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Korruptionsvorwürfe Die dubiosen Tricks bei Media Markt

Europas größter Elektronikhändler gilt als Erfolgskonzern, der mit schriller Werbung und frischen Ideen eine ganze Branche umkrempelte. Doch Interna und geheime Deals zeigen, wie die Vertriebsmaschine ihre Marktmacht ausspielt und Lieferanten auspresst. Grabenkämpfe und Wachstumsdruck schufen ein System, das offenbar anfällig ist für Korruption und unlautere Geschäfte – auch zulasten der Kunden.

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Die Tricks von Media Markt
Illustration Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber
Illustration Regalplatz für hochauflösende Fernsehgeräte Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber
Illustration Werbelogos von Top-Elektronikmarken an den Wänden Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber
Illustration Internet-Ecke Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber
Illustration Promotioninsel für Mobilfunk Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber
Illustration Lockangebote Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber
Illustration Trittspuren auf dem Fußboden Media Markt Quelle: Illustration: Torsten Wolber

Der Duft von Popcorn zog durchs Zelt, Clowns und eine Combo auf Hydraulikstelzen staksten durch die Manege. Ein Pantomime wartete mit einer Sprachjonglage zum Thema Klarheit auf. Auch die Werte Loyalität, Demut und Optimismus versuchte das Management des Elektronikhändlers Media Markt seinen Beschäftigen einzubläuen und schleuste im Frühjahr 2010 Tausende Mitarbeiter durch den „Circus der Werte“ im Roncalli-Zelt. Auf einer eigens eingerichteten „Werteplattform“ im Internet wurde der Tugendkanon anschließend aufbereitet, schließlich sollte die Vorstellung nur der „Beginn einer wertvollen Reise“ sein.

Zwei Jahre später entpuppt sich die vermeintliche Moraloffensive als das, was sie am Anfang war: eine bunte Zirkusshow. Media Markt wird von der größten Schmiergeldaffäre in seiner Geschichte erschüttert. Die Staatsanwaltschaft Augusburg hat den früheren Deutschland-Chef Michael Rook am Mittwoch wegen Bestechlichkeit angeklagt. Zusammen mit einem Regionalmanager der
Elektrohandelskette soll er fünf Millionen Euro Schmiergeld kassiert haben. Dafür hätten sie Firmen Aufträge über 65 Millionen Euro zugeschanzt, obwohl deren Konkurrenz bessere Angebote vorgelegt habe, so die Staatsanwaltschaft.

Mit einem freundlichen

Fragwürdige Geschäfte bei Media-Markt

Bei den Recherchen zu dem Fall stieß die WirtschaftsWoche auf weitere fragwürdige Geschäfte in der Media-Markt-Manege – von einem über Jahre bestehenden Geheimvertrag mit dem Mobilfunkanbieter Debitel bis zur nahezu kompletten Vermarktung einzelner Filialen als Werbefläche. Markenartikelhersteller stöhnen seit Jahren über den steten Konditionendruck und das Preisgefeilsche mit dem Handelshaus. Dahinter steckt System: Nur wenigen Händlern gelingt es, ihre Marktmacht so gewinnbringend auszuspielen, dass ihre Lieferanten nicht nur Werbe- und Expansionskosten bezuschussen, sondern auch einen Teil der Personalaufwendungen übernehmen. Der Einsatz sogenannter Promotion-Kräfte macht es möglich. Kunden, die Fachberatung erwarten, sollten wissen, dass sie mitunter auf industriegesponserte Markenagitatoren treffen. Objektivität kann in den Hintergrund treten, Schnäppchenangebote können sich als hochpreisig entpuppen. Gut beraten ist, wer die Maschinerie hinter dem Schein durchschaut.

Der Wandel des Handelsrevoluzzers

Fast wirkt die Ingolstädter Holding, zu der auch die Schwestermarke Saturn gehört, wie ein zu groß geratener Familienbetrieb. Ein milliardenschwerer Konzern, der den Gesetzen eines Mittelständlers folgt, mal lokal, mal zentral agiert und sich so auf mehreren Ebenen anfällig für unlautere Geschäfte gemacht hat. Wandelt sich der einst gefeierte Handelsrevoluzzer zum chronisch filzgefährdeten Imperium?

Ein Sprecher verweist derlei Thesen ins Reich der Fantasie. Media Markt betreibe schließlich einen „hohen Aufwand“, um „kriminellen Aktivitäten von Mitarbeitern bestmöglich vorzubeugen“. Compliance? Passt schon! Die Marktmacht? Überschaubar. Und die Beziehung zur Industrie? „Stets kooperativ und partnerschaftlich.“

Im Eingang des Media Marktes in der Hohe Straße in Köln trifft die Kundschaft auf hochgerüstete Unterhaltungselektronik. Digitalkameras, verschraubt auf hüfthohen Stativen, fixieren den Kunden und übertragen das Bild auf Deckenmonitore. Von sechs Dutzend Philips-Fernsehern flimmern Sprünge des Videospiel-Helden Super Mario. Es blinkt, es flackert – High Tech wird zum Erlebnis stilisiert.

Bis zu 100.000 Artikel von Elektrozahnbürste bis Autonavi bieten die Filialen an – 389 Saturn- und Media Märkte gibt es in Deutschland. Zuletzt setzten sie mehr als neun Milliarden Euro um – mehr als die wichtigsten Wettbewerber Euronics und Expert zusammen. MediaSaturn, wie die Holding heißt, ist eine gewaltige Vertriebsmaschine, auf die trotz Internet-Boom kein Hersteller verzichten kann.

Die Vorteile der Schlüsselposition

Wo Media Markt teurer ist
Digitalkamera Samsung PL210 Quelle: Presse
Festplattenrekorder Humax iCord Cable Media Markt: 379 Euro Günstiger Online-Anbieter: 322,66 Euro (Willisat) Preisunterschied in Prozent: 14,9 Quelle: Screenshot
Fernseher Toshiba 37SL833G Media Markt: 499 Euro Günstiger Online-Anbieter: 435 Euro (Völkner) Preisunterschied in Prozent: 12,8 Quelle: Pressebild
Smartphone LG P990 Optimus Speed Media Markt: 329 Euro Günstiger Online-Anbieter: 302 Euro (Notebooksbilliger.de) Preisunterschied in Prozent: 8,1 Quelle: Screenshot
Computer HP Pavilion p6-2037de Quelle: Screenshot
Samsung S22A300B Quelle: Presse
Waschmaschine Siemens WM 14 S 750 Quelle: Presse

Die Kette lässt sich für ihre Schlüsselposition gut entlohnen. Nicht nur bei klassischen Verhandlungen um Einkaufspreise geht es zur Sache. Marktleiter versuchen sich bisweilen als Kioskbetreiber für die Industrie und lassen sich Werbebotschaften auf Wänden, Aufzügen und Aufstellern in ihren Filialen teuer bezahlen. So berichtet ein ehemaliger Marktleiter, wie er eine Fußboden-Werbung für mehrere Tausend Euro verkaufte. Herstellerlogos an Werbeflächen brachten ihm 3.000 bis 5.000 Euro, noch teurer sei ein bevorzugter Platz für eine Palette mit Waren.

Teure Werbeplätze

Noch wichtiger sind Werbekostenzuschüsse, im Branchenjargon mit WKZ abgekürzt, für die hauseigenen Prospekte. Die Hersteller seien „rege bemüht“, vor allem in den Computerflyern vertreten zu sein, schreibt der frühere Marktgeschäftsführer Jürgen Cleve in seinem Buch „Media Markt – Wie blöd ist das Konzept wirklich?“ Die Industrie zahlt dafür, dass ihre Digitalkameras und Notebooks hier präsentiert werden. WKZ sind im Einzelhandel nichts Ungewöhnliches. Doch die Marktmacht von MediaSaturn führt nach Herstellerangaben zu besonders üppigen Forderungen. So sei es oft üblich, dass drei bis fünf Prozent des Jahresumsatzes, den ein Hersteller über Media Markt generiert, wieder an die Handelskette zurückfließe.

„Wir legen größten Wert auf ein partnerschaftliches Verhältnis mit der Industrie“, heißt es dazu aus Ingolstadt. Das Unternehmen möchte „betonen, dass es legal ist, Werbekostenzuschüsse, Boni oder Rückvergütungen zu vereinbaren“.

MediaSaturn hat ein in Deutschland „einzigartiges System des dualen Abmelkens“ aufgebaut, sagt dagegen der Vertriebschef eines Herstellers. Ob PC, Fernseher oder Waschmaschine – jeder Hersteller muss in der Zentrale antanzen, sein „tolles Produkt“ vorstellen und meist Eintrittsgebühren für Listings entrichten. Danach steigen Marktleiter in die Detailverhandlungen ein und quetschen oft zusätzliche Rabatte heraus.

Das Unternehmen inszeniert sich als Preisführer - oft zu Unrecht Quelle: Laif

Von den Anfängen des Unternehmens

Als 1979 der erste Media Markt in München eröffnete, waren die Machtverhältnisse noch anders. Die Industrie diktierte dem Gründerquartett Leopold Stiefel, Erich und Helga Kellerhals sowie Walter Gunz die Spielregeln. Doch schnell stieg Media Markt zu einer lokalen, später nationalen und internationalen Größe auf. Dabei half die Warenhauskette Kaufhof (heute Metro), die 1988 einstieg. Inzwischen ist die Media-Saturn-Holding (MSH) in 16 Ländern präsent, setzte 2011 weltweit 20,6 Milliarden Euro um.

Das Erfolgsgeheimnis: Die Gründer machten Marktleiter zu Mitunternehmern. Sie halten bis heute zehn Prozent der Anteile ihres Marktes und entscheiden weitgehend über Sortiment, Werbung und Ladeninterieur. Preise variieren von Markt zu Markt. Die zweite Leistung: Dank endlos repetierter Werbesprüche der Sorte „Ich bin doch nicht blöd“ oder „Lasst euch nicht verarschen“ baute die Kette ein geniales Image auf: Media Markt gerierte sich als Preisführer, feierte sich als „saubillig – und noch viel mehr“. Doch Preisvergleiche und aggressive Online-Anbieter entzaubern das Billigversprechen als Marketingmasche.

Mit dem Einstieg des Discounters Aldi in den Computerverkauf Ende der Neunzigerjahre geriet Media Markt unter Druck – und die dezentrale Struktur ins Wanken. Um mit den Aldi-Preisen mitzuhalten, brauchte Media Markt hohe Absatzmengen. Die Holding in Ingolstadt bündelte fortan den Computer-Einkauf und drückte die Geräte über bundesweit einheitliche Prospekte in die Märkte. Nach und nach wurden weitere Bereiche zentralisiert.

Verspäteter Web-Start

Die 10 größten Onlinehändler in Deutschland
Apple Quelle: AP
Alternate.de Quelle: Screenshot
Platz 8: Conrad.de Quelle: Screenshot
Tchibo.de Quelle: dpa
Platz 6: Bonprix.de Quelle: Screenshot
Cyberport.de Quelle: Screenshot
Platz 4: Notebooksbilliger.de Quelle: Screenshot

Zugleich versuchten die Marktgeschäftsführer ihre Position zu verteidigen. Sie haben noch immer deutlich mehr Einfluss als Filialchefs anderer Handelsketten. Im operativen Geschäft hinterließ der Glaubenskrieg zwischen Zentralisten und Lokalisten bereits Spuren: Ohne teure Neueröffnungen – also auf flächenbereinigter Basis – gehen die MSH-Umsätze seit 2008 zurück. Den Online-Einstieg verschlief die Kette. Erst jetzt wird mit kostspieligen Zukäufen und immensem Werbeaufwand für die jüngst gestarteten Web-Shops reagiert.

Bockige Gründer

Der Konflikt reicht bis in die Gesellschafterebene. Eckhard Cordes, bis Dezember 2011 Chef des Mehrheitseigners Metro, wollte für mehr Durchgriff auf die Tochter sorgen – und scheiterte am Widerstand der Gründerfamilien. Sie ließen sich beim Verkauf ihrer Anteile an Metro Vetorechte garantieren. Obwohl den Düsseldorfern 75 Prozent der Holding gehören, können die Familien Kellerhals und Stiefel de facto wichtige Entscheidungen blockieren.

An einer Säule zwischen Handyständen und Verkaufsinseln für DSL-Verträge warnt ein gelbes Schild im Kölner Media Markt vor dreistem Eigennutz. „Klauen ist blöd!“, steht darauf.

Vor etlichen Jahren seien Geschenke wie ein Handy, ein Fernseher oder Einkaufsgutscheine von Industriepartnern für Marktleiter „fast selbstverständlich“ gewesen, berichtet ein ehemaliger Geschäftsführer. Teilweise lief die Bestechung im Kleinen über das Aufstellen sogenannter „Testgeräte“, die nicht immer zurückgeschickt wurden. Im Jahr 2000 wies die Media-Saturn-Holding per Selbstanzeige beim Finanzamt Mannheim darauf hin, dass Gerätespenden an Mitarbeiter nicht als geldwerte Vorteile versteuert worden waren. Es folgten Nachzahlungen an Fiskus und Sozialkassen – ein Ablasshandel.

Sizilianische Angebote

2006 ermittelte die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen mehrere Dutzend Mitarbeiter beim Technologiehersteller Philips. Sie hatten Einkäufer bei Saturn und Media Markt, aber auch bei anderen Elektrohändlern mit – so der Firmenjargon – „sizilianischen Angeboten“ – also mit edlen Uhren, Anzügen, Reisen und Gartenmöbeln – geködert, um den Absatz zu fördern.

Auch auf Holding-Ebene kam es zu justizanhängigen Deals: So erkaufte sich Intel, Weltmarktführer bei Speicherchips in Computern und Laptops, lange Zeit eine exklusive Stellung bei Media Markt und Saturn. Intel soll die Elektronikkette und verschiedene Hersteller mit Millionen-Provisionen davon überzeugt haben, keine Konkurrenzprodukte etwa von AMD zu verkaufen. Die EU-Wettbewerbsbehörden verurteilten Intel 2009 zu einem Rekordbußgeld von rund einer Milliarde Euro.

Fast zeitgleich musste auch Microsoft Deutschland Strafe zahlen. Bei der Vermarktung des Office-Paketes hätten sich Microsoft und MediaSaturn über den Ladenpreis verständigt – ein Kartellvergehen.

Der MSH-Sprecher bestätigt Ermittlungen des Kartellamtes in dem Fall. Es habe vonseiten MediaSaturns aber kein rechtswidriges Verhalten vorgelegen; das Verfahren sei ohne Auflagen eingestellt worden. „Im Verfahren zu Philips waren verschiedene Unternehmen geschädigt, nicht nur Media-Saturn“, sagt der Sprecher. Es sei zudem nur um das „Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter“ gegangen. Und im Prozess von Intel und AMD sei man „lediglich als Zeuge beteiligt“ gewesen.

Die eingeschränkte Wahl des Kunden

Das Sortiment von bis zu 100.000 Artikeln pro Filiale von Flachbildfernsehern über Waschmaschinen bis zu Druckerpapier lockt Kundschaft an. Geworben wird mit dem Kultslogan

Tatsächlich konzentrierten sich die Wettbewerbsbehörden stets auf die Industrie – zumindest bis heute.

Neongrün strahlt die Werbung, die Farbe markiert das Revier von mobilcom-debitel. Das Unternehmen verkauft Handyverträge von Telekom, Vodafone und E-Plus. Mitarbeiter tänzeln um zwei Stehpulte, auf denen Flyer für die „Top-Aktion“ werben: Das Smartphone Samsung Galaxy für „1 Euro“ – in Verbindung mit einem Vertrag im Telekom-Netz.

Die in den Märkten zur Schau gestellte Handyvielfalt täuscht darüber hinweg, dass der Kunde nicht wirklich die Wahl hat. Als Mobilfunkanbieter ohne eigenes Netz entscheidet die in Hamburg ansässige Freenet AG darüber, welche Tarife von mobilcom-debitel im Media Markt zum symbolischen Euro im Paket mit einem Handy angeboten werden. Die drei Mobilfunker Telekom, Vodafone und E-Plus verkaufen nur über Freenet in Media-Saturn-Märkten. Dieses Exklusivrecht hatte bereits Freenet-Vorgänger Debitel vor dem Start der ersten Mobilfunknetze Anfang der Neunzigerjahre mit MediaMarkt und Saturn ausgehandelt.

Totale Abhängigkeit

Wie überlebenswichtig MSH für Debitel und später Freenet war, zeigte sich im Juni 2006, als plötzlich der Verlust dieses exklusiven Vertriebskanals drohte. Ingolstadt hatte den Vertrag zum Ende des Jahres gekündigt, um mit Telekom & Co. direkt ins Geschäft zu kommen.

Das Imperium von Amazon
Viel Geld in der KasseIn den ersten sechs Monaten 2013 setzte Amazon 31 Milliarden US-Dollar um - gut fünf Milliarden mehr als im Vorjahreszeitraum. Davon blieben 75 Millionen Dollar Gewinn hängen (2012: 137 Millionen). 2012 setzte Amazon gut 61 Milliarden US-Dollar um (Vorjahr: 48 Milliarden), machte aber einen Nettoverlust von rund 30 Millionen US-Dollar (Vorjahr: 631 Millionen Gewinn). Ein Überblick über Teile des Amazon-Imperiums... Quelle: dpa
Investitionen ins eigene UnternehmenMal als Nebengeschäft begonnen, ist der Buchhändler mittlerweile auch ein Riese im Cloud-Computing. Dabei vermietet Amazon Speicherkapazitäten seiner Großrechenanlagen, etwa eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr bringt das nach einer Berechnung der Schweizer Investmentbank UBS. Und das Geschäft wächst rasant: Bis 2014 sollen sich die Einnahmen verfünffachen. Auch der hauseigene E-Reader Kindle liegt dem Unternehmen am Herzen. Mittlerweile wurden hier die Preise drastisch reduziert. Im Spätsommer 2011 begann Amazon mit der neuesten Version seines E-Readers einen Angriff auf den Branchenprimus Apple und präsentierte mit seinem Kindle Fire einen würdigen iPad-Herausforderer. Aber auch größere und kleinere Onlinehandelsplattformen verleibt sich Amazon gerne ein, so gerade aktuell den Filmaboservice Lovefilm… Quelle: AP
LovefilmDVDs kommen per Post ins Haus, mit dem „Lovefilm“-Player kann der Nutzer aber die aktuellen Hollywood-Streifen auch direkt auf seinem Rechner anschauen. Amazon hält schon länger eine Minderheitsbeteiligung an dem Unternehmen und wickelt seinen eigenen Film-Abo-Service direkt über Lovefilm ab. Simon Calver, Chief Executive von LOVEFiLM International, lobt die Übernahmepläne bei der Bekanntgabe am 20. Januar 2011. "Mit Amazons voller Unterstützung können wir entscheidende Verbesserungen für unsere Mitglieder in Europa umsetzen", hofft er. Fremd ist Amazon das Geschäft mit Filmen nicht… Quelle: Screenshot
IMDb… Amazon hatte 2008 sein Filmverleihgeschäft in Deutschland und Großbritannien mit Lovefilm zusammengelegt und war mit 42 Prozent größter Einzelaktionär geworden. Bereits 1998 verleibte sich Amazon die "Internet Movie Database" (IMDb) ein, die selbst zu diesem Zeitpunkt in ihren Ursprüngen bereits acht Jahre alt war, für das Internet also so etwas wie die Rolle des Urgroßvaters vom Web 2.0 spielt. IMB ist eine der größten Datenbanken über Filme, Fernsehserien, Videoproduktionen und Videospiele sowie über Personen, die daran mitgewirkt haben. Gerade im Kalenderjahr 2010 investierte Amazon wieder kräftig in Webunternehmen… Quelle: Screenshot
WootEinen gewissen Verkaufsdruck erzeugen will die E-Commerce-Plattform Woot. Nutzer bekommen nicht angezeigt, wie viele Bestände des nur einen Tag gültigen Angebots vorhanden sind. Der Preis ist niedrig, die Produkte stehen im Wettbewerb zu den Angeboten von Amazon.Woot verkauft auf dem amerikanischen Markt – und Mitte 2010 langte Amazon für einen unbekannten Preis zu. Quelle: Screenshot
BuyVIPNur ein paar Monate später, im Oktober 2010, griff sich Amazon ein weiteres Webunternehmen. BuyVIP ist eine geschlossene Shopping-Community. Die Mitglieder haben die Möglichkeit, auf persönliche Einladung an limitierten Verkaufskampagnen teilzunehmen. In diesen Kampagnen werden ausgewählte Produkte beliebter und bekannter Marken aus dem Lifestyle- und Fashion-Bereich angeboten. Entsprechend leer kommt die Startseite daher; ein bisschen Animation von neuer Mode und ein Anmeldeformular. 70 Millionen Euro blätterte Amazon dafür auf den Tisch – nachdem der Marktführer Vente-Privée mehrfach abgewunken hatte. Quelle: Screenshot
Diapers und SoapAmazon ist ein riesiger Onlinehändler, doch in bestimmten Nischen hat die Konkurrenz die Nase vorn. So wurde Diapers zum größten Versandhändler von Babywindeln. Ein lukratives Geschäft - Amzon blätterte im November 2010 mehr als eine halbe Milliarde Dollar auf den Tisch um Quidsi zu übernehmen. Das amerikanische Unternehmen Quidsi betreibt diapers.com, sowie den Drogeriespezialisten soap.com. 545 Millionen Dollar sind zwar nicht von Pappe, aber einmal bezahlte Amazon sogar noch deutlich mehr für eine Onlinehandelsplattform… Quelle: Screenshot

Für den Debitel-Eigner Permira, einen Londoner Finanzinvestor, wäre die Vertragskündigung ein Desaster gewesen – und der Plan, Debitel mit einer Wachstumsstory für einen Börsengang oder einen Verkauf hübsch zu machen, Makulatur. Mehr als ein Drittel, in manchen Jahren sogar 40 Prozent des Debitel-Umsatzes stammte aus den Verkäufen im Media Markt und bei Saturn. „Ohne den Vertrag wäre Debitel höchstens noch die Hälfte wert gewesen“, sagt ein Debitel-Manager. „Das konnte Permira nicht zulassen.“

Der Super-Bonus

Die MSH-Verhandlungsführer erkannten Permiras Notlage und rangen Debitel eine ungewöhnliche und nach Ansicht von Kartellrechtlern bedenkliche Erfolgsbeteiligung ab. Beim Showdown für eine Vertragsverlängerung um weitere drei Jahre boten Debitel/Permira zuerst eine höhere jährliche Fix-Zahlung in dreistelliger Millionenhöhe an. Doch das reichte nicht. Erst nachdem eine verdeckte Erfolgsbeteiligung vereinbart wurde, die beide Seiten als geheime Zusatzklausel in das Vertragswerk aufnahmen und die einen weiteren Bonus in Millionenhöhe bei einem späteren Verkauf von Debitel in Aussicht stellte, wurde die Zusammenarbeit fortgesetzt.

In der Geheimklausel sicherte Permira MSH zu, dass sie mit einem zweistelligen Prozentsatz an der bis zum Verkaufstag von Debitel erzielten Steigerung des operativen Gewinns und damit an der Wertsteigerung teilhat – ein Super-Bonus. Über diese Konstruktion bekam MSH quasi den Status eines stillen Gesellschafters und hatte nun ein starkes Interesse, den operativen Gewinn und den Unternehmenswert von Debitel durch hohe Verkäufe von Smartphones und Mobilfunkverträgen zu steigern.

Interne Statistiken zeigen, wie sich die Sondervereinbarung auf die Absätze auswirkte. Während die Verkäufe beim direkten Konkurrenten O2, der als einziger Mobilfunker mit eigenen Verkaufsständen bei Media Markt und Saturn vertreten ist, langsam zurückgingen, legte Debitel stetig zu. Besonders weit lagen die Verkaufszahlen im vierten Quartal 2007 auseinander. Während Debitel „voll auf die Tube drückte“, wie Insider formulieren, brach O2 ein.

Rechtswidrige Vertragsklausel

Prominente Unterstützung - Comedian Mario Barth trommelte als Werbemaskottchen für Media Markt und verbreitete die Botschaft: „Das ist mein Laden!“ Quelle: obs

Der Kartellrechtsexperte Hans-Peter Schwintowski, Professor an der Berliner Humboldt-Uni, sieht den Vertrag zwischen MSH und Debitel skeptisch: „Die geheime Vertragsklausel ist nicht nur ungewöhnlich, sondern meiner Ansicht nach auch rechtswidrig.“ So verbiete das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, dass Unternehmen mit so einer starken Marktposition wie MSH „durch ihre geschäftlichen Handlungen die Entscheidungsfreiheit von Wettbewerbern und Verbrauchern spürbar beeinträchtigen“, sagt Schwintowski. „Nach Abschluss der Erfolgsbeteiligung wurde Debitel gegenüber O2 wohl eindeutig bevorzugt.“

MediaSaturn sieht das anders: „Die Zusammenarbeit mit Debitel ist nicht nur aus unserer Sicht kartellrechtlich unbedenklich; die Vereinbarungen sind nicht zuletzt auch in Abstimmung mit externen Juristen gestaltet und geprüft worden und sind unter keinerlei Gesichtspunkt kartellrechtlich zu beanstanden.“ Permira wollte sich zu der Geheimklausel nicht äußern.

Klar ist: Für Permira und MSH lohnte sich der Deal. Auch mithilfe von MSH steigerte Debitel 2007 den Gewinn um 36 Millionen auf 148 Millionen Euro, ein im Vergleich zu Vorjahren überdurchschnittliches Plus von 32 Prozent. Kurz nach Bekanntgabe der 2007er-Zahlen verkaufte Permira Debitel für 1,6 Milliarden Euro an Freenet.

Subjektive Beratung durch Promoter

Wie reizvoll das Telekommunikationsgeschäft bei Media Markt sein kann, zeigt auch ein anderer Vorgang, der in Ingolstadt zurzeit für Gesprächsstoff sorgt.

Auf einer 20 Quadratmeter großen Fläche unter Leuchtreklamen von Vodafone, Telekom und Alice buhlen ein halbes Dutzend Mitarbeiter um die wenigen Kunden. Sie verkaufen DSL-Verträge für den Internet-Zugang.

Media-Saturn

Was viele Kunden nicht ahnen: Solche Verkäufer, die sogenannten Promotoren, werden in der Regel nicht direkt von Herstellern oder Telekomanbietern in die Läden entsandt oder sind gar Media-Markt-Angestellte. Sie werden meist über spezielle Agenturen angeheuert, die Media Markt bestimmt. Vor allem ein Unternehmen war jahrelang gut im Geschäft: Marketing Vision (MV) aus dem hessischen Wetzlar. Bis zu dem Media-Markt-Auftrag lief es für die Promotion-Truppe aus der Provinz schlecht. Rund vier Millionen Euro Schulden drückten MV, Agenturchef Peter N. hatte seine Geschäftsanteile an die örtliche Stadtsparkasse verpfändet. Doch im Frühjahr 2005 gelang ihm ein Coup: Wann immer Promotoren in einem der Media Märkte DSL-Verträge verkaufen sollten, wurde fortan seine MV-Tochter Addvision eingeschaltet. Doch wie konnte der Wetzlarer Werbekrauter den Großkunden gewinnen?

Der Sonnenkönig von Media-Markt

Dem Agenturchef attestieren frühere Mitarbeiter „viel Charisma“, aber „wenig kaufmännischen Durchblick“. Im Urlaub hatte er Jahre zuvor einen Media-Markt-Manager kennengelernt – Bruno H. Dessen Einfluss war kaum zu unterschätzen. Als „Sonnenkönig“ bezeichnen ihn Mitarbeiter. Der Regionalmanager war für alle Märkte im Süden zuständig und pflegte beste Beziehungen zum damaligen Deutschland-Chef Rook.

Diese Konstellation, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft Augsburg, nutzte der Regionalchef, um Marketing Vision Promotionaufträge im Gesamtvolumen von fast 50 Millionen Euro zuzuschanzen. Agenturchef Peter N. soll sich mit knapp 3,6 Millionen Euro Schmiergeld revanchiert haben, ein Teil der Beute ging anschließend an Rook. So die Vorwürfe, wie sie sich aus dem Haftbefehl gegen den Regionalchef ergeben. Die Beschuldigten ließen Anfragen der WirtschaftsWoche unbeantwortet.

Bares für Bruno

MediaSaturn Quelle: dapd

Zeitweise jeden ersten Donnerstag im Monat soll der Agenturchef gen München gefahren sein, im Gepäck reichlich Bargeld für Bruno H., berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter. Als weiterer Geldkanal soll das Unternehmen Sales Marketing Projektmanagement (SMP) gedient haben, das die Ehefrau des Media-Markt-Managers betrieb. SMP soll nicht nur Scheinverträge mit MV, sondern auch mit weiteren Beteiligten abgeschlossen haben, um den Geldfluss zu verschleiern. So soll auch das inzwischen insolvente Unternehmen Mediola involviert sein.

Verdeckte Provisionszahlungen

Dabei hätte der Zahlungsstrom frühzeitig gestoppt werden können. Im Dezember 2007 hatte die börsennotierte Frankfurter Beteiligungsgesellschaft Heliad über ein Investmentvehikel die MV-Gruppe gekauft. Bei Arbeiten zum Jahresabschluss wurden die Manager stutzig und leiteten eine interne Untersuchung ein. Dem vertraulichen Abschlussbericht zufolge räumte Agenturchef N. schon Ende 2009 „geschäftsfördernde“ Zahlungen an den Media-Markt-Manager ein. Angebliche Beraterverträge seien „nur Fassade für verdeckte Provisionszahlungen“ gewesen.

Angesichts dieser Ergebnisse hätte der Heliad-Aufsichtsrat, in dem auch Hans-Olaf Henkel sitzt, Ex-Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, die Behörden einschalten können. Doch neben finanziellen Nachteilen „wurde befürchtet, dass im Falle der Erstattung einer Strafanzeige erhebliche Reputationsrisiken für Heliad“ entstanden wären, heißt es in dem Abschlussbericht. Stattdessen setzten Heliad-Vertreter Ende 2009 eine Rückabwicklung des Kaufs der MV-Gruppe durch – und schwiegen.

Und so liefen die Geschäfte weiter – offenbar übernahm ab 2010 eine Agenturgruppe aus Hamburg das Promotiongeschäft – samt Schmiergeldzahlungen.

Juristen rechnen mit ersten Anklagen

Nicht nur bei Heliad, auch in der Media-Markt-Zentrale in Ingolstadt hätten die dubiosen Deals auffallen können. Zwar wunderten sich Marktleiter, warum sie immer nur Leute von Marketing Vision ins Haus holen sollten. Doch Ausschreibungen der Agenturverträge gab es offenkundig ebenso wenig wie nachhaltige Kontrollen.

Erst als im Sommer 2010 ein anonymer Hinweis zu „überteuerten Agenturaufträgen“ bei Media Markt einging, der auch bei Metro für Alarmstimmung sorgte, wurden Prüfer von KPMG eingeschaltet und der Fall an die Staatsanwaltschaft übergeben. In den kommenden Wochen rechnen beteiligte Juristen mit den ersten Anklagen.

Stellungsnahme bleibt aus

MediaSaturn will zu dem laufenden Verfahren keine Stellung beziehen. Nur so viel: Das Unternehmen kooperiere „vollumfänglich“ mit der Staatsanwaltschaft. „Grundsätzlich“, so beteuert der Sprecher, „gehen wir jedem Hinweis auf mögliches Fehlverhalten und Rechtsverletzungen in unserem Unternehmen unmittelbar nach.“

Casus Kung Fu Panda

Wie das in der Realität aussehen kann, zeigt indes ein Fall aus Frankfurt. Dort bemerkte ein Media-Markt-Mitarbeiter, dass mal ein Milchaufschäumer, mal ein Receiver im Büro seines Marktleiters verschwand. Vor allem wurmte ihn, dass Werbeaufsteller für DVDs – etwa Dekofiguren von Filmhelden wie Garfield oder Kung Fu Panda, die von Lieferanten kostenlos zur Verfügung gestellt wurden – nach ein paar Wochen an Kunden verkauft wurden. Der Erlös sei nicht in den Marktkassen gelandet, sondern vom Marktleiter persönlich „eingestrichen“ worden.

MSH rühmt sich der Filzbekämpfung via Compliance-Team, Hotline und Ombudsmann, und der Mitarbeiter meldete seinen Verdacht im Herbst 2010 der internen Revision. Die untersuchte den Fall und stieß nicht nur auf Hinweise, dass etliche Vorwürfe stimmten, sondern registrierte auch, dass der Marktleiter mehrere Mitarbeiter angewiesen hatte, sich krank zu melden, um die Untersuchung zu torpedieren.

Keine Konsequenzen für Marktleiter

Die Vorgänge hatten Folgen – nur nicht für den Marktleiter.

In Arbeit
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Vielmehr wurde der Hinweisgeber in die Ingolstädter Zentrale beordert und durfte der Geschäftsführung – damals noch unter Leitung von Deutschlandchef Rook – erörtern, warum er seinen Marktleiter „angeschwärzt“ habe.

Danach musste der Mann seinen Posten räumen. Der Marktleiter ist bis heute im Amt.

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