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Insolvenzen Machtkampf ums Müsli

Ein bizarrer Streit gefährdet die Rettung von Europas größtem Cerealienproduzenten Dailycer und legt die Schwächen des neuen Insolvenzrechts offen.

Es knirscht im Insolvenzverfahren von Dailycer. Die Beteiligten überziehen sich mit Anträgen und Beschwerden, Sanierungschancen zerbröseln. Quelle: Getty Images

Sein Thema hatte Insolvenzverwalter Lucas Flöther mit Bedacht gewählt. Über „die Reform des Insolvenzrechts – mehr Schein als Sein?“ sprach der frischgekürte Honorarprofessor Anfang September bei seiner Antrittsvorlesung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Bei der Beantwortung der Frage dürften auch Flöthers Erfahrungen mit einem eigenen Verfahren eingeflossen sein. Flöther spielt bei der Insolvenz von Europas größtem Cerealienproduzenten Dailycer eine entscheidende Rolle – und wohl kein Verfahren erregt die Gemüter von Insolvenzverwaltern, Sanierungsberatern und Insolvenzrichtern derzeit ähnlich wie der Fall des Frühstücksflockenherstellers.

Je nach Perspektive taugt das Dailycer-Verfahren als Beleg dafür, wie Großgläubiger und mit ihnen verbandelte Sanierer zunehmend in Pleiteverfahren hineingrätschen, oder aber dafür, wie Richter und Verwalter eisern ihre angestammten Pfründe verteidigen.

Dabei gehört die Havarie des Müsli-Konzerns mit zuletzt rund 300 Millionen Euro Umsatz und 800 Mitarbeiter an den deutschen Standorten Lüneburg und Tangermünde im Grunde zu den Routinefällen der Branche. Doch rund um Dailycer hat sich eine regelrechte Daily Soap des Pleitewesens entsponnen, ein Machtkampf, der nicht nur die Rettung des Unternehmens gefährdet, sondern auch die Schwächen einer im März in Kraft getretenen Gesetzesreform offenlegt.

Was ändert sich am Insolvenzrecht?

Die Reform erweitert zwar den Instrumentenkasten bei der Rettung von Unternehmen, verändert aber auch das Machtgefüge. Der Verband Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) sieht bereits die Unabhängigkeit der Insolvenzverwalter bedroht. Berater, Hedgefonds und Finanzunternehmen hätten „Insolvenzverfahren als unregulierten Nebenmarkt“ entdeckt und würden bei der Verwalterauswahl teils massiven Druck ausüben, kritisiert der VID-Vorsitzende Christoph Niering. Unter Sanierungsberatern sorgen die Vorwürfe für Kopfschütteln. Dass Gläubiger mehr Einfluss ausüben, sei ein Kernanliegen der Insolvenzreform gewesen – schließlich gehe es um ihr Geld.

In diesen Branchen gehen die meisten Firmen pleite
Platz 10: Finanz- und Versicherungsdienstleistungen2011 wurde in dieser Branche 902 Insolvenzen registriert. Quelle: Fotolia
Platz 9: Grundstücks- und WohnungswesenDie Branche hat im vergangenen Jahr 1152 Unternehmenspleiten gezählt. Quelle: Fotolia
Platz 8: Sonstige DienstleistungenBei diesen Dienstleistungen (Verbände, Interessensvertretungen, Reparatur von Gebrauchsgütern, Frisöre & Kosmetiksalons) wurden im Jahr 2011 1166 Insolvenzen registriert. Quelle: dpa
Platz 7: Verkehr und LagereiDie Transportbranche (Güter & Personen) zählte im vergangenen Jahr 2 162 Insolvenzen. Quelle: dpa
Platz 6: Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden, Verarbeitendes GewerbeDie Branche musste im Jahr 2011 2 267 Insolvenzen erleiden. Quelle: dpa
Platz 5: Sonstige wirtschaftliche DienstleistungenDas Geschäft mit Videotheken, Verleihung von Gebrauchsgütern sowie von Arbeitskräften lief 2011 nicht gut - 2 558 Insolvenzen wurden hier gemessen. Insgesamt hat die gesamte Dienstleistungsbranche den höchsten Anteil von Firmenpleiten im Jahr 2011 - 34,9 Prozent aller zahlungsunfähigen Unternehmen stammen aus diesem Wirtschaftszweig. Quelle: dpa
Platz 4: Freiberufliche, wissenschaftliche und technische DienstleistungenWirtschaftsprüfer, Kanzleien, Ingenieursbüros, usw. - im Jahr gab es in diesem Bereich bis zu 3 128 Pleiten. Quelle: Fotolia

Der akademisch anmutende Disput hat bei der Dailycer-Pleite ganz reale Folgen. Die fallierte Frühstücksflockenfirma, die für Lebensmittelketten wie Aldi Eigenmarken produziert, hatte hohe Schulden angehäuft. Als die Rohstoff- und Energiepreise stiegen, gerieten die Finanzen aus dem Lot, und der Sanierer Torsten Voß wurde als Geschäftsführer eingesetzt. Mitte Juni beantragte Voß bei den Amtsgerichten Lüneburg und Stendal das sogenannte Schutzschirmverfahren für die Gruppe.

Alte Mannschaft bleibt am Ruder

Dahinter verbirgt sich ein neues Sanierungsinstrument. Anders als beim klassischen Insolvenzverfahren übernimmt kein externer Verwalter das Kommando. Stattdessen darf die alte Geschäftsführung ihr Unternehmen in Eigenregie sanieren. Zugleich wird ein Sachwalter eingesetzt, der darüber wachen soll, dass die Interessen aller Gläubiger gewahrt bleiben. Für den Sachwalter-Posten präsentierte Geschäftsführer Voß dem Gericht den Dresdner Anwalt Andrew Seidl.

Auch die größten Gläubiger, vertreten im Gläubigerausschuss, waren einverstanden, und so akzeptierte das Gericht den Vorschlag. Einige Wochen später, am 31. August, äußerte der zuständige Richter in Stendal jedoch „erhebliche und begründete Zweifel“ an der Unabhängigkeit des Sachwalters, der als Kontrollorgan die Geschäftsführung überwachen soll.

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