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Kliniken Deutsche Heilkunst für internationale Patienten

Große deutsche Kliniken rüsten auf, um internationale Patienten zu behandeln - zum Beispiel Russen und Araber. Der Medizintourismus ist auch für viele Städte ein lukratives Geschäft.

Das Vivantes-Klinikum im Friedrichshain: Behandlungen in Deutschland sind begehrt. Quelle: dpa

BerlinDeutsche Heilkunst genießt im Ausland einen hervorragenden Ruf. Als der Berliner Klinikkonzern Vivantes International vor zwei Jahren seine erste Komfortklinik für Auslandspatienten eröffnete, musste sich Nizar Maarouf eine Menge skeptischer Kommentare anhören. "Tenor war: Die bekommt ihr nie voll", berichtet der Geschäftsführer von Vivantes. Inzwischen arbeitet der Konzern sogar mit Wartelisten. Besonders gern kämen Araber, gefolgt von Patienten aus Russland und den einstigen Sowjetrepubliken. Innerhalb von fünf Jahren stieg die Zahl der nichteuropäischen Patienten von 190 auf 1500 im vergangenen Jahr. Über die damit verbundenen Umsatzzahlen schweigt Maarouf beharrlich. Es muss sich jedoch lohnen, denn Vivantes steht für einen bundesweiten Trend: Deutsche Kliniken rüsten auf, um Patienten aus aller Welt zu behandeln. Nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) gibt es hierzulande mehr als 2000 Kliniken - davon werben rund zehn Prozent gezielt um internationale Patienten.

Jährlich lassen sich bis zu 100 000 sogenannte Medizintouristen in Deutschland behandeln, schätzt Norbert Tödter von der DZT. Das ist bislang allerdings nur ein Nischenmarkt. Der durchschnittliche Anteil ausländischer Patienten in deutschen Häusern liegt nach DZT-Recherchen bei 0,4 Prozent. In den seltensten Fällen tragen sie mehr als zwei Prozent zum Umsatz der Kliniken bei. "Die Erwartung, dass man mit ausländischen Gesundheitstouristen das deutsche Gesundheitssystem retten könnte, ist absurd", sagt Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Doch der Markt wächst stetig. Ebenso wie der für Gesundheits- und Wellnessreisen, was eine Folge der alternden Gesellschaft und des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins ist. Die DZT spricht gar von einem "Megatrend". Das jährliche Plus bei Medizinreisenden schätzt Tödter auf drei bis vier Prozent.


„International offices“ für internationale Patienten

Er widerspricht der Auffassung, der Markt gäbe nicht mehr viel her, weil die arabischen Länder und Russland in ihrer Gesundheitsversorgung aufholten: "Wir stehen erst am Anfang." Deutschland biete die gesamte Leistungskette an - schließlich gehe es nicht nur um die Operation, sondern auch um die anschließende Rehabilitation. Und zur Freude der Tourismusmanager reisen vor allem die Araber meist nicht allein, sondern mit großem Gefolge: Das weilt während der Behandlung des Patienten in guten Hotels und geht auf ausgedehnte Shoppingtouren. Während der klassische Berlin-Tourist im Durchschnitt nach zwei bis drei Tagen wieder abreise, verzeichneten die Hotels bei Medizin- und Gesundheitsreisen eine Aufenthaltsdauer von durchschnittlich zwölf Tagen, berichtet Burkhard Kieker von der Tourismusagentur Visit Berlin.

Berlin registriert mit zweistelligen Wachstumsraten eine besondere Dynamik, hat aber aufgrund seiner Geschichte auch einen besonderen Aufholbedarf.

Alle großen Berliner Krankenhäuser verfügten mittlerweile über "international offices" für die Betreuung internationaler Patienten, sagt Kieker. Diese organisieren den Austausch von Patientendaten für eine erste Diagnose, bereiten Check-ups vor, beschaffen Visa, sorgen für Transfers und Aufenthalt. An der Spree herrscht Aufbruchstimmung: "Berlin nimmt richtig Fahrt auf", findet Kieker.

Zurückhaltender ist indes Tanya Porter, Chefin des "International Department" im Nürnberger Klinikum. In Bayern wurden bereits in den 70er-Jahren internationale Patienten betreut. Zwar verzeichne auch das Nürnberger Klinikum weitere Zuwachsraten, der Wettbewerb vor allem in Asien werde jedoch immer größer, so Porter: "Wer sich jetzt nicht auf dem Medizinmarkt positioniert hat, hat keine großen Möglichkeiten mehr."

Vivantes sorgt bereits vor, sollten die Patienten hierzulande ausbleiben: Der Konzern investiert auch in eine Klinik direkt in Abu-Dhabi.

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