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Landwirtschaft Die Schuldfrage im Kampf um die Milch

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Geteilte Meinung unter Milchbauern


Die Erzeuger

Im bundesweiten Durchschnitt hält ein deutscher Milchbauer bis zu 60 Tiere. Aber fast die Hälfte aller Betriebe besteht aus 100 und mehr Kühen. Wir haben mit einem Milchbauern aus Niedersachsen gesprochen, der mit einer Fläche von 500 Hektar und fast 900 Tieren zu den größeren Betrieben im Land gehört. Für einen Liter Rohmilch bekommt er aktuell 23,5 Cent. „Meine Kosten werden dadurch noch nicht einmal annähernd gedeckt“. Die Erzeugungskosten von 28 Cent pro Liter übersteigen den Milchpreis. „Hätten wir nicht noch zusätzliche Einnahmen durch unsere Biogasanlage, würden wir ein Minus von fast fünf Cent pro verkauftem Liter machen“. Um ohne Quersubventionierung über die Runden zu kommen, wären aus seiner Sicht etwas über 30 Cent nötig. Trotzdem glaubt er, dass der Markt sich selbst regulieren wird.

Milchbauern fahren am 24.08.2015 zu einer Protestkundgebung gegen die fallenden Milchpreise ins Stadtzentrum von Schwerin. Quelle: dpa

Seinen Namen möchte der Milchbauer nicht öffentlich preisgeben. Denn die Meinung des jungen Familienvaters ist bei seinen Berufskollegen nicht sehr beliebt. „Ich glaube nicht, dass das Eingreifen der Politik der richtige Weg ist“. Die Nachfrage sei eben einfach nicht da.

Nach dem Ende der Milchquote zum ersten April 2015 konnte jeder Betrieb so viel Milch ausliefern wie er wollte. Viele nutzten die Chance und tätigten Investitionen in neue Techniken, Maschinen oder eine Erweiterung ihres Stalls. „Das war ein guter Zeitpunkt für Investitionen. Für 2016 haben alle mit einem guten Milchwirtschaftsjahr gerechnet“. Also hätten viele Betriebe auf steigende Nachfrage gesetzt. Und sich verschätzt.

Top 5 der weltweit umsatzstärksten Molkereien

Das sieht Hans Foldenauer vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter entschieden anders. Er selbst leitet einen Hof mit 95 Milchkühen, gehört also zu den kleineren Betrieben. Dadurch ist er stärker von den extremen Preisschwankungen betroffen. Man bräuchte mindestens 40 Cent pro Liter, um über die Runden zu kommen, sagt er. Mit den aktuellen Preisen würde kein Betrieb lange überleben. „Die Molkereien haben ihre Landwirte aufgefordert, mehr Milch zu liefern, und beteuert, dass die Abnahme kein Problem ist“. Sein Vorwurf: Die Molkereien hätten die Lage falsch dargestellt. Nun frage sich jeder, warum die Bauern so viel Überproduktion hätten.

Foldenauer moniert: „Die Molkereien wollten ihre Marktanteile ausbauen, und haben von steigendem Absatz in Russland, China und dem Rest Asiens geträumt“. Beim Handel hätten sie sich dann gegenseitig unterboten. „Die unternehmerischen Interessen kommen auch bei einer genossenschaftlichen Molkerei vor denen des einzelnen Milchbauern.“ Die schiere Größe mancher Genossenschaften mache die „hochgelobte Mitbestimmung einzelner Landwirte“ zu einer Farce.

Der Strukturwandel in der Milchviehhalterbranche ist in vollem Gange. Die aktuell fast viereinhalb Millionen Kühe verteilen sich laut dem aktuellen Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes auf nur noch auf knapp 75.000 Betriebe in ganz Deutschland. „Das ist hart für die Einzelschicksale, aber viele Betriebe, kleine und größere, werden diesen Strukturwandel nicht überleben“, sagt unser anonymer Milchbauer. So würde der Markt sich auf lange Sicht eben selbst regulieren.

Autonome Erntehelfer
Eine landwirtschaftliche Maschine auf einem Feld Quelle: Claas
Traktoren mit Lenksystem Quelle: Claas
Agrobot, mechanischer Erntehelfer Quelle: Agrobot
Feldroboter Quelle: David Dorhout
Ein Flugroboter wird über einem Feld fliegen gelassen Quelle: dpa
Satellitenbild Quelle: NASA astronauts
Ein Landwirt ruft Daten in einem Traktor ab Quelle: Claas

Dieses Argument hat Foldenauer hingegen schon längst aufgegeben: „Seit 30 Jahren haben wir diesen Strukturwandel. Selbst geholfen hat der Markt sich noch nie“. Was passiert, wenn man so ein großes Marktsegment sich selbst überlässt, habe man schließlich bei der Finanzkrise 2008 gesehen: „Da hat die Selbstregulierung ja auch hervorragend geklappt“, fügt er sarkastisch an.

Foldenauer fordert eine zeitlich begrenzte EU-Milchquote, um den Produktionsüberschuss in den Griff zu bekommen. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) fordert zudem 30 Cent staatlichen Zuschuss für jeden nicht produzierten Liter, um die Menge zu begrenzen. „Aber Molkereien und Bauernverband stellen sich quer“.

Handel und Verbraucher sehen beide Milchbauern nur zum Teil in der Verantwortung. „Der Verbraucher ist eine arme Sau. Er weiß ja gar nicht mehr, was er glauben kann“, sagt Foldenauer. Die Verantwortung für die Milchkrise gebe er den Verbrauchern daher auf keinen Fall. „Wir sind preislich mittlerweile allerdings schon an einem Punkt, an dem man sich fragen muss, wie viel Wertigkeit ein tierisches Produkt haben sollte. Hier werden Milliarden an Erzeugungskosten verschleudert“, sagt der anonyme Konkurrent. Und ob das noch mit der neu entdeckten Liebe der Supermarktketten für regionale Produkte zusammenpasse, sei eine weitere Frage.

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