Karstadt-Chef So stellt sich Stephan Fanderl die Warenhaus-Zukunft vor

Stephan Fanderl hat Filialschließungen beschlossen und hunderten Mitarbeitern gekündigt. Jetzt wähnt sich der Karstadt-Chef im Aufwind: 2016 soll das kriselnde Warenhaus wieder Gewinn machen.

Die größten Baustellen von Karstadt
Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko übernimmt ein Unternehmen in der Krise. Die Karstadt-Warenhäuser schreiben rote Zahlen und kämpfen mit sinkenden Umsätzen. Ein Teil der Probleme ist auf den Strukturwandel im deutschen Einzelhandel zurückzuführen. Andere Schwierigkeiten sind hausgemacht. Welche Herausforderungen erwarten den Immobilieninvestor. Quelle: dpa
Übermächtige KonkurrenzDie Warenhäuser in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt massiv an Marktanteilen verloren. Denn Konkurrenten wie H&M, Zara und zuletzt Primark haben sich mit preiswerten, schnell wechselnden Kollektionen einen immer größeren Teil des Einkaufsbudgets der Verbraucher gesichert. Außerdem geht der Siegeszug der Einkaufszentren zulasten der Warenhäuser. „Alles unter einem Dach“ gibt es dort in der Regel in weitaus größerer Auswahl als in den Warenhäusern. Quelle: dpa
Schwaches Online-GeschäftDer Online-Handel ist zurzeit der mit Abstand größte Wachstumsträger im Einzelhandel. Doch auch hier kann Karstadt bislang mit der Konkurrenz nicht mithalten. Im Gegenteil: Während die meisten Online-Anbieter im vergangenen Weihnachtsgeschäft zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, schrumpften die Verkäufe des Essener Unternehmens über das Internet. Quelle: dpa
Unklare MarkenpositionierungDer bis Ende 2013 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings versuchte Karstadt mit der Brechstange ein jugendlicheres Image zu verpassen. Er wollte den Konzern stärker auf Mode ausrichten, setzte auf neue trendige Marken und gab ganze Sortimentsbereiche wie etwa Elektronik auf. Das verschreckte die ältere Stammkundschaft. Doch neue Zielgruppen wurden dennoch nicht im erhofften Umfang erreicht. Quelle: dpa
Verunsicherte MitarbeiterDie Unsicherheit der vergangenen Jahre und der schleichende Personalabbau in den Filialen ist an den Karstadt-Mitarbeitern nicht spurlos vorübergegangen. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert vor allem den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen: „Die Beschäftigten sind von diesem angeblich sozialen Investor Berggruen bitter getäuscht worden“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Wenn Benko die Karstadt-Mitarbeiter auf einem harten Sanierungskurs mitnehmen will, muss er das Vertrauen der Beschäftigten zurückgewinnen. Quelle: dpa
Großer InvestitionsstauDie meisten Handelsexperten sind sich einig, dass bei Karstadt in den letzten Jahren viel zu wenig investiert wurde. Heinemann schätzt den Investitionsstau sogar auf mindestens 1,5 Milliarden Euro. Soviel Geld wäre nach seiner Auffassung nötig, um das Unternehmen zukunftsfähig auszurichten - im stationären, wie im Internethandel. Quelle: ZB

960 Kündigungen bis Ende März. Im Mai wurde bekannt, dass fünf Warenhäuser geschlossen werden. Fast 500 Mitarbeiter sind davon betroffen. Bei Karstadt kreiste in den vergangenen Wochen der Hammer.

Nun bemüht sich Stephan Fanderl, der Chef der Warenhauskette, darum, Ruhe in den Konzern zu bringen. In Gesprächen und einem Schreiben an die Mitarbeiter versuchte der Konzernlenker in vergangenen Tagen Sorgen zu beschwichtigen, die Filialschließungen wären erst der Anfang.

Stattdessen, so die Botschaft, müsse der Blick jetzt nach vorne gehen: Ein breiteres Sortiment und neue Partner in den Filialen sollen wieder mehr Kunden anziehen. Während sein Vorgänger Andrew Jennings Karstadt stark auf Mode getrimmt hatte, will Fanderl wieder ein umfangreiches Angebot in den Regalen sehen – zum Beispiel aus den Bereichen Wohnen und Freizeit.

Selbst Herde, Kühlschränke und Waschmaschinen könnte es künftig bei Karstadt geben. „Sich aus immer mehr Warengruppen zurückzuziehen, ist keine Warenhaus-Antwort“, so Fanderl.

Karstadts Krisen-Chronik

Die Pläne, den Krisenkonzern aus der jahrelangen Schieflage zu bringen, sind ehrgeizig. Im laufenden Geschäftsjahr wolle man „wesentlich näher an die schwarze Null rücken“, bekräftigte Fanderl im Interview mit der Zeitung „Die Welt“.  „Wir müssen dann im kommenden Jahr wieder in der Lage sein, Geld zu verdienen.“ Die Schließungen der fünf Warenhäuser seien ein schmerzhafter, aber notwendiger Schritt. „Mit diesen fünf Filialen verlieren wir 50 Millionen Euro Jahresumsatz“, so Fanderl.

"Keine zweite Schließungsrunde"

Unter den Mitarbeitern rumort es derweil weiter. Hauptauslöser der Sorgen: Zum einen hatte die Gewerkschaft Verdi im April vor weiteren Schließungen gewarnt und mit der Einschätzung für Schrecken gesorgt, dass im schlimmsten Falle fast 40 Prozent der verbliebenen knapp 16.000 Arbeitsplätze in Gefahr wären. Zum anderen umfasst eine im vergangenen Jahr vorgelegte Rote Liste mit hochdefizitären Filialen insgesamt 28 Warenhäuser.

Diese Abschussliste aber ist einerseits durch die geplanten Schließungen kürzer geworden. Anderseits sei bei rund der Hälfte der Filialen der Turnaround gelungen. Deshalb stehen die Zeichen erstmal auf Entwarnung: „Ich habe keine zweite Schließungsrunde geplant“, so Fanderl.

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Auch wenn der Karstadt-Chef sein Unternehmen als starke Marke wahrnimmt und ihm einen gesunden Kern zuspricht, der schon seit Jahren diskutierte Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Kaufhof ist längst nicht vom Tisch. „Eine Konsolidierung des Warenhausgeschäfts birgt natürlich viele Chancen für Kunden und Mitarbeiter“, sagte Fanderl. „Auch könnte ein gemeinsames Unternehmen mehr investieren.“

Zuletzt hatte auch der kanadische Handelskonzern Hudson's Bay Interesse an einer Kaufhof-Übernahme bekundet. Dem einstigen Pelzmonopolisten und heutigen multinationalen Konzern räumte Fanderl aber keine großen Chancen ein: „Man begreift im Ausland nicht, wie schwierig der deutsche Markt wirklich ist“, sagte er der Welt.

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