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Keine Überraschung Upps, Loewe ist ja insolvent

Das Pleite-Missverständnis: Der Aktienkurs des TV-Herstellers Loewe bricht ein, Schlagzeilen künden vom Untergang der Traditionsmarke. Dabei kommt die Eröffnung des Insolvenz-Planverfahrens nicht überraschend.

Heute wurde das vollzogen, was jedes Schutzschirmverfahren als Regelablauf von vornherein vorsieht. Die Insolvenzeröffnung ist nur die logische Folge des Schutzschirmantrags im Juli. Quelle: dpa

Ein neues Drama in der deutschen Wirtschaft? „Ein deutsches Traditionsunternehmen steht vor dem Aus“, wissen diverse Online-Medien heute zu berichten. „Antrag auf Insolvenz - Loewe ist pleite“, lauten die News, gern versehen mit dem bedauernden Hinweis „Der Gläubigerschutz allein hat nicht gereicht.“

Hallo?! Loewe ist seit zweieinhalb Monaten insolvent. In einem Gerichtsbeschluss des Amtsgerichts Coburg ist  bereits am 16. Juli 2013 wörtlich von „dem Insolvenzverfahren über das Vermögen der Loewe AG“  die Rede. Die Eröffnung des Verfahrens kam denn auch nicht  überraschend, sondern war so absehbar wie der nächste Werbeblock im TV-Programm. Heute wurde lediglich das vollzogen, was jedes Schutzschirmverfahren als Regelablauf von vornherein vorsieht. Im Klartext: Die Insolvenzeröffnung ist nur die logische Folge des Schutzschirmantrags im Juli. Die Investorensuche für Loewe ist also weder gescheitert, noch wird die Führung ausgetauscht. Im Grunde ändert sich lediglich der Verfahrensstatus.

Die Evolution der Loewe-Produkte
Erster Loewe-FernseherDer erste Loewe-Fernseher kam 1931, acht Jahre nach der Gründung des Unternehmens durch Siegmund und David L. Loewe auf den Markt. Quelle: Loewe AG
Der TV-Hersteller gehört zu den „letzten Mohikanern“ der europäischen Elektronikkonzerne. Das deutsche Traditionsunternehmen lässt im Gegensatz zur Konkurrenz nicht in China fertigen, sondern ausschließlich in Kronach in Oberfranken. Siegmund Loewe (links) und der Physiker Manfred von Ardenne (rechts) arbeiteten eng an bei der Entwicklung neuer Geräte zusammen (1928). Quelle: Loewe AG
Ortsempfänger „OE333“Noch bevor Loewe ins Fernsehgeschäft einstieg, wurde seit 1926 der Loewe Ortsempfänger „OE333“ produziert. Er lief mit einer Dreifachröhre, die der Physiker Ardenne mitentwickelte. Quelle: Loewe AG
„Optaphon“1950 kam dann das „Optaphon“, das erste Kassetten-Tonbandgerät, auf dem Markt. Zwischenzeitlich waren während der Zeit des Nationalsozialismus die Gründungsbrüder aus dem Unternehmen ausgeschieden und in die USA geflohen. Quelle: Loewe AG
„Iris“Im Jahr 1951 stellte Loewe den Fernseher „Iris“ vor. Quelle: Loewe AG
„Optaport“Eine Besonderheit stellte im Jahr 1963 der „Optaport“ dar. Es war der erste tragbare Fernseher überhaupt. Die Bildschirmdiagonale betrug 25 cm und dank eines eingebauten UKW-Moduls konnte man auch Radio hören. Quelle: Loewe AG
„Art 1“Mit dem „Art 1“ führte Loewe im Jahr 1985 eine ganz neue Generation von Fernsehern ein, die unter anderem auf besonders große Lautsprecher setzten und ein völlig neues Designkonzept verfolgten. Quelle: Loewe AG

Trotzdem bricht der Aktienkurs von Loewe zeitweise um mehr als 30 Prozent ein, ploppen Schlagzeilen der Sorte „jetzt wird alles noch schlimmer“ hoch. Das zeigt vor allem eines: Die Interpretation des so genannten Schutzschirmverfahrens beruht nach wie vor auf einem grundlegenden Missverständnis. In der Öffentlichkeit wird der so freundlich klingende Begriff „Schutzschirm“ noch immer als eine Art vorinsolvenzlicher Rettungsversuch wahrgenommen, als Maßnahme, um eine Pleite in letzter Minute abzuwenden. Dass ein Schutzschirmverfahren bereits eine spezielle Insolvenzvariante ist – die zwar auf die Sanierung eines Unternehmens ausgerichtet ist, aber trotzdem eine Insolvenz bleibt - hat sich bis dato kaum herumgesprochen. Und so sorgte nun eine Pressemitteilung des Unternehmens zum Stand der Dinge für die aufregende Erkenntnis: Upps, Loewe ist ja insolvent.

Dabei ist der grobe Ablauf von Schutzschirmverfahren im Grunde immer ähnlich: Ein Unternehmen kann bei drohender Zahlungsunfähigkeit und/oder Überschuldung entsprechende Anträge stellen und bekommt analog zum vorläufigen Insolvenzverfahren bis zu drei Monate Zeit, in der es vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt ist. Ein vorläufiger Sachwalter überwacht den Ablauf. Mittels Insolvenzausfallgeld und anderer Sanierungsmaßnahmen kann das Management in dem Zeitraum die Liquiditätssituation entspannen. Parallel soll ein Insolvenzplan erstellt werden, nach dessen Umsetzung das Unternehmen wieder wirtschaftlich solide arbeiten kann.

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Spätestens nach drei Monaten ist allerdings Schluss und das Verfahren mündet – zumindest wenn alles läuft wie beabsichtigt – in ein Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung. Sprich: Das Management bleibt an Bord, der vorläufige wird zum ordentlich Sachwalter. Sonst ändert sich erst einmal wenig. Die Suche nach Investoren und Verkaufsverhandlungen können weiter geführt werden. Bei der anschließenden Gläubigerversammlung stimmen die Gläubiger dem Plan im Idealfall zu. Sind die im Insolvenzplan festgelegten Bedingungen erfüllt, hebt das Gericht das Insolvenzverfahren in den folgenden Monaten auf.

Bis sich herum spricht, dass wer „Schutzschirm“ sagt, „insolvent aber sanierbar“ meint, dürfte noch es noch geraume Zeit dauern. Vielleicht steckt hinter der euphemistischen Titelwahl  ja auch Kalkül. Schon als  das deutsche Konkurs- in Insolvenzrecht umgetauft wurde, hoffte der Gesetzgeber, dass mit den neuen Begrifflichkeiten auch gleich die Pleite ihren Schrecken verlöre. Funktioniert hat das am indes Ende nicht.

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