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Konjunktureinbruch voraus Crash, Boom, Bang

Schlechte Aussichten: Unter den Ausrüstern und Zulieferern der deutschen Autoindustrie deuten sich Verwerfungen an. Quelle: imago images

Nach der Finanzkrise erlebte die deutsche Wirtschaft einen jahrelangen Höhenflug. Doch damit ist es nun vorbei. Insolvenzexperten haben die Branchen identifiziert, denen im Abschwung die größten Pleiterisiken drohen.

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Gewinnwarnungen und Stellenstreichungen beherrschten bereits in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen. Der weltweit größte Autozulieferer Bosch ist nur das jüngste Beispiel.

Nun dürften auch die Insolvenzzahlen steigen: „Nachdem die Unternehmensinsolvenzen im zweiten Halbjahr 2018 weiter zurückgegangen sind, sehen wir im ersten Halbjahr 2019 einen leichten Anstieg der eröffneten Verfahren“, sagt Jens Decieux, Mitglied der Geschäftsleitung des Insolvenz-Datenspezialisten STP Business Information. Demnach wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres deutschlandweit knapp 4000 Unternehmensinsolvenzen eröffnet, davon 134 in Eigenverwaltung. Insbesondere in wirtschaftlich wichtigen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen sei eine Trendwende bei den Insolvenzzahlen spürbar, konstatiert Decieux. Welche Kanzleien und Verwalter davon profitieren konnten, zeigt das Halbjahres-Insolvenzverwalterranking von STP und WirtschaftsWoche. Klar ist: die goldenen Zeiten für die deutsche Wirtschaft sind vorerst vorbei. Gleich in mehreren Branchen machen Sanierer und Verwalter Krisenpotenzial aus.

„Ich rechne mit einem Konjunktureinbruch ähnlich wie 2008“, sagt etwa Michael Pluta, der einst die Modellbahnbauer Märklin rettete und dessen Kanzlei seit Jahren zu den führenden Insolvenzspezialisten im Lande zählt. „Wir sind im Prinzip schon mittendrin“, sagt Pluta, „die weltweiten Risiken nehmen zu, die Kurzarbeit steigt“. Die Orderbücher in Industrie und Maschinenbau seien zwar noch gut gefüllt, „aber Aufträge können auch schnell storniert werden.“

Ganz ähnlich argumentiert Thomas Hoffmann, Co-Leiter der Praxisgruppe Restrukturierung und Insolvenz bei der Wirtschaftskanzlei Noerr: Bislang habe sich die deutsche Wirtschaft trotz Handelskriegen, Russlandkrise und Brexit-Drohung zwar „erfreulich robust gezeigt“, so Hoffmann. Doch es lasse sich nicht mehr ausschließen, „dass wir nach der Finanzkrise von 2008 nun vor der nächsten großen Insolvenzwelle stehen.“

Über die Branchen, die davon erfasst werden könnten, herrscht weitgehend Einigkeit in der Saniererzunft. „Der Einzelhandel und insbesondere Modeketten stehen unter strukturellem Anpassungsdruck“, so Hoffmann. Seit Jahresbeginn meldeten bereits Bekleidungshändler wie Gerry Weber, AWG, Miller & Monroe, Strenesse und René Lezard Insolvenz an, die Sportkette Voswinkel erwischte es und den Schuhspezialisten Schuhpark Fascies.

Kaum besser sieht es im Gastronomiebereich aus. Immer schneller wechselnde Ernährungstrends fordern Fastfood-Ketten, Bäckereien und Restaurants heraus. Großbäckereien wie Kronenbrot und „Unser Heimatbäcker“ sowie zahlreiche kleinere Backbetriebe und -filialisten gingen in die Insolvenz.

Mittelfristig ist Noerr-Experte Hoffmann auch für den Immobiliensektor skeptisch. „Bei Handelsimmobilien schwächeln viele Gewerbemieter“, sagt er. Bei Wohnimmobilien könnten verschärfte Auflagen wie die Mietpreisbremse oder feste Mietpreisdeckel „die Entwickler der Objekte in Schwierigkeiten bringen und ihre Renditekalkulationen obsolet werden lassen.“

Doch vor allem unter den Ausrüstern und Zulieferern der deutschen Autoindustrie deuten sich Verwerfungen an. „Wir spüren bereits in der vorinsolvenzlichen Beratung, wie hoch das Krisenpotenzial ist“, sagt Insolvenzverwalter Pluta. Zuletzt hatte etwa der Böblinger Anlagenhersteller Eisenmann mit weltweit über 3000 Mitarbeitern beim Amtsgericht Stuttgart Insolvenzantrag gestellt.

Zuvor musste bereits der Zulieferer Weber Automotive die Reißleine ziehen. Schwergewichte wie Bosch, Schaeffler, Conti, Mahle, Mann + Hummel kündigten an, Jobs abzubauen oder Standorte zu schließen.

Kolja von Bismarck, Partner der US Kanzlei Sidley Austin und einer der bekanntesten deutschen Sanierungsanwälte, sieht „mit Blick auf die zunehmend dynamische Migration der Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität nach wie vor erheblichen Restrukturierungsbedarf“. Nicht nur reine Zulieferer würden die Entwicklung zu spüren bekommen, sondern auch viele mit der Autoindustrie eng verbundene Maschinenbauer.

Für von Bismarck ist damit sehr wahrscheinlich, dass „ein Schwerpunkt unserer Beratungstätigkeit auf diesem Sektor liegen wird“. Und auch für Noerr-Partner Hoffmann zeichnet sich ab, „dass es Autozulieferer hart treffen wird“.

Der früheren Erfolgsbranche stehen damit wohl harte Krisenjahre bevor – und Deutschlands Sanierungsprofis reichlich Überstunden.

Mehr zum Thema: Crash bei Germania, Havarie in der Gorch-Fock-Werft und Gerry Weber am seidenen Faden – im ersten Halbjahr nahm das Insolvenzgeschäft Fahrt auf. Das Ranking der verfahrensstärksten Insolvenzkanzleien.

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