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Kontrollwahn Aldi soll Mitarbeiter gängeln

Aldi ist billig, das lieben die Deutschen. Doch jetzt macht der Discounter-König wegen Mitarbeiter-Schikane und heimlich gefilmten Kundinnen in kurzen Röcken Negativ-Schlagzeilen.

Diese Firmen haben Mitarbeiter ausspioniert
Mr. WashDie Autowasch-Kette hat ihre Mitarbeiter laut einem Magazin-Bericht systematisch mit Überwachungskameras kontrolliert. Das berichtete der "Stern" im Februar. Jetzt kam die Quittung für die Bespitzelung: Der nordrhein-westfälische Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit hat ein Bußgeld von 64.000 Euro gegen das Unternehmen verhängt. Laut einem Behördensprecher wurden mehr als 60 Kameras beanstandet. Diese überwachten in mindestens 23 der deutschlandweit 33 Niederlassungen auch Bereiche außerhalb von sicherheitssensiblen Tankstellen – also etwa in Waschstraßen, Ölwechselgruben und Polierstationen. Mr. Wash hatte im Februar dazu erklärt, die "Situation in ausgewählten Bereichen unserer Niederlassungen" zu beobachten. Es liege "in der Natur der Sache, dass im Erfassungsbereich dieser Kameras auch Personen zu erkennen sind". Quelle: dpa
WaterSaver Faucet Das Unternehmen WaterSaver aus Chicago stellt Wasserhähne und Badezimmerarmaturen her. Die Mitarbeiter des Hauses dürfen sich allerdings nicht zu lange in den Waschräumen und Toiletten aufhalten. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Steve Kersten, rechnet vor, dass das Unternehmen allein im Mai 120 Produktionsstunden eingebüßt hat, weil die Mitarbeiter anstatt am Fließband auf der Toilette waren. 19 Mitarbeiter habe man wegen exzessiver Toilettennutzung bereits abgemahnt. Der Verdacht: Die Angestellten ziehen sich auf die Toilette zurück, um mit dem Handy zu spielen oder im Netz zu surfen. Daher müssen die Mitarbeiter von Water Saver die Toiletten jetzt mit ihrer Chipkarte öffnen und schließen. Dabei wird die Zeit erfasst. Wer in zehn Tagen weniger als 60 Minuten auf der Toilette verbringt - also weniger als sechs Minuten pro Tag - bekommt einen Geschenkgutschein im Wert von 20 Dollar. Wer länger braucht, muss sich rechtfertigen. Aber nicht nur in den Staaten, auch in Deutschland gehen Unternehmen zu weit... Quelle: dpa
Euro DisneyMinnie Mouse, Mickey Mouse und Donald Duck winken vor dem Dornröschenschloss im Vergnügungspark Euro Disneyland bei Paris. Weniger fröhlich ging es hinter den Kulissen zu: Euro Disney muss eine Geldstrafe von 150.000 Euro zahlen, weil tausende Mitarbeiter und Bewerber mit Hilfe zweier ehemaliger Polizisten ausgespäht wurden. Diese verschafften dem Unternehmen Zugang zu tausenden Daten von Polizei, Justiz und Einwanderungsbehörden; dafür sollen sie mehrere hunderttausend Euro erhalten haben. Die ehemaligen Polizisten wurden zu sechs und zehn Monaten Haft auf Bewährung und zu Geldstrafen von 3000 und 4000 Euro verurteilt. Das Urteil fiel am 27. Juni, der Freizeitparkbetreiber wies darauf hin, dass die illegalen Praktiken bereits 2004 eingestellt worden seien. Man habe die Überwachungen zur Sicherheit eingeführt, um sich vor Terroristen und Kinderschändern zu schützen. Quelle: dpa/dpaweb
PennyDiscounter Penny, der zum Handelskonzern Rewe gehört, soll Mitarbeiter systematisch bespitzelt haben. Das berichtet das TV-Magazin Frontal 21. Detektive sollen sogar das Privatleben von Mitarbeitern ausgespäht haben. Außerdem sollen in zahlreichen Rewe- und Penny-Läden Videokameras angebracht worden sein, ohne, dass die Mitarbeiter über diese informiert worden seien. In einer ersten Stellungnahme räumte Rewe Verstöße ein, schloss eine flächendeckende Überwachung jedoch kategorisch aus. Quelle: dpa
Bäckereikette Ihle Quelle: dpa
Aldi Kassiererin Quelle: AP
Lidl Firmenschild Quelle: AP

Andreas Straub hat sich seinen Frust von der Seele geschrieben. Das Buch des ehemalige Regionalverkaufsleiter bei Aldi Süd erscheint diese Woche "Aldi - Einfach billig. Ein ehemaliger Verkaufsleiter packt aus". Auf 336 Seiten rechnet Straub mit seinem Ex-Arbeitgeber ab, beschreibt im Detail die mitarbeiterverachtenden Methoden des Lebensmittel-Discounters. Das Magazin Der Spiegel hat dem System Aldi seine aktuelle Titelgeschichte gewidmet. Bei der Lektüre stellen sich einem die Nackenhaare auf. Von Einschüchterung ist die Rede, einer Atmosphäre des Misstrauens und des Argwohns, von Kontrolle die paranoide Züge annimmt, strengster Hierarchie, Videoüberwachung, Drill.

Schwere Vorwürfe gegen das Imperium der Gebrüder Albrecht, die mit ihren Billig-Supermärkten das Kaufverhalten der Deutschen revolutioniert haben. Rund 57 Milliarden Euro Umsatz macht Aldi im Jahr, die Marke kennen 99 Prozent der Deutschen. Den Preis für diesen Erfolg bezahlen die Mitarbeiter.

Kein Platz für teure Angestellte

Aldi ist billig und zwar deshalb - so führt der Spiegel aus - weil Mitarbeiter in höheren Gehaltsstufen systematisch aus dem Unternehmen entfernt werden. Eine Sprecherin widersprach am Montag dieser Darstellung. Langjährige Mitarbeiter würden nicht entlassen und „durch 'günstigere' ersetzt“, erklärte sie. Aldi zahlt prinzipiell gut. Theo Albrecht sagte selbst einmal: "Wenn ich 30 Prozent mehr bezahle, bekomme ich die doppelte Leistung." Das setzt die Mitarbeiter aber auch unter Druck, denn sie wissen, dass es in der Branche kaum ähnlich gut bezahlte Stellen gibt. Wer es geschafft im System Aldi zu bestehen, begreift das Gehalt jedoch wohl mehr als Schmerzensgeld. Nichts bleibt bei Aldi unentdeckt. Die Kontrolle ist allgegenwärtig.

Mit festinstallierten Video-, aber auch mobilen Minikameras soll Aldi seine Mitarbeiter systematisch überwacht haben. Pikantes Detail: Mit den Videokameras im Kassenbereich ist es laut Spiegel problemlos möglich, die PIN-Eingabe an den EC-Karten-Geräten zu verfolgen. Spiegel: "Per Joystick lässt sich dieser Ausschnitt soweit heranzoomen, das jede einzelne Ziffer erkennbar wird."

Doch nicht nur die Verkaufsräume stehen unter Beobachtung. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins lauern auch in den Lagern Kameras, um Mitarbeiter und die Speditionsbeschäftigten auszuspähen. Eine rechtlich fragwürdige Methode und kaum dazu geeignet, das Verhältnis der Aldi-Mitarbeiter und Lieferanten zu ihrem Arbeit- und Auftraggebern positiv zu gestalten. Doch daran scheint Aldi prinzipiell wenig gelegen.

Warum Aldi billig ist

Aldi liebt es uniform

Spielraum für individuelle Bedürfnisse gibt es im System Aldi kaum - auch wenn das Unternehmen auf Seminaren für Führungskräfte etwas andere propagiere, berichten Aldi-Mitarbeitern dem Spiegel - der einzelne zähle bei Aldi nichts. Mitarbeiter sollten möglichst uniform und schnell austauschbar sein. So schreibt die sogenannten "Aldi-Bibel" exakt vor, wie der Schreibtisch eines Managers auszusehen hat, in welcher Reihenfolge und mit welchen Utensilien er seinen Schubladen zu befüllen - Büromaterial, Wochenberichte, Quittungen, alles hat seinen vorgegeben Platz. Doch das ist nur der Anfang.

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