Karstadt Die Renaissance der Waschmaschine

Weiße Ware statt hipper Mode: Karstadt-Chef Stephan Fanderl will den Warenhauskonzern nicht nur mit rigiden Sparmaßnahmen und Filialschließungen auf Kurs bringen. Er setzt auch auf Sortimentsklassiker.

Die größten Baustellen von Karstadt
Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko übernimmt ein Unternehmen in der Krise. Die Karstadt-Warenhäuser schreiben rote Zahlen und kämpfen mit sinkenden Umsätzen. Ein Teil der Probleme ist auf den Strukturwandel im deutschen Einzelhandel zurückzuführen. Andere Schwierigkeiten sind hausgemacht. Welche Herausforderungen erwarten den Immobilieninvestor. Quelle: dpa
Übermächtige KonkurrenzDie Warenhäuser in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt massiv an Marktanteilen verloren. Denn Konkurrenten wie H&M, Zara und zuletzt Primark haben sich mit preiswerten, schnell wechselnden Kollektionen einen immer größeren Teil des Einkaufsbudgets der Verbraucher gesichert. Außerdem geht der Siegeszug der Einkaufszentren zulasten der Warenhäuser. „Alles unter einem Dach“ gibt es dort in der Regel in weitaus größerer Auswahl als in den Warenhäusern. Quelle: dpa
Schwaches Online-GeschäftDer Online-Handel ist zurzeit der mit Abstand größte Wachstumsträger im Einzelhandel. Doch auch hier kann Karstadt bislang mit der Konkurrenz nicht mithalten. Im Gegenteil: Während die meisten Online-Anbieter im vergangenen Weihnachtsgeschäft zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, schrumpften die Verkäufe des Essener Unternehmens über das Internet. Quelle: dpa
Unklare MarkenpositionierungDer bis Ende 2013 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings versuchte Karstadt mit der Brechstange ein jugendlicheres Image zu verpassen. Er wollte den Konzern stärker auf Mode ausrichten, setzte auf neue trendige Marken und gab ganze Sortimentsbereiche wie etwa Elektronik auf. Das verschreckte die ältere Stammkundschaft. Doch neue Zielgruppen wurden dennoch nicht im erhofften Umfang erreicht. Quelle: dpa
Verunsicherte MitarbeiterDie Unsicherheit der vergangenen Jahre und der schleichende Personalabbau in den Filialen ist an den Karstadt-Mitarbeitern nicht spurlos vorübergegangen. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert vor allem den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen: „Die Beschäftigten sind von diesem angeblich sozialen Investor Berggruen bitter getäuscht worden“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Wenn Benko die Karstadt-Mitarbeiter auf einem harten Sanierungskurs mitnehmen will, muss er das Vertrauen der Beschäftigten zurückgewinnen. Quelle: dpa
Großer InvestitionsstauDie meisten Handelsexperten sind sich einig, dass bei Karstadt in den letzten Jahren viel zu wenig investiert wurde. Heinemann schätzt den Investitionsstau sogar auf mindestens 1,5 Milliarden Euro. Soviel Geld wäre nach seiner Auffassung nötig, um das Unternehmen zukunftsfähig auszurichten - im stationären, wie im Internethandel. Quelle: ZB

Karstadt-Chef Stephan Fanderl zückt erneut den Rotstift: Nachdem der Manager bereits im vergangenen Jahr das Aus für Karstadt-Warenhäuser in Stuttgart und Hamburg durchgesetzt hat, stehen nun fünf weitere Warenhäuser vor der Schließung. Betroffen sind die Karstadt-Filialen in Recklinghausen, Bottrop, Dessau, Neumünster und Mönchengladbach. „Ohne zum Teil sehr schmerzliche Entscheidungen, wie die Schließung von Filialen ohne strategische Perspektive, können wir die Gesundung des Gesamtunternehmens nicht sichern", kommentierte Fanderl die Entscheidung.

Keine Frage, die Nachrichtenlage klingt bedrohlich – wie eigentlich immer, wenn es um das Thema Karstadt geht. Bemerkenswert ist jenseits der großen Schließungswelle allerdings, dass sich Fanderls Reparaturarbeiten nicht auf das Thema Einsparungen beschränken. Auch intern treibt der Manager eine Neuausrichtung voran.

So will Karstadt laut einem Bericht der „Lebensmittelzeitung“ bis Mitte des Jahres eine neue Vertriebsstruktur einführen. Dabei soll jedes der derzeit noch 83 Warenhäuser künftig einer von acht regionalen Gruppen zugeordnet werden. Davon verspricht sich das Unternehmen schnellere Abläufe und mehr Verantwortung für die Geschäftsführungen vor Ort.

Die Sortimente sollen regional-spezifischer als bisher werden. Zudem könnten laut „Lebensmittelzeitung“ künftig wieder Heimwerker- und Haushaltsartikel sowie große Elektrogeräte wie Herde oder Kühlschränke bei Karstadt angeboten werden.

Karstadts Krisen-Chronik

Die Ideen von Fanderls Vor-Vorgänger Andrew Jennings sind damit endgültig vom Tisch. Jennings hatte Karstadts Heil vor allem im Ausbau des Modeangebots gesehen und verstärkt auf englische Modemarken gesetzt, die junge Kundengruppen ansprechen sollten. Allein, das Experiment erwies sich als kosten- und zeitintensiver Flop.

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Statt neue Käufer zu gewinnen, vergraulte Jennings die Stammkundschaft und verschärfte so die operative Misere des Kaufhof-Wettbewerbers. Ob Fanderls Korrekturen und Kostensenkungen ausreichen, um Karstadt wieder in die Gewinnzone zu bringen, ist jedoch fraglich.

Zunächst dürften erhebliche Kosten etwa für Abfindungen anfallen. Zudem steht der Warenhauskonzern vor einer Welle von Arbeitsgerichtsprozessen. So liegen dem Arbeitsgericht Essen Dutzende Mitarbeiterklagen gegen ihre Ende März ausgesprochenen Kündigungen vor. Gerügt werden unter anderem formale Verstöße wie das Nichteinhalten von Kündigungsfristen sowie eine nach Auffassung von Anwälten falsche Sozialauswahl.

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