Karstadt 2015 wird zum Schicksalsjahr

Wenn der Weihnachtsfrieden endet, drohen bei Karstadt harte Auseinandersetzungen. Die Konzern-Führung liebäugelt mit weiteren Filialschließungen und fordert Lohnopfer der Beschäftigten. Verdi will da nicht mitspielen.

Die größten Baustellen von Karstadt
Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko übernimmt ein Unternehmen in der Krise. Die Karstadt-Warenhäuser schreiben rote Zahlen und kämpfen mit sinkenden Umsätzen. Ein Teil der Probleme ist auf den Strukturwandel im deutschen Einzelhandel zurückzuführen. Andere Schwierigkeiten sind hausgemacht. Welche Herausforderungen erwarten den Immobilieninvestor. Quelle: dpa
Übermächtige KonkurrenzDie Warenhäuser in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt massiv an Marktanteilen verloren. Denn Konkurrenten wie H&M, Zara und zuletzt Primark haben sich mit preiswerten, schnell wechselnden Kollektionen einen immer größeren Teil des Einkaufsbudgets der Verbraucher gesichert. Außerdem geht der Siegeszug der Einkaufszentren zulasten der Warenhäuser. „Alles unter einem Dach“ gibt es dort in der Regel in weitaus größerer Auswahl als in den Warenhäusern. Quelle: dpa
Schwaches Online-GeschäftDer Online-Handel ist zurzeit der mit Abstand größte Wachstumsträger im Einzelhandel. Doch auch hier kann Karstadt bislang mit der Konkurrenz nicht mithalten. Im Gegenteil: Während die meisten Online-Anbieter im vergangenen Weihnachtsgeschäft zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, schrumpften die Verkäufe des Essener Unternehmens über das Internet. Quelle: dpa
Unklare MarkenpositionierungDer bis Ende 2013 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings versuchte Karstadt mit der Brechstange ein jugendlicheres Image zu verpassen. Er wollte den Konzern stärker auf Mode ausrichten, setzte auf neue trendige Marken und gab ganze Sortimentsbereiche wie etwa Elektronik auf. Das verschreckte die ältere Stammkundschaft. Doch neue Zielgruppen wurden dennoch nicht im erhofften Umfang erreicht. Quelle: dpa
Verunsicherte MitarbeiterDie Unsicherheit der vergangenen Jahre und der schleichende Personalabbau in den Filialen ist an den Karstadt-Mitarbeitern nicht spurlos vorübergegangen. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert vor allem den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen: „Die Beschäftigten sind von diesem angeblich sozialen Investor Berggruen bitter getäuscht worden“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Wenn Benko die Karstadt-Mitarbeiter auf einem harten Sanierungskurs mitnehmen will, muss er das Vertrauen der Beschäftigten zurückgewinnen. Quelle: dpa
Großer InvestitionsstauDie meisten Handelsexperten sind sich einig, dass bei Karstadt in den letzten Jahren viel zu wenig investiert wurde. Heinemann schätzt den Investitionsstau sogar auf mindestens 1,5 Milliarden Euro. Soviel Geld wäre nach seiner Auffassung nötig, um das Unternehmen zukunftsfähig auszurichten - im stationären, wie im Internethandel. Quelle: ZB

Noch sorgt die Weihnachtsdekoration für Glanz in den Häusern der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt. Doch wenn zum Jahreswechsel der Stecker der letzten Lichterkette gezogen ist, muss sich der Handelsriese wieder der bitteren Realität stellen.

2015 geht es ums Ganze. Wenn der Konzern überleben will, muss er unter seinem neuen Eigentümer René Benko endlich einen Weg aus der Dauerkrise finden. Es dürfte ein steiniger Weg werden.

Denn Karstadt-Chef Stephan Fanderl hat bereits in den vergangen Monaten klar gemacht, dass im neuen Jahr weitere Filialschließungen drohen. Außerdem fordert das Unternehmen von den Beschäftigten finanzielle Opfer bei Weihnachts- und Urlaubsgeld.

Sparen alleine reicht nicht

Doch beides stößt auf vehementen Widerstand der Gewerkschaft Verdi. „Allein durch einen Sparkurs kann Karstadt nicht nach vorne gebracht werden, denn damit wird es keine Steigerung der Umsätze geben“, widerspricht Stefanie Nutzenberger, das für Handel zuständige Mitglied des Verdi-Bundesvorstands.

Die Hauptdarsteller in der Kaufhaus-Soap
Karl-Gerhard Eick Quelle: dpa
Nicolas Berggruen Quelle: dpa
Andrew Jennings Quelle: dpa
René Benko Quelle: dpa

Rückenstärkung bekommt Fanderl allerdings vom Handelsexperten Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Das wichtigste für Karstadt ist jetzt wohl die rasche Umsetzung der Kostensenkungsprogramme“, mahnt er. Aber fast genauso dringend sei es, das ganze Unternehmen konzeptionell neu aufzustellen. Die Idee, künftig die Karstadt-Filialen in Erlebnishäuser und Nahversorgungshäuser aufzuteilen, sei hier ein erster Schritt. „Aber notwendig ist wohl eine grundlegendere Überarbeitung des Konzepts“, meint Roeb.

„Seit dem Eigentümerwechsel wird mit einer neuen Ernsthaftigkeit und Zielgerichtetheit an der Lösung der Probleme gearbeitet“, lobt Roeb die neue Führungsspitze unter Karstadt-Chef Stephan Fanderl.

Karstadts Krisen-Chronik

Auf allzu viel Rückenwind von der Konjunktur darf Karstadt dabei nicht hoffen. Zwar rechnet der Handelsverband Deutschland (HDE) damit, dass die Deutschen in Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr rund 85,5 Milliarden Euro ausgeben, 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch ausgerechnet im für Karstadt besonders wichtigen Textilgeschäft verlief das Geschäft zuletzt enttäuschend. In den vielen Karstadt-Warenhäusern wird der Umsatz in diesem Jahr angesichts der ungewissen Zukunft mit einem besonders bangen Gefühl gezählt werden.

Schließung der Karstadt-Filialen ist teuer

Doch ein Allheilmittel sind Filialschließungen für das finanzschwache Unternehmen ohnehin nicht, wie Roeb betont. Denn Schließungen von Warenhäusern sind teuer.

„Die neue Konzernführung kann eigentlich nur Häuser schließen, die entweder so verlustbringend sind, dass die laufenden Verluste höher als die laufenden Mietzahlungen sind, oder solche, bei denen der Vermieter bei den Abstandszahlungen für den gekündigten Mietvertrag signifikante Konzessionen macht. Das ist nicht oft der Fall“, meint der Handelsexperte. Berücksichtige man dann noch die bei einer Schließung entstehenden Einmalkosten etwa für Sozialpläne bleibe nicht viel Spielraum für schnelle harte Einschnitte im Filialnetz.

In Arbeit
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Eine Entwarnung für die Beschäftigten ist diese Einschätzung allerdings nicht. Sie werden nach Roebs Einschätzung weitere Opfer bringen müssen: „Ein Problem bei Karstadt ist, dass die Mitarbeiter dort im Durchschnitt noch immer besser - im Einzelfall sogar deutlich besser - verdienen als bei manchen Wettbewerbern. Dabei gibt das Geschäftsmodell das einfach nicht mehr her. Das müssen die Mitarbeiter begreifen und dauerhafte Lohneinbußen akzeptieren.“

Die Gewerkschaft Verdi allerdings will einen anderen Kurs. Nutzenberger mahnt, nur gemeinsam mit der Belegschaft könne die Konzernführung Karstadt fit für die Zukunft zu machen. Für die Gewerkschaft stünden Beschäftigungs- und Standortsicherung an erster Stelle. „Noch mehr Beschäftigte einzusparen, untergräbt das Warenhaus der Zukunft“, meint die Gewerkschafterin.

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