Kaffee Warum fair so schwer ist

Fair-Trade-Kaffee Quelle: imago

Der Wegfall der Kaffeesteuer soll fair gehandelten Kaffee zum Massenprodukt machen. Doch das ist leider Wunschdenken. Eine wirkliche Veränderung hätte für Deutschland auch unangenehme Folgen.

Seine zweite Amtszeit als Entwicklungsminister startete Gerd Müller (CSU) mit einem für Konservative wie ihn ungewohnt linken Anliegen: Die Förderung fair gehandelten Kaffees. Der Vorschlag des Christsozialen: keine Kaffeesteuer mehr auf die ethisch produzierte Variante. Müllers kühnes Ziel: in Deutschland soll bald nur noch fairer Kaffee aus zertifiziertem Anbau getrunken werden.

Auf den ersten Blick ist es eine gute, leicht umzusetzende Idee. Immerhin kassiert Finanzminister Olaf Scholz (SPD) gut zwei Euro pro Kilo Pulverkaffee sowie fast fünf Euro auf löslichen Kaffee – und zusätzlich Mehrwertsteuer. Nach dem Verzicht der Koffein-Abgabe würde die faire Variante von Deutschlands liebstem Heißgetränk auf einen Schlag deutlich billiger als die Standardbohnen. Dann, so Müllers Idee, könnte der Marktanteil an nachhaltig produziertem Kaffee von, je nach Schätzung, gut drei bis gut zehn Prozent steigen und auf einen Schlag kämen wohl gut hundert Millionen Euro mehr bei den Kaffeebauern und ihren Familien in den Anbauländern an.

Doch wie so oft im Leben ist die Sache deutlich komplizierter als Politiker es wahrhaben wollen. Dass mehr Kaffee heutiger Fairtrade-Art die Probleme der Kaffeebauern sichtbar lindern würde, ist eher Wunschdenken.

Zum einen bringt der Fair-Aufschlag im Vergleich zum normalen Kaffee nur wenig Geld und somit wenig zusätzlichen Wohlstand für die Bauern. So teuer die Arabica- und Robusta-Bohnen für das gute Gewissen in den Läden auch verkauft werden. Der Fair-Zuschlag auf die Rohware liegt oft nur bei 50 Cent auf die gut zwei Euro, die ein Kilo regulärer Kaffee kostet.

Und davon kommt nur ein Bruchteil bei den Bauern an. „Es ist pro Tasse nur ein Drittel Cent“, sagt der in Straßburg ansässige Kaffeeaktivist Fernando Morales-de la Cruz aus Guatemala, der unter der Marke „Café for Change“ Bohnen mit höheren Aufschlägen verkauft. Selbst der Aufpreis von einem Drittel, den Marktführer Nestlé seinen Lieferanten laut eigenen Angaben für die pro Kilo bis zu 80 Euro teuren Nespresso-Edelmischungen bezahlt, sei am Ende nicht genug. Laut einer Studie aus Brasilien von 2016 kommen Arbeiter zertifizierter Farmen in manchen Regionen trotz der Aufschläge immer noch auf Monatslöhne von 300 Euro. Das ist rund ein Viertel weniger als das örtliche Existenzminimum. Nötig wäre ein Aufschlag von mindestens einem Cent pro Tasse – also etwa 100 Prozent. Morales-de la Cruz fordert gar zehn Cent pro Tasse, wodurch ein Pfund im Supermarkt mit mehr als 13 Euro für viele fast unerschwinglich würde.

Außerdem hat der fair produzierte Kaffee Absatzprobleme, denn in Sachen Qualität und Aroma trifft er oft nicht den Massengeschmack. Dafür sorgt zum einen das Image: Es stammt noch aus einer Zeit, als fair gehandelte Bohnen meist aus Nicaragua stammten und trotz des Aufpreises selbst im Vergleich zum billigsten Supermarktkaffee eher ruppiges Aroma boten. Gleichzeitig leidet die Produktion bis heute, weil den meist mittelgroßen Farmen die Erfordernisse des Kaffeemarkts nicht ganz leicht fallen. Sie tun sich zum einen schwer, über Jahre bei unterschiedlichem Wetter die gleiche Qualität in Sachen Aroma und Stärke zu liefern. Und noch schwerer fällt ihnen, die vorherrschenden, sich ständig verändernden Geschmacksrichtungen zu bedienen.

Dazu ist es derzeit fast unmöglich, genug Ware für den deutschen Kaffeedurst in nachweislich fairer Qualität zu produzieren. Zwar hat sich die Anbaufläche für zertifizierten Kaffee in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Doch der Absatz kommt kaum hinterher. Das führt zu einem absurden Ergebnis: Pro Jahr werden gut 600.000 Tonnen Rohkaffee nach dem Fair-Standard zertifiziert, doch kaum ein Drittel davon wird auch in den Läden mit einem entsprechenden Siegel verkauft. Der Rest wandert als Beimischung in normalen Kaffee. „Wenn aber überschüssige Fairtrade-Ware als konventionelle verkauft werden muss, dann haben die reichen Konsumenten des Nordens den Mehrwert: Sie bekommen Fairtrade-Ware, ohne dafür einen Cent mehr bezahlen zu müssen", schimpft Ndongo Sylla gegenüber Spiegel.de. Der frühere Berater für die Fair-Trade-Organisation gilt inzwischen als einer ihrer härtesten Kritiker.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%