insolventen Skandal-Arbeitgeber stark und haben einen Verein gegründet. Das Motto: Wir wollen Schlecker retten.

Mitarbeiter der Drogeriemarktkette Schlecker verteilen in Stuttgart Flugblätter. Die Angestellten des insolventen Unternehmens haben den Verein «Wir wollen Schlecker retten» gegründet und damit ihren Beitrag zur Rettung der Firma leisten Quelle: dpa

Der Treuedank prangt auf Seite 7. In einer ganzseitigen Werbeanzeige in der „Bild“ bedanken sich die Eigentümer-Familie Schlecker und die Mitarbeiter der Drogeriekette bei ihren Kunden für ihre Treue während des Insolvenzverfahrens. „Wir sind gerne für Sie da“, heißt es in der Anzeige, zugleich berichten Mitarbeiter, warum sie gerne in den Märkten arbeiten: So gebe es „einen guten Tarifvertrag“, Schlecker sei ein „verlässlicher Arbeitgeber“, der „gute Arbeitsbedingungen bietet“, zudem wolle man die „offene Unternehmenskultur weiter entwickeln“.

Bei der Lektüre dürfte sich vielen Konsumenten derweil die Frage stellen, welches Unternehmen eigentlich gemeint ist. Zu lange galt Schlecker als Symbol für Dumping und Ausbeutung, war der erklärte Feind der Gewerkschaft Verdi. 1998 wurden Anton und Christa Schlecker zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt, weil sie Beschäftigten vorgegaukelt hatten, sie würden nach Tarif bezahlt.

Bildergalerie: Wer über Schleckers Schicksal entscheidet

Wer über Schleckers Schicksal entscheidet
Lange Jahre führte Anton Schlecker (2.v.l.) zusammen mit seiner Frau Christa (3.v.l.) das Unternehmen als autoritärer Alleinherrscher - kaum etwas drang aus seiner Trutzburg im schwäbischen Ehingen heraus. Im günstigsten Fall kommt es jetzt für Schlecker zu seiner sogenannten Planinsolvenz. Dann könnte die Familie, wenn auch nur begrenzt, weiter bestimmen. Allerdings wird ihnen der Insolvenzverwalter als Berater und Aufseher zur Seite gestellt. Quelle: dapd
Bevor es losgeht, muss allerdings der Insolvenzrichter Benjamin Webel vom Amtsgericht in Ulm feststellen, ob die Voraussetzungen gegeben sind, das Insolvenzverfahren überhaupt zu eröffnen - und in welcher Form es ablaufen wird. Quelle: dpa
Kommt es zur angestrebten Planinsolvenz, wäre der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz eher ein Berater. Nur bei einer regulären Insolvenz würde er die Geschäfte ganz übernehmen. Ziel einer Planinsolvenz ist es, die Firma zu erhalten, während in einem üblichen Verfahren Unternehmen oft zerschlagen oder abgewickelt werden und die Gläubiger das restliche Vermögen erhalten. Das Amtsgericht Ulm hat Geiwitz zum sogenannten starken vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt - damit erhält er Zugriff auf das komplette Vermögen Schleckers. Quelle: dpa
Einer der wichtigsten Gläubiger der Schleckers ist beispielsweise der in der Schweiz sitzende Einkaufsverbund Markant - inzwischen ist klar, dass die Kooperation zunächst fortgesetzt wird. Warenbestellungen, Lieferungen und Abrechnungen für die deutschen Läden sind damit wieder sichergestellt. Quelle: dpa
Neben Markant hatte auch der Konsumgüterkonzern Unilever Schlecker-Filialen nicht mehr beliefert. Inzwischen haben die Läden wieder ihren vollen Betrieb aufgenommen. Über 140 Lieferzusagen verschiedenster Unternehmen liegen dem Insolvenzverwalter Geiwitz vor. Dazu zählen auch die großen Konsumgüterhersteller Beiersdorf, Henkel und Procter & Gamble. Quelle: dpa
Die Gläubiger spielen für die Zukunft von Schlecker eine wichtige Rolle - glauben sie an eine Zukunft der Drogeriekette müssen sie diese auch finanziell mittragen. Für die angestrebte Planinsolvenz ist es entscheidend, sie davon zu überzeugen, dass Anton Schlecker den Turnaround aus dem operativen Geschäft oder privaten Rücklagen schafft. Quelle: ap
Auch der der Bielefelder Kosmetik- und Pharmahersteller Dr. Wolff hat ein Interesse daran, dass der deutsche Drogeriemarkt in Zukunft möglichst viele Spieler hat und Schlecker das Verfahren übersteht. Quelle: dpa

Gut zehn Jahre später sorgte Schlecker wieder für Schlagzeilen: Er ließ Mitarbeiter über eine konzerneigene Leiharbeitsfirma zu Niedriglöhnen beschäftigen. Doch die Praxis wurde nach öffentlichen Protesten wieder abgestellt, Schlecker schloss einen Tarifvertrag mit Verdi. Seither waren selbst gestandene Gewerkschafter wie der für Schlecker zuständige Verdi-Mann Achim Neumann bisweilen verblüfft über die Veränderungen beim alten Erzfeind.

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