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Insolvenzen Kandidaten für den Untergang

Dax auf Rekordkurs, Konsumklima ungetrübt, Euro-Krise ad acta - also alles im Lot in der deutschen Wirtschaft? Von wegen: Insolvenzexperten haben die potenziellen Opfer des nächsten Abschwungs identifiziert.

Einzelhandel mutiert zur Krisenbranche
Weltbild VerlagDas insolvente Medienunternehmen bekommt einen neuen Investor. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gab dem Düsseldorfer Familienunternehmen Droege International Group den Zuschlag und brach die Verhandlungen mit dem Münchner Finanzinvestor Paragon Partners ab. Gemeinsam werde man die Sanierung mit dem geplanten Abbau von Stellen und Buchläden fortsetzen: "Die Restrukturierung für sich ist noch nicht abgeschlossen." Droege zeichnet eine Kapitalerhöhung von 20 Millionen Euro und erhält im Gegenzug eine 60-prozentige Beteiligung. Die übrigen 40 Prozent hält Geiwitz für die Gläubiger. Nach den bisherigen Plänen sollen 167 Filialen erhalten bleiben, die Zahl könnte aber weiter schrumpfen. Weltbild hatte am 10. Januar 2014 Insolvenz beantragt. Der Aufsichtsrat sah keine Finanzierungsmöglichkeit für eine Sanierung. Noch sind 2100 Mitarbeiter bei Weltbild beschäftigt. Der Augsburger Verlag war eines der größten Medienhäuser in Europa und gehörte zwölf katholischen Diözesen in Deutschland, dem Verband der Diözesen Deutschlands sowie der katholischen Soldatenseelsorge in Berlin. Weltbild litt zuletzt auch unter der Konkurrenz des US-Giganten Amazon. Konkreter Auslöser für die aktuellen Schwierigkeiten war nach Unternehmensangaben ein Umsatzrückgang in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013/14. Quelle: dpa
KarstadtKarstadt-Investor Nicolas Berggruen möchte sich endgültig von den Warenhäusern trennen - das berichtet die Bild-Zeitung. Er verhandele mit der österreichischen Investorengruppe Signa des Unternehmers René Benko. Benko hatte im vergangenen Herbst bereits die drei Premium-Häusern und 28 Sportwarenhäusern der Kette gekauft. Die Berggruen-Holdings ist bisher noch mit einem Anteil von 24,9 Prozent an beiden Geschäftsbereichen beteiligt, außerdem gehören ihr noch die 83 Warenhäuser der Karstadt-Gruppe. Diese könnten nun - so die Bild - für nur einen Euro den Besitzer wechseln. Auch Berggruen hatte seiner Zeit nur einen symbolischen Euro für die marode Warenhaus-Gruppe gezahlt. Erst vor wenigen Tage hatte Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt nach nur wenigen Monaten im Konzern hingeschmissen. Quelle: ddp
KarstadtDer Warenhauskonzern Karstadt will bis Ende 2014 insgesamt 2000 Stellen abbauen. Die Branche leidet unter massiven Überkapazitäten außerdem wandern immer mehr Kunden ins Internet ab. Der Stellenabbau soll so sozialverträglich wie möglich umgesetzt werden und primär über Frühpensionierungen, Nichtverlängerung von befristeten Verträgen sowie freiwilligen Austritt erfolgen. Die Gewerkschaften werfen Karstadt-Investor Nicolas Berggruen vor, nicht genug zu investieren. Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Lage bei Karstadt abermals verschärft, das Umsatzziel für das Geschäftsjahr wurde bereits um 230 Millionen Euro auf 3,1 Milliarden Euro herunterkorrigiert. Quelle: dpa
Strauss InnovationDie angeschlagene Warenhauskette hat am 22. April mit dem Räumungsverkauf begonnen. Ende März hatte das Unternehmen bekanntgegeben, mehr als jede fünfte der insgesamt 96 Filialen schließen und 200 Mitarbeiter entlassen zu wollen. Strauss-Läden gibt es in 59 deutschen Städten. Durch ein zügiges Insolvenzverfahren will man die restlichen 1200 Arbeitsplätze erhalten. Der größte Teil der Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren, soll die Möglichkeit bekommen, für sechs Monate in eine Qualifizierungsgesellschaft zu wechseln. Die Warenhauskette Strauss Innovation hat am 30. Januar 2014 beim Amtsgericht Düsseldorf einen Antrag auf Eröffnung eines Schutzschirmverfahrens eingereicht. Schuld an der Misere sollen die Wetterkapriolen im vergangenen Jahr sein. Das Frühjahr war zu kalt - Gartenmöbel & Co. blieben stehen - der Winter zu mild - auch die warmen Socken und Daunenjacken blieben hängen. Das Unternehmen gehört dem US-Investor Sun Capital, dem auch der Traditionsversandhändler Neckermann gehörte. Quelle: Screenshot
StrenesseDas Modeunternehmen geht auf Investorensuche. Die Nördlinger Designer hatten am 16. April einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Dabei bleibt der bisherige Vorstand im Amt, der externe Sachwalter wird der Geschäftsführung jedoch zur Seite gestellt. Zusätzlich wurde der Sanierungsexperte Michael Pluta in den Vorstand berufen. Vorstandschef Luca Strehle sagte, der Geschäftsbetrieb gehe uneingeschränkt weiter. „Ich bin immer noch überzeugt, dass wir auf dem absolut richtigen Weg sind. Der jetzige Schritt ist eine Zäsur, um die Sanierung voranzutreiben, ohne den Mühlstein der Altlasten mitschleppen zu müssen.“ Durch die Insolvenz gewinne man enorm an Liquidität. Strenesse gehört seit rund 65 Jahren der Familie Strehle. In den vergangenen Jahren hatte man jedoch mit sinkenden Umsätzen und tiefroten Zahlen zu kämpfen. Erst im Februar stand Strenesse vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Inhaber einer Schuldverschreibung über zwölf Millionen Euro entschieden, dass Strenesse drei Jahre Luft bekommt und das Geld erst 2017 zurückzahlen muss. Strenesse beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und unterhält 15 eigene Geschäfte sowie Showrooms in München, Düsseldorf, Mailand, New York und Tokio. Im Geschäftsjahr 2011/2012 betrug der Umsatz des Konzerns 66,5 Millionen Euro. Quelle: Screenshot
Abercrombie & Fitch Der US-Modekette Abercrombie & Fitch bricht das Geschäft immer weiter weg. Der Umsatz fiel im abgelaufenen Quartal um zwölf Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar, der Gewinn stürzte sogar um 58 Prozent auf 66,1 Millionen Dollar ab. Abercrombie & Fitch - auf Jugendliche spezialisiert und für seine leicht bekleideten Modelle bekannt - verliert seit längerem Kunden an Konkurrenten wie Zara, Forever 21 oder H&M. Sie wechseln ihre Kollektionen öfter und sind zudem günstiger.  Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Trade und Retail und Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein prognostizierte auf WirtschaftsWoche Online bereits Ende vergangenen Jahres: „Ich glaube nicht, dass es Abercrombie & Fitch noch lange in Deutschland geben wird. Ihr Geschäftsmodell ist zu angreifbar und kippt gerade in den USA, so dass es höchstwahrscheinlich bald zum Rückzug aus Übersee kommt.“ Quelle: REUTERS
Die Baumarkt-Kette Max Bahr mit ehemals bundesweit 132 Standorten wird zerschlagen. Die Übernahmegespräche mit der Hellweg-Gruppe über die verbliebenen 73 Märkte waren Mitte November gescheitert; Ende November scheiterte dann auch eine Übernahme durch Globus. Am 28. November wurde dann bekannt, dass die Mannheimer Baumarktkette Bauhaus 24 Standorte des insolventen Konkurrenten übernimmt. Damit sollen rund 1300 der noch verbliebenen 3600 Arbeitsplätze abgesichert sein. Max Bahr hatte am 26. Juli 2013 die Eröffnung von Insolvenzverfahren wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit beantragen müssen. Mutterkonzern Praktiker hatte am 11. Juli den Gang zum Insolvenzrichter absolviert. Quelle: dpa

Wer steht auf der Todesliste? Ein schlichter Zettel in der Schreibtischschublade, eine verschlüsselte Computerdatei oder ein reiner Merkposten - wohl fast jeder Insolvenzverwalter und Sanierungsberater führt eine Liste möglicher Pleiteaspiranten. Offen nennen will kaum jemand seine Kandidaten für den Untergang. Doch über die Branchen, denen die nächsten Einschläge drohen, herrscht in der Saniererzunft ungewohnte Einigkeit: Im Einzelhandel, im Schrott- und Stahlgeschäft, bei Autozuliefern und Reedereien besteht akute Crash-Gefahr.

Dabei könnte die gesamtwirtschaftliche Lage auf den ersten Blick kaum besser sein. Der deutsche Börsenleitindex  Dax erklimmt Rekordstände. Das in den vergangenen Jahren allgegenwärtige Getöse um die Euro-Krise scheint langsam abzuklingen. Und selbst die Insolvenzzahlen verharren insgesamt auf niedrigem Niveau. Doch bei Skeptikern wächst die Sorge, dass die vermeintlich stabile Lage nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm ist. Wenn das Wachstum in China nachlässt, die Sorge um die Eurozone wieder aufflammt und der deutsche Binnenkonsum ob der steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten bröckelt, könnte die Situation schnell kippen. Für viele angeschlagene Unternehmen, die sich in Branchen tummeln, die unter Überkapazitäten und strukturellen Veränderungen ächzen,  dürfte es dann heißen: Fortführungsprognose negativ.

Vor allem unter deutschen Händlern sehen Experten Pleitiers in spe. "Im deutschen Einzelhandel kommt permanent neue Verkaufsfläche hinzu, während die Konsumausgaben eher stagnieren und ein Teil der Umsätze in den Online-Handel abwandert", sagt etwa der Ulmer Insolvenzverwalter Michael Pluta. "Das muss zwangsläufig zu Verwerfungen führen."

Dem Gang von Praktiker, Neckermann und Schlecker dürften demnach weitere Großkrämer folgen. Das sieht auch Johann Stohner, Managing Director von Alvarez & Marsal Deutschland, einer auf Sanierungen spezialisierten Unternehmensberatung, ähnlich. "Im Einzelhandel kommen gleich mehrere Probleme zusammen", so Stohner. "Das Konsumklima geht zurück, die Mieten, Energie- und Personalkosten steigen, zugleich ändern sich die Einkaufsgewohnheiten der Verbraucher." Die Folge: "Der stationäre Handel verliert immer dramatischer an den Online Handel."

In den vergangenen Wochen wurde bereits über die drohende Insolvenz des Buchhändlers Weltbild spekuliert. Das Management wies derlei Szenarien zwar weit von sich. Doch klar ist auch: Das Unternehmen muss sein Geschäftsmodell gründlich renovieren, um auf Dauer gegen Konkurrenten wie Amazon punkten zu können. Kaum besser geht es den Modefilialisten, die sich nicht nur gegen Wetterkapriolen sondern auch gegen neue Rivalen wie Zalando behaupten müssen. So schrammte Deutschlands drittgrößter Textildiscounter NKD nach Informationen der WirtschaftsWoche im Frühjahr nur knapp an der Insolvenz vorbei. Der Mehrheitseigentümer musste Geld nachschießen und Ralf Schmitz von der Kölner Sanierungskanzlei Ziems und Partner übernahm als NKD-Interimsgeschäftsführer das Kommando. Allzu viel Gegenwind könnte dessen Stabilisierungsbemühungen erheblich erschweren.

Die Luft wird dünner

Baumarktkette Max Bahr wird zerschlagen
Max BahrDie zahlungsunfähige Pratiker-Tochter Max Bahr wird zerschlagen. Die Übernahme von 73 Märkten durch die Dortmunder Hellweg-Gruppe ist am 15. November offiziell gescheitert. Insolvenzverwalter Jens-Sören Schröder sagte, es sei nicht gelungen, sich mit der ebenfalls insolventen Hauptvermieterin Moor Park MB über die Mietverhältnisse zu einigen. Moor Park vermietet 66 der 73 Standorte, die das Konsortium um Hellweg übernehmen wollte. Damit bleibt von dem ehemaligen Praktiker-Konzern nichts übrig. Die Kette umfasste einmal 315 Märkte und beschäftigte rund 15.000 Mitarbeiter. Die meisten Standorte sind bereits geräumt oder im Ausverkauf und sollen einzeln verwertet werden. Auch die Max-Bahr-Märkte werden nun ausverkauft. Quelle: dpa
PraktikerDie Baumarktkette hat am 11. Juli beim Amtsgericht Hamburg offiziell Gläubigerschutz beantragt. Gespräche über die weitere Finanzierung des Sanierungspakets sind am 10. Juli 2013 gescheitert. Damit ist Praktiker nicht nur überschuldet, sondern auch zahlungsunfähig. Praktiker hätte nach eigenen Angaben frisches Geld gebraucht - rund 30 bis 35 Millionen Euro - nachdem der fest eingeplante Verkauf der drei luxemburgischen Batiself-Baumärkte nach einem Rückzieher des Käufers gescheitert war. Fortwährende Rabattaktionen ("20 Prozent auf alles") brachten den Konzern 2011 an den Rande des Ruins. Es folgt die Sanierung, die vorsah, Praktiker-Märkte auf die Schwestermarke Max Bahr umzustellen. 2012 setzte Praktiker mit seinen 430 Märkten rund drei Milliarden Euro um, das reichte jedoch nicht, um die entstandenen Schulden zu tilgen. 18.000 Mitarbeiter bangen nun um ihre Zukunft. Quelle: dpa
Neckermann Es ist der dritte Pflegefall aus dem Arcandor-Nachlass. 2010 kaufte der amerikanische Finanzinvestor Sun Capital den Versandhändler und strukturiert kräftig um. Das Geschäft mit gedruckten Katalogen wurde eingestampft. 1.400 der 2.500 Stellen in Deutschland fallen dem zum Opfer. Die Mitarbeiter fordern Abfindungen; die Konzernspitze beklagt, dazu fehle das Geld. Nun hat sich Verdi und das Management über den weiteren Abbau von 1380 Arbeitsplätze nicht einigen können. Sun Capital werde keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen, teilte das Unternehmen mit. Damit ist das Unternehmen pleite. Quelle: dpa
Schlecker Ende Februar 2012 meldete der Branchenprimus der Drogeriemärkte Insolvenz an. Bereits im Geschäftsjahr 2010 war der europaweite Umsatz von Schlecker um 650 Millionen Euro auf 6,55 Milliarden Euro gesunken. Auch 2011 wurden sinkende Erlöse erwartet, Zahlen zum Gewinn oder Verlust nannte Schlecker traditionell nicht. Die Mitarbeiterzahl lag Ende 2011 bei über 30.000 in Deutschland und weiteren rund 17.000 im Ausland. Da sich bis Anfang Juni 2012 kein Investor für Schlecker gefunden hatte, musste Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz das endgültige Aus der Drogeriemarkkette verkünden. Die Pleite der Drogeriekette hat nun ein juristisches Nachspiel: Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Es geht um den Verdacht der Untreue, Insolvenzverschleppung und des Bankrotts. Quelle: dapd
KarstadtDer Handels- und Touristikkonzern Arcandor - Hauptaktionäre waren die Privatbank Sal. Oppenheim und die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz - rutscht 2009 in die Pleite. Der Geschäftsbereich Warenhaus mit den Karstadt-Häusern geht für fünf Millionen Euro im Juni 2010 an die Holding des deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen und ist damit vorerst gerettet. Bis 2016 - so Pläne von Dezember 2011, die der WirtschaftsWoche vorliegen - soll der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bis 2016 rund 272 Millionen Euro betragen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 lag der Umsatz bei 3,228 Milliarden Euro. Karstadt schrieb einen ansehnlichen operativen Gewinn (Ebitda) von 103 Millionen Euro. Am 16. Juli gab Karstadt bekannt, 2000 Stellen streichen zu müssen. Quelle: REUTERS
QuelleDas zweite Opfer der Arcandor-Pleite: Von den 50ern bis in die 1990er Jahre stand Quelle als Synonym für den deutschen Versandhandel. Im Juni 2009 kam das Aus. Kein Investor wollte das Versandhaus, das bereits seit 1999 zum Karstadt-Konzern gehörte. Seit August 2011 können Quelle-Fans unter www.quelle.de bei einer Tochter des Otto-Versands bestellen. Die Marke Quelle lebt nur noch im Internet weiter. Quelle: AP
Ein Mann betritt einen IhrPlatz Drogeriemarkt Quelle: dpa

Auch bei Autozulieferern steigt die Insolvenzgefahr, "da die großen Hersteller ihren Preisdruck eins zu eins weitergeben", erwartet. Zumal die schon in der Vergangenen auf Effizienz getrimmten Unternehmen kaum noch über ungenutzte Sparpotenziale verfügen. "Die nächsten Schnitte gehen ins Fleisch", sagt Alvarez&Marsal-Experte Stohner.

Irgendwo zwischen  Autobranche und Handel lässt sich auch die Werkstattkette A.T.U. einsortieren - die sich damit in der Schnittmenge zweier Krisenbranchen bewegt und nebenher noch allerlei hausgemachte Probleme mit sich führt. Im Mai 2014 werden zwei Anleihen über insgesamt 450 Millionen Euro fällig, im Herbst müssen weitere 150 Millionen Euro refinanziert werden. Dass der Eigentümer, die Private Equity Firma KKR , nochmals Geld nachschießt, ist wenig wahrscheinlich. Und so deutet vieles auf einen Schuldenschnitt hin. Der US-Finanzinvestor Centerbridge soll mit KKR über eine Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital verhandeln. Doch scheitern die Gespräche, sieht es finster aus.

In die A.T.U.-Geschäftsführung wurde bereits der auf den Automotive-Sektor spezialisierte Insolvenzjurist Detlef Specovius von Schultze & Braun berufen. Die Rating-Agentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit der Kette Ende August auf "Caa3". Das Kürzel steht für eine hohe Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls.

Jenseits automobiler Crash-Gefahren funkt auch die Schifffahrtsbranche weiter SOS. "Die deutschen Reedereien stecken mitten in einer schweren Krise, deren Ende noch nicht absehbar ist.", sagt Michael Baur, Deutschland-Chef von AlixPartners, einem global tätigen Beratungsunternehmen. Für Schifffondseigner und die entsprechend Fondsvertriebsfirmen dürften die Zeiten trotz des jahrelangen Niedergangs demnach schwierig bleiben. Aber auch in anderen zyklischen Branchen wie der Touristik "wird die Luft dünner", erwartet Baur. Zuletzt mussten bereits Reiseunternehmen wie GTI Travelund der Hamburger Hotelvermittler Navelar Insolvenz anmelden.

Zudem geht Baur davon aus, dass nun bereits bekannte Krisenkandidaten  die zweite Runde drehen könnten. "Vor allem Unternehmen, die in den vergangenen Jahren schon eine harte Sanierung oder gar Insolvenz durchlaufen haben und deren Situation auch in der jetzt günstigen konjunkturellen Lage weiterhin problematisch ist, könnten eine erneute Krise kaum überstehen."

Gerade die in den vergangenen Jahren vermeintlich geretteten Solarunternehmen könnten in den kommenden Monaten wieder auf die Sanierungsagenda rücken. Alvarez&Marsal-Mann Stohner ist zudem davon überzeugt, dass den deutschen Stahlherstellern Ungemach droht. Die Turbulenzen um ThyssenKrupp und Salzgitter waren demnach nur die Ouvertüre zu einem Marktrequiem, das gerade erst begonnen hat. "Die deutsche Stahlindustrie befindet sich in einer Sandwich-Position", erklärt Stohner. "Einerseits kämpfen die zentralen Kunden aus der Bau- und Autoindustrie selbst mit Problemen und geben den Preisdruck weiter. Andererseits liegt das weltweite Geschäft Eisenerz - dem wichtigsten Grundstoff  der Stahlindustrie - in den Händen eines Oligopols, auf das die deutschen Produzenten wenig Einfluss haben. Hinzu kommen massive Überkapazitäten und steigende Energiekosten."

Erhebliche Gefahren bei Mittelstandsanleihen

In diesen Branchen gehen die meisten Firmen pleite
Platz 10: Finanz- und Versicherungsdienstleistungen2011 wurde in dieser Branche 902 Insolvenzen registriert. Quelle: Fotolia
Platz 9: Grundstücks- und WohnungswesenDie Branche hat im vergangenen Jahr 1152 Unternehmenspleiten gezählt. Quelle: Fotolia
Platz 8: Sonstige DienstleistungenBei diesen Dienstleistungen (Verbände, Interessensvertretungen, Reparatur von Gebrauchsgütern, Frisöre & Kosmetiksalons) wurden im Jahr 2011 1166 Insolvenzen registriert. Quelle: dpa
Platz 7: Verkehr und LagereiDie Transportbranche (Güter & Personen) zählte im vergangenen Jahr 2 162 Insolvenzen. Quelle: dpa
Platz 6: Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden, Verarbeitendes GewerbeDie Branche musste im Jahr 2011 2 267 Insolvenzen erleiden. Quelle: dpa
Platz 5: Sonstige wirtschaftliche DienstleistungenDas Geschäft mit Videotheken, Verleihung von Gebrauchsgütern sowie von Arbeitskräften lief 2011 nicht gut - 2 558 Insolvenzen wurden hier gemessen. Insgesamt hat die gesamte Dienstleistungsbranche den höchsten Anteil von Firmenpleiten im Jahr 2011 - 34,9 Prozent aller zahlungsunfähigen Unternehmen stammen aus diesem Wirtschaftszweig. Quelle: dpa
Platz 4: Freiberufliche, wissenschaftliche und technische DienstleistungenWirtschaftsprüfer, Kanzleien, Ingenieursbüros, usw. - im Jahr gab es in diesem Bereich bis zu 3 128 Pleiten. Quelle: Fotolia

Als problematisch gilt etwas die Situation des Schrottrecycling-Unternehmens Scholz. Ende August hat sich die Gesellschaft mit ihren Finanzgläubigern auf ein Stillhalteabkommen verständigt. Demnach setzt die Scholz Gruppe, die  mit rund einer Milliarde Euro verschuldet ist, bis Ende 2014 sämtliche Tilgungsleistungen aus.  Ob das ausreicht, um das Unternehmen zu retten? Auch einzelne Geschäftsfelder sollen verkauft werden, um die Schuldenlast zu drücken. Doch sollte der gesamte Sektor in die Krise rutschen, werden auch Verkäufe zunehmend schwieriger. Trotz des verabschiedeten Sanierungskonzepts signalisiert der Kursverlauf einer bis 2017 laufenden Anleihe des Unternehmens, dass Investoren skeptisch bleiben.

Erhebliche Gefahren sehen Insolvenzexperten ohnehin bei den so genannten Mittelstandsanleihen. Kritiker betonen, dass sich hinter den klangvollen Namen mancher Unternehmen Sanierungsfälle verbergen. "Fast alle Emittenten von Mittelstandsanleihen haben erhebliche Probleme und wenig Substanz", urteilt Robert Buchalik, Partner der auf Sanierungsthemen spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei Buchalik Brömmekamp. "Mit dem Geld der Anleger wurden oft Bankverbindlichkeiten abgelöst. Die Kreditinstitute haben sich aus der Gefahrenzone verabschiedet und das Risiko an Privatanleger durchgereicht", sagt Buchalik.

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Ob  Mittelständler wie der Tütensuppenproduzent Zamek ihre Anleihen dereinst zurückzahlen können, gilt als fraglich. Die Eigenkapitalquote von Zamek rutschte Ende 2012 bereits unter drei Prozent, gesund wären 30 Prozent. Mit dem Windpark-Initiator Windreich meldete jüngst bereits ein anderer Anleiheemittent Insolvenz an. Der Hallenser Insolvenzverwalter Lucas Flöther vermutet die nächste Pleitewelle indes weniger in der Privatwirtschaft als bei kommunalen Unternehmen etwa Krankenhäusern oder Kultureinrichtungen. "Ihre Gesellschafter, die Städte und Gemeinden sind oft selber klamm und können Verluste nur schwer ausgleichen", sagt Flöther.

Den Kommunen käme der Werkzeugkasten des reformierten Insolvenzrechts gerade recht. "Schutzschirmverfahren bieten die Möglichkeit die Kosten runterzufahren, Haustarifverträge zu kappen und den Betrieb gleichzeitig aufrecht zu erhalten", sagt Flöther. "Das sehen jetzt auch viele Stadt-Kämmerer."

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