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Kaiser's Tengelmann Wie konnte es nur so weit kommen?

Der Krisengipfel zu Kaiser’s Tengelmann am Donnerstagabend brachte kein Ergebnis, am Freitag könnte der Aufsichtsrat die Zerschlagung beschließen. Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr. Vier Gründe für den jähen Abstieg.

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Bei Kaiser's Tengelmann sind viele Arbeitsplätze in Gefahr. Quelle: dpa

Das zweijährige Ringen um die Kaiser’s-Tengelmann-Übernahme durch Edeka könnte ein jähes Ende nehmen. Auf dem Spiel stehen Tausende Arbeitsplätze. Für Eigentümer Karl-Erivan Haub, das klingt implizit mit, haben andere Schuld an der aktuellen Misere: die Wettbewerber, allen voran Rewe, die Wettbewerbshüter und nicht zuletzt das Oberlandesgericht Düsseldorf. Allesamt hätten sie die Übernahme durch Edeka torpediert. Doch so einfach ist es nicht.

Die Probleme von Kaiser’s Tengelmann haben schließlich nicht erst mit den Scharmützeln um die Übernahme ihren Anfang genommen. Seit der Jahrtausendwende soll die angeschlagene Supermarktkette, die einst das Tengelmann-Imperium begründete, rund 500 Millionen Euro Verlust angehäuft haben. Zurzeit kommen wohl jeden Monat zehn weitere Millionen Euro Miese dazu.

„Das zentrale Problem von Kaiser’s Tengelmann ist, dass sie als Unternehmen zu klein sind“, sagt Jörg Funder, geschäftsführender Direktor des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement (IIHD). Dabei zählten bis zur Jahrtausendwende noch rund 1300 Filialen zu Haubs Supermarkt-Reich. Rein von der Größe her wäre die Kette damals durchaus konkurrenzfähig gewesen.

Das ist Kaiser's Tengelmann

Viel übrig ist davon nicht. Haub hat Filialen abgespalten, umfirmiert und verkauft. Nun geht es um das Schicksal der verbleibenden 430 Märkte und das der Angestellten dort. Doch wie konnte die einstige Keimzelle der Tengelmann-Gruppe so tief fallen?

1. Die richtige Strategie zur falschen Zeit

Über Jahrzehnte geprägt von Billigheimer Aldi, waren die Deutschen vor allem eines – auf Sparsamkeit bedacht. Gemessen am Einkommen gab bis vor wenigen Jahren kaum ein Land so wenig Geld für Nahrungsmittel aus wie Deutschland. Während hierzulande die meisten Kunden auf den Preis stierten, ging Kaiser’s Tengelmann früh einen anderen Weg. Offenbar zu früh.

Die Supermarktkette trennte sich in den Achtzigern von unethischen Produkten wie Schildkrötensuppe, die heute in Deutschland kaum noch ein Mensch kennt – damit war sie damals Vorreiter. In den Neunzigern brachte die Kette mit Naturkind eine Bio-Eigenmarke in die Filialen. Heute hat das jeder gute Supermarkt vorzuweisen, damals bleiben es Nischenprodukte.

„Kaiser’s Tengelmann hat es über die gehobene Preisstrategie und den Fokus auf ökologisches und nachhaltiges Einkaufen nicht geschafft, Kunden für sich zu gewinnen“, sagt Funder. Ein Strategieschwenk wäre für Haub und seine Manager aus Sicht des Handelsexperten auch nicht ohne weiteres möglich gewesen. „Um das Konzept einfach komplett umzugestalten, waren sie zu groß.“ So kämpften die Tengelmann-Filialen gegen Supermärkte an, die auf einem vielfachen der Fläche deutlich mehr Waren anbieten konnten.
Aus heutiger Sicht hätte es sich für Kaiser’s Tengelmann lohnen können, die Nachhaltigkeits-, Frische- und Service-Angebote weiter auszubauen. In den letzten Jahren eröffneten zahlreiche Bio-Läden in den Innenstädten, jeder Supermarkt präsentiert große Frischetheken und eine mannigfaltige Auswahl an Bio-Produkten – und auch die Discounter rüsten heute dahingehend auf. Aus gutem Grund: Ein Drittel der Deutschen legt nach einer Studie der BVE und GfK Wert auf nachhaltige und gesunde Ernährung. Hätte Kaiser’s Tengelmann sich dahingehend weiterentwickelt, „hätte die Kette in den letzten zehn Jahren zwar Verluste eingefahren, stünde aber heute womöglich deutlich besser da“, meint Funder.

Die größten Lebensmittelhändler Deutschlands

So waren über die Jahre immer mehr der über 1300 Märkte nicht profitabel, weswegen Kaiser’s Tengelmann sich bereits 1999 in eine Übernahme durch Edeka flüchten wollte. Edeka war damals nur an den profitablen Standorten interessiert, die Verhandlungen scheiterten, Kaiser’s Tengelmann manövrierte weiter ziellos.

Der Markt verzeiht keine Fehler

2. Der hart umkämpfte deutsche Lebensmittelmarkt

Schlechtes Timing, unklare Strategie – der deutsche Lebensmittelhandel verzeiht solche Fehler nicht. Der Markt zählt zu den am härtesten umkämpften, der Konkurrenzdruck ist enorm. Rund zwei Drittel des Markts teilen Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe, Aldi Nord und Aldi Süd unter sich auf. Für die Konkurrenz bleibt da nicht viel übrig. „Der deutsche Lebensmittelhandel ist hochkompetitiv und für kaum einen Anbieter, der nicht zu den großen Fünf gehört, ertragsreich“, sagt Funder.

Zu spüren bekommen haben das schon deutlich größere und finanzstärkere Konzerne als Tengelmann. Als der US-Handelsriese Wal-Mart Mitte der Neunziger mit großem Bohei versuchte den deutschen Markt zu erobern, holte er sich eine blutige Nase.

Da der amerikanische Billigheimer den Preisen der deutschen Discount-Konkurrenz nicht gewachsen war, musste er jeden Euro Umsatz teuer erkaufen und verbrannte jährliche dreistellige Millionenbeträge. 2006 gab der international sonst so erfolgreiche Handelskonzern den deutschen Markt auf.

3. Der Erfolg anderer Unternehmensteile hatte seinen Preis

Statt im Zermürbungswettbewerb viel Geld zu verpulvern, um eine Supermarkt-Kette zu sanieren, die nur wenig konkurrenzfähig ist, hat Tengelmann-Chef Haub in den vergangenen Jahren lieber in seine Geldbringer investiert.

So startete Obi etwa 2015 eine großangelegte Expansion in Österreich und der Slowakei. Die Baumarktkette übernahm 62 Standorte des insolventen Konkurrenten Baumax und betreibt nun mehr als 600 Märkte in elf Ländern.

Die Hängepartie bei Kaiser's Tengelmann

Der Nahversorger Tedi hat im vergangenen Jahr erstmals Filialen in Spanien eröffnet. Bei der Präsentation der Zahlen der Tengelmann-Gruppe im Juli sagte Haub, er könne sich in Anbetracht des erfolgreichen Starts dort vorstellen, die Zahl der Filialen rasch auf mehr als hundert auszubauen. Knauserig ist er also nicht.

„Für die Unternehmensfamilie ist es sinnvoll lediglich in Geschäftsfelder zu investieren, die langfristig Gewinne bei akzeptablen Risiko versprechen“, sagt Funder. Obi, Kik, Tedi, Zalando und die anderen der insgesamt 68 Posten im Beteiligungsportfolio haben der Tengelmann-Gruppe im Jahr 2015 ein Umsatzwachstum von 4,5 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro beschert. Zum Gewinn äußerte sich Haub bei der Präsentation der Zahlen nicht.

Dafür sagte er, die Unternehmensgruppe befinde sich im Jahr der „Weichenstellung“. Haub schien sich immer noch sicher zu sein, das Lebensmittelgeschäft abgeben zu können – und zwar an Edeka. So hätte er sich und seine Investitionen auf die Geschäftsfelder konzentrieren können, die Wachstum versprechen.

Einlenken hätte Probleme vermieden


4. Zu lange auf Edeka gesetzt

Der Fokus auf Edeka als Käufer kostete das letzte Stück Substanz der Supermarktkette. Mittlerweile ist der Zusammenbruch nahe: In einigen Filialen laufen die Mietverträge aus und scharenweise Mitarbeiter verlassen das Unternehmen. Ein Konkurrent sagte dem Handelsblatt, dass sich auf jede Stelle, die er ausschreibe, 50 Mitarbeiter von Kaiser’s Tengelmann meldeten. Zugleich rügt die Belegschaft, dass es für die Übergangszeit kein Fortführungskonzept gibt, mit dem Probleme wie die auslaufenden Mietverträge oder die marode IT hätten vermieden werden können.

Für Funder ist klar: Haub wollte nur an Edeka verkaufen – und war sich bis zum Ende sicher, dass das funktionieren würde. „Die Monopolkommission greift im Lebensmittelhandel mittlerweile schon beim Verkauf kleinerer Filialpakete ein – wer glaubt in einem solchen Marktumfeld die Kaiser’s-Filialen als Ganzes verkaufen zu können, ist blauäugig“, urteilt Funder.

Was bleibt an Auswegen für Kaiser's Tengelmann?

Auch Daniel Zimmer, der frühere Chef der Monopolkommission, der im Eklat um die Ministererlaubnis von seinem Posten zurücktrat, sagt: „Ein früheres Einlenken hätte viele Probleme vermieden. Tatsächlich wären die Verluste bei Tengelmann nicht in dieser Höhe aufgelaufen. Auch die Schwächung des Filialnetzes durch Kündigungen von Mitarbeitern und auslaufende Mietverträge wäre vermeidbar gewesen."

Ob sich die Zerschlagung der Kette noch abwenden lässt, wird sich nach der Aufsichtsratssitzung zeigen. Stand heute hätte Haub wohl am liebsten schon vor 15 Jahren verkauft. Damals war der Lebensmittelhandel noch nicht so stark konsolidiert, der Verkauf als Ganzes hätte bessere Chancen gehabt.

Warum Haub trotz der großen Verluste über so viele Jahre mit dem Verkauf gewartet hat, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Die Supermarktkette Tengelmann war die Keimzelle der heutigen Tengelmann-Gruppe. „Da kann es passieren, dass man am alten Geschäft länger festhält, als ökonomisch sinnvoll“, sagt Funder. Ein teures Sentiment.

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