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Kampfansage des Kartellamts Verkauf von Kaiser's ist längst nicht über die Bühne

Handelskonzern Tengelmann will die Supermarkt-Kette Kaiser's an Edeka verkaufen. Doch der Deal wird zum Duell zwischen Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub und Wettbewerbshüter Andreas Mundt. Der hat schon Bedenken geäußert.

Karl Haub Quelle: AP

Um den Widrigkeiten des deutschen Wettbewerbsrechts zu trotzen, schwört Karl-Erivan Haub auf ein einfaches Mittel: rein in die Laufschuhe, raus in die Natur und los. „Wie oft standen wir in den Verhandlungen mit dem Kartellamt in einer Sackgasse“, sinnierte der Tengelmann-Chef vor einem Jahr in einem Interview über den Verkauf der Discounttochter Plus. „Beim Laufen habe ich darüber nachgedacht: Wie kommen wir da weiter? Da ist mir im Wald ziemlich häufig etwas eingefallen.“

Der Tengelmann-Chef wird auch in den kommenden Monaten wieder reichlich Zeit an der frischen Luft verbringen müssen. Er will die Supermarktsparte seines Konzerns verkaufen. Bis Sommer 2015 soll der Hamburger Handelsriese Edeka die 451 Kaiser’s-Tengelmann-Märkte übernehmen. Die Verträge sind unterzeichnet, der Deal ist eigentlich perfekt – wären da nicht nicht die Beamten um Bundeskartellamtschef Andreas Mundt, die bereits Widerstand signalisiert haben.

Diese Händler dominieren den Lebensmittelhandel
Platz 5: MetroMit weitem Abstand auf die vier Großen folgt die Metro-Gruppe, zu der die Real-Märkte gehören. Auch wenn die Gruppe laut Kartellamt den Anschluss an die Spitzengruppe verliert, liegt sie in ihrer Bedeutung weit vor den regionale Ketten wie Kaisers Tengelmann oder Tegut, Coop oder Globus, die jeweils weniger als drei Prozent Anteil am Markt haben. Umsatz: unter 10 Milliarden Euro Umsatzanteil am Gesamtmarkt: 5-10 Prozent Verkaufsfläche: 2-3 Millionen Quadratmeter Standorte: 300-400 Quelle: dpa
Platz 4: AldiDie Aldi Gruppe ist mit mehr als 4.000 betriebenen Standorten die führende Discounter-Größe in Deutschland. Bei Handelsmarken nimmt das Unternehmen eine herausragende Stellung ein. Hersteller dieser Produkte sind auf das Unternehmen angewiesen. Umsatz: 15-20 Milliarden Euro Umsatzanteil am Gesamtmarkt: 15-20 Prozent Verkaufsfläche: 3-4 Millionen Quadratmeter Standorte: 4.000-5.000 Quelle: dpa
Platz 3: Rewe/Rewe DortmundZur Gruppe gehört neben den Rewe-Märkten auch der Discounter Penny. Insbesondere bei den Herstellermarken hat Rewe eine starke Position inne. Umsatz: 20-25 Milliarden Euro Umsatzanteil am Gesamtmarkt: 15-20 Prozent Verkaufsfläche: 4-5 Millionen Quadratmeter Standorte: 6.000-7.000 Quelle: dpa
Platz 2: Schwarz Gruppe (Lidl und Kaufland)Die Schwarz Gruppe besteht aus den beiden Stiftungen Kaufland und Lidl, deren Kapital bei der Dachgesellschaft Schwarz Beteiligung GmbH liegt. Zusammen kommen die beiden Ketten auf ganz erhebliche Marktanteile. Umsatz: 25-30 Milliarden Euro Umsatzanteil am Gesamtmarkt: 20-25 Prozent Verkaufsfläche: 5-6 Millionen Quadratmeter Standorte: 3.500-4.650 Quelle: dpa
Platz 1: Edeka GruppeObwohl die Umsätze von Edeka vorwiegend von den selbständigen Einzelhändlern erzielt werden und zur Gruppe auch der Filialist Netto Marken-Discount gehört, betrachtet das Kartellamt die Gruppe als Ganzes. Besonders Markenhersteller sind auf Edeka aber auch Rewe und die Schwarz-Gruppe angewiesen. Diese Drei werden vom Kartellamt als „Nadelöhr für die deutschlandweite Verbreitung“ von Marken-Produkten bezeichnet und haben besonders viel Macht. Umsatz: Edeka 30-35 Milliarden Euro Umsatzanteil am Gesamtmarkt: 25-30 Prozent Verkaufsfläche: 9-10 Millionen Quadratmeter Standorte: 11.000–12.000 Quelle: Bundeskartellamt // Bezugsjahr: 2010 Quelle: dpa

Die Konfliktlinien sind klar: Wettbewerb gegen Marktmacht, Prinzipien contra Arbeitsplätze, Kartellamtspräsident Mundt versus Unternehmenspatron Haub. Der Fall Tengelmann hat das Zeug, zur Machtprobe zwischen Konzern und Amt zu werden. Ein Fernduell bahnt sich an, das die Handelszunft über Monate in Atem halten wird.

Für seinen Eröffnungszug wählte Haub das vertraute Terrain der Konzernzentrale in Mülheim an der Ruhr. In einem holzgetäfelten Saal aus der Wirtschaftswunder-Ära erklärte er am Dienstag seine Sicht der Dinge. Wuchtige Kronleuchter illuminieren den Raum. An den Wänden prangen Kupferstiche italienischer Bauten. In einem Regal im Vorraum reihen sich ein paar ledergebundene Klassiker. „Dramen in Versen“, steht auf einem Einband. Das passt zum Mülheimer Trauerspiel.

Vorn im Saal saß Haub im schwarzen Anzug und fühlte sich nach eigenem Bekunden „ein bisschen wie bei einer Beerdigung“. Trotzdem, seine Entscheidung stehe fest, sagte Haub. 15 Jahre habe der Konzern die Supermärkte alimentiert. Nun sei Schluss. Die Läden würden verkauft.

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Und das Kartellamt?

Der drahtige 54-Jährige nickt kurz, als wolle er sich für das Stichwort bedanken, und antwortet: „Es muss eine Lösung geben.“ Im Zweifel riskiere er auch Ärger mit dem Bonner Amt.

Der kam prompt. Während Haub in Mülheim noch Fragen beantwortete, vermeldeten die Nachrichtenagenturen schon die erste Reaktion der Behörde. Die Nachfragemacht des Lebensmitteleinzelhandels sei bereits heute ein Problem, gab Kartellamtschef Mundt zu Protokoll. Das Kartellamt werde den Tengelmann-Verkauf daher „intensiv prüfen“.

Was nach Amtsroutine klingt, ist in Wahrheit eine Kampfansage. Nur selten äußert der Chef einer Bundesbehörde öffentlich seine Bedenken zu einem Verfahren, das gerade erst begonnen hat.

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