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Jil Sander wird italienisch Die Schöne und das Biest

Das ehemalige Label der deutschen Designerin Jil Sander landet nun unter dem Dach des Jeans- und Fashion-Konzerns von Diesel-Gründer Renzo Rosso. Quelle: dpa

Sie ist die deutsche Mode-Ikone schlechthin - nach Jahren unter dem Dach eines japanischen Konzerns schnappt sich ausgerechnet der exzentrische Jeans-Unternehmer Renzo Rosso die Marke Jil Sander.

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Wer in einer beliebigen Fußgängerzone zwischen Flensburg und Garmisch Passanten nach der berühmtesten deutschen Modedesignerin fragt, wird in neun von zehn Fällen eine Antwort bekommen: Jil Sander.

Zwar ist die einst als „Queen of Less“ gerühmte Modeschöpferin schon seit mehr als 20 Jahre nicht mehr für das gleichnamige Label verantwortlich. 1999 verkaufte sie es an die Mailänder Prada-Gruppe und verabschiedete sich im Jahr 2000 von ihrem Geschöpf. Danach ging die Marke durch viele verschiedene Hände. Dennoch haben sich ihr Stil und Wirken eingeprägt – und blieben nicht zuletzt durch eine Lizenz erschwinglicher Parfüms vielen im Gedächtnis.

Hauptsache schwarz-weiß

Dass die Marke Jil Sander, die sich auch unter den verschiedenen kreativen Nachfolgern der Gründerin bemühte, ihre kühl-elegante Handschrift stets erkennbar zu halten, nun ausgerechnet beim italienischen Modekonzern OTB landet, war in Fachkreisen zwar bereits gemunkelt worden. Dennoch ist die Bekantgabe heute ein kleiner Paukenschlag. Denn größer könnte der Kontrast kaum sein – auf der einen Seite die eben noch immer stark von der Gründerin geprägte Marke Sander, die ihre Hosen, Jacken und Blusen in allen nur denkbaren Farben entwarf, solange sie schwarz oder weiß sind (allenfalls noch dunkelblau). Auf der anderen Seite das exzentrische Haus OTB.

OTB, das steht für Only the Brave und war lange vor allem eines: der Schriftzug auf den ausgeblichenen oder kunstvoll verschlissenen Jeans, mit denen der Italiener Renzo Rosso seit der Gründung 1978 die Modewelt erobert hat. Aus dem Motto ist längst ein kleineres Modeimperium geworden, zu dem neben Diesel-Jeans weitere kleine, feine Designerlabel gehören; auch Möbel ließ Rosso in Kooperation gestalten. In seiner Opulenz und mit seiner Liebe zur Provokation jedenfalls verkörpert der exzentrische Italiener das genaue Gegenteil der stets unterkühlten Norddeutschen.

"Solide Kapitalbasis"

Rosso hat unter dem Dach der OTB-Holding Marken wie Martin Margiela, Viktor & Rolf, Marni und Amiri versammelt. Im vergangenen Geschäftsjahr brachte es die Gruppe auf einen Umsatz von knapp 1,24 Milliarden Euro, ein Minus im Vergleich zum Vorjahr von 14 Prozent. Doch bereits bei der Vorlage der Geschäftszahlen im Februar ließ OTB durchblicken, dass es über eine „solide Kapitalbasis“ verfüge und behaupten und seine Nettofinanzposition verbessert habe. An seinen langfristigen organischen Wachstumszielen halte OTB daher fest – verfüge aber auch über die Mittel, das „Geschäftsfeld durch neue Investitionen zu erweitern“.

Wie viel dieser Mittel Renzo nun aufbringt, um Jil Sander vom japanischen Modeunternehmen Onward Holdings zu übernehmen, teilte OTB am Freitag allerdings nicht mit. Onward hatte die Marke 2008 von Change Capital Partners für 167 Millionen Euro gekauft. Angeblich war die Marke dort nicht profitabel; Onward ist durch die Coronakrise unter Druck geraten.

Nun rühmt Rosso, er habe „Jil Sander bewundert und respektiert, seit das Modehaus gegründet wurde”. Trotz der wechselnden Eigentümer und kreativen Richtungen sei das Haus „immer der Vision seiner Gründerin treu geblieben, mit einem absoluten Bekenntnis zu Schönheit, Qualität und seinem charakteristischen minimalistischen Ansatz”. Erinnert sich Rosso an seine Aussage, könnte Jil Sander unter dem neuen Dach profitieren.

Streetwear-Designer als Kreativchef

Jil Sander selbst hatte seit dem Jahr 2000 stets eine Art Stop-and-go-Beziehung zu ihrer einstigen Marke gepflegt. Mal beriet sie die Kreativspitze, dann ging sie wieder, ihr letzter Abschied fand 2013 statt. Aktuell ist das Ehepaar Lucie und Luke Meier als Kreativ-Duo für Damen- und Herrenlinien der Marke verantwortlich.

Ein ungewöhnliches Paar – während Lucie Meier einen Hintergrund aus der High Fashion mitbringt mit Erfahrungen bei Christian Dior und Balenciaga, arbeitete der Kanadier Luke Meier Jahrelang für die Skatermarke Supreme, ehe er die vom Streetstyle geprägte Marke OAMC gründete. Womöglich ist es genau diese Fusion zweier Modewelten, die Sander gerade für Rosso interessant machte.

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Ob allerdings Jil Sander selbst noch einmal zu ihrer Marke zurückkehrt, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Seit einigen Jahren und mit Unterbrechungen entwirft die Designerin Kollektionen für das japanische Label Uniqlo, das zum Fast Retailing-Konzern des Milliardärs Tadashi Yanai. Vor wenigen Tagen kündigte Uniqlo eine neue Kollektion der inzwischen 77-jährigen Sander an.

Mehr zum Thema: Wie der Bauernsohn Renzo Rosso mit Diesel zum Chef eines Lifestyle-Imperiums wurde.

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