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Kahlschlag beim Warenhaus Bis zu 80 Standorte von Galeria Karstadt Kaufhof vor dem Aus

Exklusiv
Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof durch ein Sicherungsgitter fotografiert. Quelle: imago images

Fast die Hälfte aller Filialen von Karstadt und Kaufhof könnte schließen, Tausende Mitarbeiter ihren Job verlieren, um den taumelnden Warenhauskonzern vor dem Untergang zu bewahren. „Es muss diesmal mehr sein als Kosmetik“, heißt es intern.

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Die angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof steht vor tiefgreifenden Einschnitten. Bis zu 80 der insgesamt 175 Standorte sind von einer Schließung bedroht. Das gehe aus dem Sanierungskonzept hervor, dass dem Gesamtbetriebsrat des Unternehmens heute vorgestellt wurde, heißt es in Unternehmenskreisen. Die Zahl der Schließungen könnte sich demnach zwar noch reduzieren, wenn Vermieter und weitere Beteiligte zu Zugeständnissen bereit seien. Dennoch rechnen Insider mit dem Abbau von insgesamt rund 5000 Vollzeitstellen bei dem Unternehmen. „Es muss diesmal mehr sein als Kosmetik“, heißt es intern. Zumal die eingesparten Beträge dazu verwendet werden sollen, bei Galeria Karstadt Kaufhof zu investieren.

„Die im Entwurf des Sanierungsplans vorgesehenen Maßnahmen sind an Grausamkeiten kaum zu überbieten und ein Generalangriff auf alle Beschäftigten“, heißt es in einer Pressemitteilung des Gesamtbetriebsrats. Der vorgelegte Sanierungsplan müsse zwar noch abgestimmt und genehmigt werden. „Dennoch ist mehr als deutlich erkennbar, welche äußerst gravierenden Einschnitte geplant sind“. Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter seien die vorgestellten Maßnahmen „ein unverantwortlicher Kahlschlag, der unnötig Arbeitsplätze vernichtet“. Darüber hinaus sollen bei den verbleibenden Arbeitsplätzen die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung zum Nachteil der Kolleginnen und Kollegen verändert werden, heißt es weiter.

Schon zuvor hatten sich harte Einschnitte angekündigt. In einem Brief der Geschäftsleitung an die Mitarbeiter hieß es, das Unternehmen habe „während der Zeit der Komplettschließung mehr als eine halbe Milliarde Euro verloren“. Die Umsätze der letzten acht Wochen, darunter das wichtige Ostergeschäft, fehlten, der Rückstand sei nicht aufzuholen. „Insgesamt dürfte sich der Umsatzverlust auf bis zu eine Milliarde Euro erhöhen.“ Tatsächlich haben die virusbedingten Schließungen die Lage bei Karstadt und Kaufhof verschärft.

Die Gewerkschaft Verdi hatte bereits im Vorfeld scharfe Kritik an Plänen für Filialschließungen und einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen bei dem Warenhausriesen geäußert. „Es ist ein Armutszeugnis, wenn den Herren wieder nichts anderes einfällt, als die Axt an die Personalkosten zu legen und mit Häuserschließungen zu drohen“, heißt es in einem Schreiben der Gewerkschaft an die Mitarbeiter. „Gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat von Galeria Karstadt Kaufhof fordern wir von der Geschäftsführung eine Strategie, die die Existenzgrundlage des Unternehmens langfristig sichert und alle Arbeitsplätze erhält.“ Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart hat Lösungen im Interesse der Mitarbeiter gefordert. „Beim geplanten Abbau von Arbeitsplätzen müssen sozialverträgliche Lösungen gefunden werden“, sagte Pinkwart jüngst der „Rheinischen Post“.

Der Warenhauskonzern gehört der Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko. Vor einem Jahr hatte Signa Galeria Kaufhof übernommen und in der Folge mit dem früheren Wettbewerber Karstadt verschmolzen. Doch der Handlungsdruck blieb bestehen und wurde durch Corona noch verstärkt.

Benko soll das Unternehmen mit 140 Millionen Euro über Wasser gehalten haben. Auch Zahlungen an die Vermieter waren ausgesetzt worden, um die Liquidität zu sichern. Zudem verhandelten die Warenhausgranden mit Bankenvertretern. Sie sollten für einen Kredit der Förderbank KfW mitbürgen. Allerdings wollten oder konnten sich die Banken mit dem Warenhauskonzern nicht schnell genug einigen. Anfang April leitete der Konzern daher ein Schutzschirmverfahren ein und kann so die Sanierungserleichterungen des deutschen Insolvenzrechts nutzen.

Seither bestimmen der Restrukturier Arndt Geiwitz und der vorläufige Sachwalter Frank Kebekus die Richtung und verhandeln mit Lieferanten, Vermietern und dem Gesamtbetriebsrat über Einsparmöglichkeiten.

Der Entwurf des Sanierungsplans ist dabei der erste wichtige Schritt. In den kommenden Wochen müssen weitere Details festgezurrt, vor allem aber die Gläubiger überzeugt werden. Verweigern sie ihre Zustimmung, steht die Rettung des gesamten Konzerns auf der Kippe. Kampflos dürfte indes keine der Gläubigergruppen dem Plan zustimmen. Schon beim ersten Insolvenzverfahren von Karstadt kämpften vor allem die Vermieter mit harten Bandagen.

Vorbehalte könnte nun auch Benkos Signa zu spüren bekommen. Denn Signa gehört zum einen das operative Warenhausgeschäft. Zum anderen befinden sich zahlreiche Warenhausimmobilien – vor allem von Kaufhof – im Besitz der Österreicher. Andere Beteiligte dürften daher genau registrieren, ob die Einschnitte Signa in gleichem Umfang treffen wie sie, oder ob Benko das Verfahren nutzen will, um auf Kosten anderer zu sparen. Teuer wird die Rettungsmission in jedem Fall für Benko. Am Ende wird Signa wohl erneut erhebliche Mittel investieren müssen, um die Warenhäuser am Leben zu erhalten.

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