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Interview »Wir könnten weiter sein«

Der führende Vorwerk-Gesellschafter Jörg Mittelsten Scheid gibt Anfang 2013 die Verantwortung in dem sich wandelnden Konzern ab – aber nicht ganz, weil der Familie ein Nachfolger fehlt.

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Jörg Mittelsten Scheid, Gesellschafter der Vorwerk AG, im Interview mit der WirtschaftsWoche Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Mittelsten Scheid, „das Verkaufen ist deutlich schwerer geworden“, klagte Vorwerk schon vor zehn Jahren. Kommt die jetzige Reform Ihres Staubsauger-Direktvertriebes zu spät?

Jörg Mittelsten Scheid: Sie kommt spät, ja, aber nicht zu spät. Es musste etwas geschehen, 80 Jahre nachdem mein Vater den Direktvertrieb an der Haustür – den er bei Hoover in den USA kennengelernt hatte – mit nach Deutschland brachte.

Acht Jahre in Folge büßte das deutsche Staubsaugergeschäft Umsätze ein und schrieb drei Jahre rote Zahlen. Ihr Fehler?

Die Vorwerk-Gruppe hat sich in dieser Zeit insgesamt stark positiv entwickelt. Der Hintergrund zum deutschen Kobold-Geschäft ist: Eigentlich wollte ich mit 65 Jahren aufhören. Aber als meine beiden Partner starben, bat mich die Familie weiterzumachen. Rausfahren in die Niederlassungen wollte ich jedoch nicht mehr. Es hat deshalb zu lange gedauert, bis ich reagiert habe, als der damalige Vertriebschef nur mit Zahlen und Härte den Direktvertrieb führen wollte. Das war ein Fehler und bewirkte diesen Rückgang – aber nur hierzulande! Vorwerk ist ja viel mehr als Staubsauger in Deutschland. Und wir haben unsere Potenziale längst nicht ausgeschöpft.

Welche Potenziale meinen Sie?

Wir haben noch viel vor und wollen noch internationaler werden. Da könnten wir weiter sein. Insbesondere bei den Thermomix-Küchenmaschinen und der Kosmetiksparte Jafra gibt es enorme Reserven. Es liegt nur an uns, in neuen Ländern zu starten. Wir haben immer noch viel Markt vor uns.

Was behindert die Expansion?

Der Direktvertrieb ist unser Alleinstellungsmerkmal. Im Management brauchen wir Leute, die nicht nur aus dem Direktvertrieb kommen, aber bereit sind, ihn zu lernen. Wir haben mehrfach versucht, Uni-Absolventen zu holen, und haben gesagt: Du musst ein halbes Jahr selbst verkaufen, dann kannst du bei uns Karriere machen. Aber das klappte nicht. Heute nehmen wir einen neuen Anlauf mit geänderten Konzepten.

Wie lange bestimmen Sie noch den Kurs? Sie sind 76 und für Unternehmensleitung wie Gesellschafter oberste Instanz.

Ich gebe den Beiratsvorsitz zum 1. Januar 2013 ab, und zwar an Rainer Baule, der jetzt mit 63 Jahren als Chef des Arzneimittelherstellers Fresenius Kabi ausscheidet. Ich bleibe aber dem Beirat, der bei uns die Befugnisse eines Aufsichtsrats hat, weiter erhalten und wurde zu dessen Ehrenvorsitzenden gewählt.

Abschied auf Raten

Streit in Familienunternehmen
Clemens Tönnies (links), Robert Tönnies Quelle: Nils Hendrik Müller für WirtschaftsWoche
Fischer DübelZwischen Jörg Fischer (36) und seinem Vater Klaus Fischer (61) krachte es so sehr, dass der Sohnemann im April 2012 hinschmiss und das Unternehmen verließ. Man habe festgestellt, dass die Vorstellung im Hinblick auf Ausrichtung und Führung des Unternehmens "gravierend unterschiedlich" seien, teilte Klaus Fischer mit. Jörg Fischer hatte die Leitung der Geschäfte erst Anfang 2011 übernommen. Jetzt führt Vater Klaus wieder das Unternehmen. Es ist nicht der erste Schlagabtausch im Hause Fischer. 2007 prozessierte Firmenpatriarch Artur Fischer erfolgreich gegen Tochter Margot Fischer-Weber. Ihr wurde gerichtlich untersagt, Vater und Bruder auf ihrer Website als „Haie, Wölfe, Schweine“ oder „Idioten" zu bezeichnen. Dem Urteil ging ein jahrelanger Rechtsstreit um das Erbe der Dübel-Dynastie voraus. Quelle: Presse
Eine Frau zeigt Minischnapsflaschen des Spirituosen-Herstellers Berentzen Quelle: dpa/dpaweb
Jette Joop und Vater Wolfgang Joop Quelle: dpa
Porsche und PiechZwei Cousins wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsam ist ihnen der Großvater Ferdinand Porsche, Erfinder des VW-Käfers. Ferdinand Piech (links) lenkt als Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen die Geschicke des Piech-Zweigs der Familie. Er gilt als stiller, aber harter Manager - ein nüchterner Zahlenmensch. Daneben Wolfgang Porsche, Aufsichtsratsvorsitzender von Porsche. Er gilt als Familienmensch, schöngeistig, weich. Der Kampf der Familien gipfelt 2009 als Porsche versucht, VW zu übernehmen. Quelle: dpa
ElectronicPartner EPZwei Jahre lang stritten die Gesellschafter des Elektronikfachhändlers aus Düsseldorf. Grund: Unternehmensnestor Harmut Haubrich hatte die Firmenleitung an seinen Neffen Oliver Haubrich (rechts im Bild - neben ihm Unternehmens-Sprecher Jörg Ehmer) abgetreten. Der hatte sie jedoch nach kurzer Zeit einem familienfremden Manager übertragen. Hartmut Haubrich hielt mit der Kritik an seinem Neffen nicht hinterm Berg. "Erbfolge ist keine Tüchtigkeitsfolge", sagte er auf einer Tagung. Ende 2012 einigte sich die Familie. Oliver Haubrich und seine Schwester Marion Wenske schieden aus der Dachgesellschaft der EP-Unternehmensgruppe aus. Quelle: dpa
Hans und Paul Riegel Quelle: PR

Also regiert Baule unter Ihnen?

Das ist bei uns keine Gefahr. Ich werde mich bewusst zurückhalten und bin gerade dabei, mich neu zu orientieren. Ich schreibe ein Buch über Pakistan – über die Frage, ob das Land Bestand haben wird oder nicht.

Wieso bewegt Sie das?

Ich kehre zu meinem alten Interessensgebiet zurück. Meine nie abgeschlossene Habilitation beschäftigte sich mit der Vermögensaufteilung zwischen Indien und Pakistan. Ich habe auch ein Jahr in Indien gelebt. 1969, als mein Onkel mich fragte, wollte ich gar nicht zu Vorwerk gehen. Ich habe ihm gesagt: Das kann ich mir nicht vorstellen, ich verstehe nichts von Wirtschaft und habe mich dafür nie interessiert. Ich blieb aber dabei, weil ich Spaß an den Aufgaben und am Umgang mit Menschen gefunden hatte, besonders im Vertrieb.

Warum nun ein Abschied auf Raten?

Es ist wichtig, dass ich im Beirat bleibe, weil wir derzeit in der Familie keinen anderen Fachmann oder Fachfrau haben, die über Beirat oder Geschäftsführung wirtschaftlich kompetent auf die Firma Einfluss nehmen könnten.

Wird Beiratschef Baule Entscheidungen gegen die Familie durchsetzen können?

Das wird er nicht tun. Das entspricht auch nicht seiner Einstellung, er vertritt ja unsere Interessen. Zudem haben wir ein Patt zwischen jeweils vier externen und Familien-Beiräten. Der Vorsitzende hat keine Extra-Stimme.

Wäre es denkbar für Ihre Familie, Vorwerk irgendwann zu verkaufen?

Handel



Das kann ich mir nicht vorstellen. Es würde unsere Kultur verändern. In einem Familienunternehmen ist die Führung etwas Anfassbares, Menschliches, weil man Entscheidungsfreiheiten hat und Rücksicht nehmen kann. Nicht zuletzt ist die Firma Treffpunkt und Kommunikationszentrum für die Familie.

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