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Karneval in Coronazeiten? „Die echten Jecken werden sich schon verkleiden“

Sein Geschäft ist der Karneval: Herbert Geiss ist Inhaber und Chef des Kostümausstatters Deiters mit Sitz in Frechen westlich von Köln. Quelle: imago images

Wegen der Coronapandemie dürfte auch der Karneval deutlich kleiner und anders ausfallen als üblich. Was bedeutet das für die Branche? Fragen an Herbert Geiss, Chef und Inhaber des Kostüm-Marktführers Deiters.

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Herbert Geiss ist Inhaber und Chef der Deiters GmbH mit Sitz in Frechen westlich von Köln. Als er 2003 die Firmenanteile seines Onkels übernahm war Geiss 20 Jahre alt, hatte gerade das Wirtschaftsgymnasium abgebrochen und eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann begonnen. Deiters bestand damals aus einem Geschäft für Spielwaren und Verkleidungen. 2005 änderte Geiss das Konzept des Familienunternehmens: Er schmiss die Spielwaren aus dem Sortiment und konzentrierte sich auf Kostüme.

Heute umfasst die Firma 31 Filialen in ganz Deutschland. Im vergangenen Jahr hat Geiss fünf neue Zweigstellen eröffnet: in Essen, Duisburg, Gummersbach, Bocholt und Ulm. Der Umsatz liegt bei mehr als 30 Millionen Euro. Für dieses Jahr, sagt Geiss, hatte er weitere zehn Neueröffnungen geplant – dann kam Corona.

WirtschaftsWoche: Herr Geiss, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat dazu aufgerufen auf den Karneval in der üblichen Form zu verzichten. Und vor wenigen Tagen hat mit dem „Zollstocker Dienstagszug“ der erste Kölner Karnevalszug für 2021 abgesagt. Was dachten Sie, als Sie das hörten?
Herbert Geiss: Wir haben Aschermittwoch, also Ende Februar, nicht damit gerechnet, dass so was auf uns zukommt. Und auch während des Lockdowns im März und April bin ich ehrlich gesagt nicht davon ausgegangen, dass wir im September noch über Corona diskutieren, und dass das den Karneval beeinträchtigen könnte. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Karneval so nicht absagbar ist. Weiberfastnacht und Rosenmontag stehen so im Kalender. Und heute, Anfang September, finde ich es immer noch zu früh, uns schonmal auf eine Absage einstimmen zu wollen. Viele Karnevalsgesellschaften und auch Veranstalter arbeiten derzeit an kreativen, durchdachten Konzepten, wie der Karneval unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen stattfinden könnte. Die sollte man sich erst mal anschauen, bevor man von Verzicht spricht.

Aber hat Armin Laschet denn nicht bloß ausgesprochen, was die allermeisten Jecken ohnehin seit langem ahnten?
Laschet hat sich in der Coronakrise früh für Lockerungen ausgesprochen und sich damit nicht nur Fans gemacht. Wahrscheinlich macht er nun mit solchen Aussagen auch Politik. Aber die Menschen brauchen auch wieder ein bisschen Freude. Wir haben die Menschen ja mittlerweile so verängstigt, dass sie sich gar nicht mehr trauen ins Restaurant zu gehen, eine Feier oder ein Konzert zu besuchen. Wirtschaftlich ist das ein Desaster. Natürlich, wir sprechen hier nicht über eine Kleinigkeit, die ganze Welt ist von Corona betroffen. Aber grundsätzlich muss man den Menschen auch wieder eine Perspektive aufzeigen, etwas Freude bereiten. Karneval ist ein ganz gutes Instrument. Dass der Karneval anders als üblich stattfinden wird, verstehe ich – aber dass man komplett auf ihn verzichten soll, finde ich nicht richtig. Und das wird auch nicht passieren: Die Leute werden ja definitiv feiern, ob im Kindergarten oder zu Hause oder im Büro.

Ihr Unternehmen Deiters ist selbsternannter Marktführer für Kostüme. Wie abhängig sind Sie vom Karneval?
Wir machen 65 bis 70 Prozent unseres Jahresumsatzes in der Karnevalssession. In der Spitze beschäftigen wir 700 Mitarbeiter. Das ist also gerade eine sehr, sehr schwierige Zeit für uns. Trotzdem sind wir positiv. Uns ist natürlich bewusst, dass wir nicht den gewohnten Umsatz erwirtschaften werden, aber wir hoffen auf die Kreativität der Karnevalisten.

Sind Ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit?
Wir haben Kurzarbeit angemeldet, aber allen Mitarbeitern bis jetzt ihr Gehalt aufgefüllt. Wir hatten fünf Monate unsere Filialen geschlossen. Das bedeutet ja dann automatisch Kurzarbeit, weil ich für diese Mitarbeiter schlicht und einfach nichts zu tun hatte. Da jetzt aber wieder alle Filialen geöffnet haben, konnten wir unsere Mitarbeiter größtenteils wieder aus der Kurzarbeit rausholen. Ich bin seit 17 Jahren Inhaber und habe das Unternehmen so aufgebaut mit 31 Filialen und wollte jetzt nicht im Corona-Jahr damit aufhören. Aber solch eine Situation hatten auch meine Vorgänger noch nicht. Stand heute ist unser Umsatz natürlich nicht gut. Aber wir versuchen das System am Laufen zu halten, all unsere Filialen haben geöffnet. Und unsere Läger sind voll, und wenn wir die Kostüme dieses Jahr nicht losschlagen, werden wir sie eben nächstes Jahr wieder verkaufen. Wir sind optimistisch. Auch weil der Wille der Menschen sich nicht verändert hat. Wir verkaufen Spaß, und der tut unserer Gesellschaft gut.

Der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, Christoph Kuckelkorn, sagt, die Sessionseröffnung am 11.11. werde voraussichtlich mit sehr viel weniger Zuschauern stattfinden. Glauben Sie, die Jecken verkleiden sich trotzdem, auch wenn sie zu Hause bleiben müssen? Dann sieht doch niemand ihre Kostüme.
Die echten Jecken werden sich schon verkleiden, egal wo sie sind. Und an Weiberfastnacht oder Rosenmontag gehen doch ohnehin die allermeisten im Rheinland kostümiert zur Arbeit – sofern sie an diesen Tagen überhaupt arbeiten. Wir wollen auch in diesem Jahr unseren Teil dazu beitragen, den Karneval erlebbar zu machen – auch unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen.

Aber macht das überhaupt noch Spaß?
Es wird anders sein – aber es ist doch alles anders zur Zeit. Restaurantbesuche und Konzertbesuche sind anders, wir leben momentan in einer sehr verrückten Zeit. Es geht darum, sich daran anzupassen. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Wir müssen versuchen, kreativ zu sein. Irgendetwas muss stattfinden.

Welche Kostüme wären in diesem Jahr normalerweise die Bestseller gewesen?
Wie in jedem Jahr setzen die Trends die Jecken selbst. Das können wir nur sehr begrenzt beeinflussen. Hervorheben kann ich für dieses Jahr vielleicht unsere neue Kooperation mit „Kinder-Schokobons“: das Schokoladenbonbon in Kostümform.

Was ist mit dem Mottoschal für die kommende Session? Normalerweise verkaufen sie davon jedes Jahr rund 50.000 Stück zum Preis von 15 Euro.
Der Mottoschal wird Jahr für Jahr beliebter. Er ist mittlerweile wahrscheinlich der meistverkaufte Schal in Europa. Und er spielt fast 200.000 Euro zurück an den Karneval, weil wir einen Großteil der Einnahmen spenden. Wir haben uns drauf eingestellt, die gewohnte Menge absetzen zu können, haben aber nicht alles auf einen Schlag bestellt. Ich habe die Hoffnung, dass noch mehr als in den vergangenen Jahren dieser Schal ein Symbolartikel wird, als Zeichen für den Karneval, für Köln, für das Lebensgefühl und den Zusammenhalt.

Wie lautet das diesjährige Karnevalsmotto?
Nur zesamme sin mer Fastelovend. (Anmerkung der Redaktion: Nur zusammen sind wir Karneval.)

Sie setzen voll auf die vereinte Kraft der Jecken.
Muss ich ja.

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