WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Kleinhändler auf Amazon Wenn der Vertrieb über den Onlineriesen im Fiasko endet

Seite 3/3

"Wenn ein Händler wegfällt, wartet schon der nächste"

Verstößt ein Händler gegen eine der vielen Regeln oder steht er auch nur im Verdacht, dies zu tun, muss er einen Plan vorlegen, der beschreibt, wie er sicherstellen will, dass das nicht noch einmal passiert. Das klingt einfach. Doch ist das Konto erst einmal gesperrt, entwickelt sich jede Kommunikation mit Amazon zum Höllenritt.

Kleine Händler haben keine Ansprechpartner. Sie müssen ihre Pläne an anonyme Adressen schicken, die, so berichten es mehrere Betroffene, häufig erst einmal gar nicht antworten. Geschieht das dann doch, wird immer alles nach einem Standardprogramm abgearbeitet – egal, ob dieses individuell Sinn macht. So wie bei Elem.

Viele Monate nachdem Amazon sein Geschäft stoppte, hat er alle Unterlagen beisammen, um seine Unschuld zu beweisen. Er legt das Schreiben eines Kooperationspartners von Michael Kors vor, der den Fälschungsverdacht nicht bestätigt. Dazu ein Gutachten einer renommierten Anwaltskanzlei, die eine Uhr hatte überprüfen lassen. Darin heißt es: „Nach Prüfung durch die Sachverständigen können wir bestätigen, dass es sich bei der Uhr um ein Original handelt.“

Elem schickt beide Schreiben an Amazon und glaubt, dass sein Konto nun wieder freigeschaltet würde. Zumal er in Zukunft gar keine Markenartikel mehr verkaufen will, sondern nur namenlose Handyhüllen. Er legt, wie gefordert, Rechnungen des neuen Lieferanten bei.

Unbarmherzig

Ursprünglich wollte Amazon-Chef Bezos sein Unternehmen Relentless nennen, englisch für unbarmherzig, unerbittlich, gnadenlos. Das gilt wohl auch für den Umgang mit Händlern wie Elem. Denn die Antworten von Amazon lesen sich wie aus einer modernen Interpretation eines Kafka-Klassikers. Darin heißt es etwa, er solle Rechnungen zu den Uhren einschicken, die er einst verkauft habe. Die Quittungen aber dürften nicht älter als ein Jahr sein.

Elem kann solche Rechnungen nicht einreichen, schließlich hat er die Uhren seit über einem Jahr nicht mehr im Sortiment. Das teilt er Amazon auch mit. Nichtsdestotrotz fordert Amazon immer wieder Rechnungen zu den Uhren ein, die nicht älter als 365 Tage sein dürfen.

Elem glaubt zwischendurch, die Verfasser hätten seine Mails nie gelesen. Warum die eingereichten Unterlagen und die doch recht plausible Erklärung für die fehlenden Quittungen nicht reichen, erklärt ihm niemand. „Wer mit dem Support von Amazon zu tun hat, landet mit seinem Anliegen jedes Mal bei einem anderen Mitarbeiter“, sagt auch Marktplatz-Experte Steier. „Der sitzt mal in Tschechien und mal in Indien. Es gibt niemanden, der sich so einen Fall mal von vorn bis hinten anschaut.“ Der Einzelne sei bedeutungslos: „Wenn ein Händler wegfällt, wartet schon der nächste, um die Lücke zu füllen.“ Bei Ebay soll der Umgang mit Problemfällen besser laufen. „Hier gibt es eine zentrale Beschwerdestelle“, sagt Steier. „In der nimmt sich ein einzelner Betreuer einen strittigen Fall noch mal genau vor.“ Das hat auch Elem so erlebt. Als er mal ein Problem hatte, habe sich ein Ebay-Mitarbeiter um ihn gekümmert. „Wir haben uns getroffen und konnten alle Fragen sofort klären.“ Bei Amazon bat er dagegen vergebens um ein Gespräch.

Die Handelsplattform hat das Hausrecht. Unternehmer besitzen keinen Anspruch darauf, auf der Plattform zu handeln. Die Manager des US-Unternehmens entscheiden somit selbst, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. „Amazon kann einen Vertrag auch ohne Grund innerhalb von 14 Tagen kündigen“, sagt dazu Anwältin Bachmann. Jeder Unternehmer, der auf Amazon handelt, „muss das einkalkulieren“. Es ist der Preis für die gigantischen Möglichkeiten, die die Plattform bietet.

Elem betreibt seinen Handel inzwischen nur noch auf Ebay. Aktuell setzt er dort mit seinen Handyhüllen rund eine Million Euro jährlich um. Von den Kunden wird er fast ausnahmslos positiv bewertet. „Bei Amazon wäre noch mal das Doppelte drin“, glaubt er. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass er zurück auf die Plattform darf, ist gering. Die letzte Mail klang endgültig: „Wir haben uns dafür entschieden, Ihr Verkäufer-Konto nicht wieder freizuschalten. Dies ist unser letztes Wort in dieser Angelegenheit.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%