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Investor René Benko Börsengang und Betteltour gleichzeitig

 Passanten fahren auf einer Rolltreppe an dem Schriftzug einer Karstadt Filiale in der Innenstadt vorbei. Quelle: dpa

Bei René Benko und seiner Signa-Gruppe läuft es großartig – und gleichzeitig auch nicht. Während Karstadt-Kaufhof um einen Staatskredit buhlt, strebt der Online-Sporthändler Signa Sports United an die US-Börse.

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Es ist die bislang größte Übernahme eines deutschen Unternehmens durch einen SPAC (Special Purpose Acquisition Company) aus den USA: Der Online-Sporthändler Signa Sports United fusioniert mit dem Übernahmevehikel Yucaipa Acquisition Corp des US-Investmentmilliardärs Ron Burkle – und gelangt so quasi durch die Hintertür an die New Yorker Börse. Das gaben beide Unternehmen am Freitag bekannt. Signa Sports United wird bei der Transaktion mit dem rund 45-fachen des Gewinns bewertet, insgesamt rund 3,2 Milliarden Dollar.

Der SPAC-Deal dürfte nicht nur bei Anlegern für Aufsehen sorgen, sondern auch das Interesse der deutschen Politik wecken. Schließlich war Signa Sports United bisher mehrheitlich im Besitz der Signa-Gruppe des österreichischen Immobilienunternehmers René Benko. Neben dem Sportbusiness gehört auch die angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) zu Benkos Imperium – und hier kommt die Politik ins Spiel. Derzeit drängt GKK auf einen staatlichen Hilfskredit des Wirtschaftsstabilisierungsfonds in dreistelliger Millionenhöhe, die Rede war ursprünglich von rund 200 Millionen Euro. Inzwischen soll der beantragte Betrag gesunken sein. Finanz- und Wirtschaftsministerium müssen darüber entscheiden, lassen sich bislang aber Zeit. 

Schließlich hat das Unternehmen bereits im Februar einen staatlichen Notkredit des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) über 460 Millionen Euro erhalten und ist damit einer der größten Nutznießer des Fonds. Sollen die Steuerzahler also tatsächlich weiter Geld in das dauerkriselnde Unternehmen pumpen und damit insgesamt mit mehr als einer halben Milliarde Euro ins Risiko gehen?  



Nicht erst nach Benkos SPAC-Deal stellt sich die Frage, warum staatliche Hilfskredite nötig sein sollen, wenn die Signa-Gruppe über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, um Rettungsmaßnahmen aus eigener Kraft zu stemmen. So schwoll das Immobilienvermögen von Signa im Coronajahr 2020 weiter an – auf nunmehr 20,6 Milliarden Euro. Der Gewinn nach Steuern soll mit über 800 Millionen nur knapp hinter den 1,1 Milliarden des Rekordjahrs 2019 gelegen haben. „Wir sind in Summe durch die schwere Zeit gut durchgekommen“, bilanzierte selbst Benko vor wenigen Tagen in einem TV-Interview. Warum der Staatskredit dann nötig ist?

„In den verschiedenen Gesellschaften sind völlig unterschiedliche Investoren mit eigenen Interessen“, argumentierte ein Signa-Investor jüngst gegenüber dem „Handelsblatt“. Die Eigentümerkreise seien ganz andere. Da könne Benko gar nicht ohne Weiteres Geld verschieben – selbst, wenn er wollte. Ob das so stimmt, ist allerdings fraglich. Auch privat hat Benko schließlich erheblich von den Signa-Dividendenzahlungen der vergangenen Jahren profitiert und könnte über diese Mittel verfügen. Zudem waren bislang sowohl Sports United als auch GKK in Signas Retailsparte integriert, die Eigentümerstrukturen dürften durchaus ähnlich sein und auch die SPAC-Anteile ließen sich im Zweifel verkaufen. 

Schlagseite in Richtung Fahrradgeschäft

Eigentlich wollte Signa Sports United (SSU) bereits 2018 über einen klassischen Börsengang an den Kapitalmarkt, entschied sich dann aber für eine private Finanzierungsrunde. Seither sind der japanische Handelskonzern Aeon und die asiatische Central Group sowie die deutsche R+V Versicherungsgruppe beteiligt. Sie alle bleiben nach der SPAC-Transaktion Aktionäre von SSU. Rund 50 Prozent des Unternehmens werden weiter der Signa-Gruppe gehören. Im gleichen Zug mit der SPAC-Fusion übernimmt Signa Sports United vom britischen Finanzinvestor Bridgepoint den Online-Fahrradhändler WiggleCRC mit 500 Millionen Dollar Umsatz und steigt damit zum größten Online-Fahrradhändler auf – in Deutschland unter der Marke Fahrrad.de. Der Finanzinvestor Bridgepoint wird im Zuge des Deals ebenfalls Anteilseigner von SSU. 

SSU ist nach eigenen Angaben der weltweit größte reine Online-Sportartikelhändler und betreibt in 20 Ländern mehr als 100 Internet-Shops mit jährlich über sieben Millionen Online-Kunden. Inklusive der jüngsten Akquisitionen erwartet das Unternehmen für das im September zu Ende gehende Geschäftsjahr 2020/21 einen Betriebsgewinn von rund 70 Millionen Dollar und Umsätze von 1,6 Milliarden Dollar. Die Erlöse sollen in den kommenden fünf Jahren um mehr als 25 Prozent jährlich zulegen. Die Gewinnmarge soll sich langfristig auf 12 bis 15 Prozent verdreifachen.

SSU bekommt durch die Übernahme von Wiggle allerdings eine starke Schlagseite in Richtung Fahrradgeschäft. Weniger dominant ist die Position des Unternehmens im Outdoor-Markt, auch im umsatzstarken Fitnessgeräte-Segmente ist SSU bislang unterrepräsentiert. 

Dass das Unternehmen über die SPAC-Konstruktion an die Börse drängt, dürfte vor allem Geschwindigkeitsvorteile bringen. Zudem kann Signa Sports auf einen aufwendigen Prospekt verzichten und die hohen Kosten für ein klassisches IPO reduzieren. Die Marktlage ist günstig: Schließlich ist der Online-Handel mit Sportartikeln in der Coronakrise rasant gewachsen. Viele Verbraucher achteten während des Lockdowns verstärkt auf ihre Gesundheit, trieben deshalb mehr Sport und kauften mehr online ein. Der globale Markt für Sportartikel wird auf mehr als eine Billion Dollar im Jahr geschätzt.

Mehr zum Thema: Rettungsanker E-Commerce? Nicht bei Galeria Karstadt Kaufhof. Im Onlinegeschäft gibt es massive Probleme. Das rächt sich im Lockdown – und für eine echte Aufholjagd fehlt das Geld.

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