WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Kartellamt genehmigt Verkauf von Real-Märkten 92 Real-Filialen für Kaufland: Das wird den deutschen Handel verändern

Das jahrelange Hickhack um die Zukunft der Supermarktkette Real nähert sich dem Ende. Quelle: imago images

Das jahrelange Hickhack um die Zukunft der Supermarktkette Real nähert sich dem Ende. Das Bundeskartellamt gibt grünes Licht für den Verkauf des Großteils der Real-Märkte an die Wettbewerber Kaufland und Globus.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Seit Jahren rätseln Mitarbeiter und Kunden der SB-Warenhauskette Real über die Zukunft der einzelnen Märkte. Dass das Handelsunternehmen zerschlagen werden würde, zeichnete sich zwar bereits schon vor Monaten ab. Doch offen war, ob auch das Bundeskartellamt mitspielen würde. Nun haben die Wettbewerbshüter entschieden und den Erwerb von bis zu 92 Real-Standorten durch die zur Schwarz-Gruppe gehörende Kaufland freigegeben. Gleichzeitig hat das Amt die Übernahme von bis zu 24 Real-Standorten durch die saarländische Globus-Gruppe erlaubt.
Die angeschlagene SB-Warenhauskette Real mit ehemals 276 Standorte und einem Umsatz von rund 7 Milliarden Euro war im Frühjahr von der Metro an den russischen Finanzinvestor SCP verkauft worden. Er will sie zerschlagen und hat bereits vor Monaten den Verkauf zahlreicher Filialen an die Wettbewerber Kaufland und Edeka angekündigt. Später äußerte auch der mittelständische Wettbewerber Globus Interesse an einem größeren Standortpaket. 

„Dies ist eine gute und wichtige Entscheidung für die Mitarbeiter, Kunden und Märkte“, erklärte Ralf Imhof, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Kaufland Deutschland. Ab dem ersten Quartal kommenden Jahres werden die Märkte sukzessive an Kaufland übergehen und in das bestehende Filialnetz integriert werden. 

Vorangegangen waren komplexe und langwierige Prüfungen und Verhandlungen zwischen den Beteiligten und dem Bundeskartellamt. Die Bonner Wettbewerbshüter untersuchen Übernahmen und Fusionen im Lebensmittelsektor sehr genau. Schließlich ist der deutsche Lebensmittelhandel bereits hoch konzentriert. Aldi, Rewe, Edeka und die Schwarz-Gruppe, zu der neben Kaufland auch Lidl gehört, beherrschen rund 85 Prozent des Marktes. „Bei der Übernahme von Lebensmitteleinzelhandelsgeschäften geht es stets um zwei unterschiedliche Marktseiten“, heißt es denn auch in einer Mitteilung des Bundeskartellamtes. Die eine sei die Absatzseite, auf der die Folgen für die Verbraucher betrachtet werden. Die andere Seite sei die Beschaffungsseite, auf der die Auswirkungen von Übernahmen auf Lieferanten analysiert werden. 



„Die Übernahme von Real-Standorten durch Globus ist aus Verbraucher-Sicht in allen betroffenen Regionen unproblematisch“, erklärte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes. Bei Kaufland sah das zunächst anders aus. Da in einigen regionalen Märkten „die Ausweichmöglichkeiten und der Wettbewerb zu stark beeinträchtigt“ worden wären, habe man Kaufland anstatt der 101 angemeldeten nur die Übernahme von bis zu 92 Real-Standorten erlaubt. 

Wettbewerbsanalyse via Payback

Das Kartellamt hatte zuvor anhand von Daten des Bonuspunktesystems Payback ermittelt, aus welchem Gebiet 90 Prozent aller Kunden eines jeweiligen Real-Standortes kommen und die dortige Konkurrenzsituation analysiert. Neben SB Warenhäusern, Verbrauchermärkten und Supermärkten wurden auch Bio-Händler in die Marktbetrachtung einbezogen, nicht aber Fachgeschäfte wie Bäckereien oder Drogerien. Betrug der gemeinsame Marktanteil der Schwarz-Gruppe inklusive der Real-Standorte in einem regionalen Absatzmarkt 35 bis 40 Prozent oder mehr wurde eine noch genauere Prüfung der Wettbewerbsverhältnisse vor Ort vorgenommen. 

Im Ergebnis verzichtete Kaufland wegen wettbewerbsrechtlicher Bedenken auf den geplanten Erwerb von neun Real-Standorten in Bedburg, Heidenau, Hemer, Heidenheim, Brandenburg, Neubrandenburg, Horb, Dülmen und Falkensee.

Folgen hat die Übernahme indes auch für die Beschaffungsseite – und damit für die Lieferanten. Schon im Vorfeld hatte etwa der Deutsche Markenverband ein Verbot der Übernahme gefordert. „Wir sehen hier eine erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs und das endgültige Entstehen eines engen Oligopols im Lebensmittelhandel“, warnte jüngst Andreas Gayk, Geschäftsführer Recht und Politik des Verbands, dem über 380 Markenanbieter angehören. „Jede Verstärkung der Marktmacht eines der vier führenden Handelshäuser durch einen Zukauf bedeutet eine erhebliche Beeinträchtigung des Nachfragewettbewerbs“, so Gayk gegenüber der WirtschaftsWoche. Er kritisierte eine „kontinuierliche Verstärkung des Drucks auf die Markenhersteller, die dem immer weniger entgegenzusetzen haben“.

Trotz der hohen Konzentration des Beschaffungsmarktes müsse bei der kartellrechtlichen Einordnung berücksichtigt werden, dass zwischen den vier führenden Handelsketten im Einkauf ein gewisser Wettbewerb besteht, argumentiert in der aktuellen Entscheidung dagegen das Bundeskartellamt. Der gesamte Beschaffungsanteil von Real liege ohnehin bei unter fünf Prozent. Zudem haben die Wettbewerbshüter den Verkauf an Kaufland nur unter Auflagen genehmigt. „Die bedingte Freigabe des Vorhabens war möglich, weil sich SCP im Gegenzug dazu verpflichtet hat, Real-Standorte mit einem Beschaffungsvolumen von insgesamt mindestens 200 Millionen Euro“ an mittelständische Unternehmen zu veräußern, sagt Kartellamtspräsident Mundt. Hier kommt Globus ins Spiel. Die Saarländer betreiben in Deutschland bislang 47 SB-Warenhäuser und erzielen einen Umsatz von 4,5 Milliarden Euro in Deutschland. Mit der Möglichkeit, nun 24 zusätzliche Standorte zu übernehmen, wurde eine „nennenswerte Expansionsmöglichkeiten für das Unternehmen“, heißt es beim Bundeskartellamt.

Ob Globus tatsächlich alle Standorte erwirbt, ist allerdings noch offen. Bislang hatte der Mittelständler lediglich rund 16 Real-Märkte ins Visier genommen. Auch die Zahl der Märkte, die letztlich an Kaufland gehen werden, hängt noch von verschiedenen Faktoren ab. Einige dieser Standorte könnten von Wettbewerbern übernommen werden, in anderen Fällen steht noch die Einigung von Kaufland mit den bisherigen Vermietern aus.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Eines ist dennoch bereits klar: „Die Schwarz-Gruppe baut durch die Übernahme ihre starke Marktposition beim Einkauf von Lebensmitteln weiter aus“, konstatiert Kartellamtspräsident Mundt. Sie ist mit einem Umsatz von rund 113 Milliarden Euro schon heute europaweit der mit Abstand größte Lebensmitteleinzelhändler. In Deutschland beträgt der Umsatz rund 39 Milliarden Euro. Kaufland betreibt rund 670 SB-Warenhäuser und Verbrauchermärkte. Lidl betreibt mit 39 Regionalgesellschaften ein Vertriebsnetz von  3.200 Standorten, und ist der größte Discounter-Konzern der Welt mit insgesamt 10.800 Filialen in 32 Ländern.

Neben den Übernahmeplänen von Kaufland und Globus will auch Edeka 72 Real-Standorte übernehmen und hat dies beim Bundeskartellamt angemeldet. Die Prüfung läuft. Edeka und Eigentümer SCP hätten Mitte Dezember erste Angebote für freiwillige Zusagen vorgelegt, so dass sich die Frist zur Entscheidung bis Ende Februar 2021 verlängert hat. 

Mehr zum Thema: Der Discountriese Lidl baut seine Lebensmittelproduktion massiv aus. Neben mehr Versorgungssicherheit will er die Kontrolle über größere Teile der Wertschöpfungskette – und den Preisdruck auf Zulieferer erhöhen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%