WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Lebensmittel Der Traum vom gesunden Essen

Auf der Grünen Woche in Berlin präsentiert sich die Agrarindustrie naturnah. Doch die Realität sieht anders aus: Antibiotika, Dioxin und EHEC verderben uns den Appetit. Der nächste Skandal kommt bestimmt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
So viel Fleisch essen die Deutschen
Wie viele Tiere in Deutschland geschlachtet werdenDie Fleischproduktion in Deutschland ist im ersten Halbjahr nur leicht gestiegen. Vor allem der Appetit auf Schweinefleisch wuchs nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. Von Januar bis Juni wurden in den Schlachthöfen insgesamt rund vier Millionen Tonnen Fleisch produziert - das waren 1,1 Prozent oder 42.700 Tonnen mehr als im Vorjahreszeitraum. Seit 2005 war die Fleischproduktion dagegen um durchschnittlich 4,0 Prozent gestiegen. Quelle: dpa
Verbesserte Haltungsformen in der Tiermast haben ihren Preis. Quelle: Reuters
... Kälbern: Hier stieg die Zahl der getöteten Tiere um vier Prozent auf 158.000. Im langfristigen Vergleich ist das aber immer noch relativ wenig. Im Jahr 2000 wurden rund 420.000 Kälber geschlachtet, 2010 waren es "nur" 322.000. Quelle: Reuters
Im ersten Halbjahr wurden in Deutschland knapp 29 Millionen Schweine geschlachtet - 0,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit hat sich der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg verlangsamt. Vor zehn Jahren wurden rund 30 Prozent weniger Schweine geschlachtet. Quelle: dpa
Von Januar bis Juni mussten auch mehr Schafe dran glauben als im Vorjahreszeitraum: Die Zahl stieg um 2,6 Prozent auf 459.000. Auf lange Sicht liegt die Zahl der geschlachteten Schafe recht konstant bei rund einer Million. Quelle: dpa
Einen deutlichen Anstieg gab es bei Masthühnern: In der Statistik wird die Einheit in Gewicht angegeben: Im ersten Halbjahr produzierten Unternehmen wie Wiesenhof (Foto) Hühnergleich von 414.000 Tonnen Gewicht. Ein Anstieg um ganze 5,5 Prozent. Quelle: dpa
2010 wurden in Deutschland sage und schreibe 591 Millionen Jungmasthühner geschlachtet. Dazu kommen 26,3 Millionen Suppenhühner. Quelle: ap

Die Hühner vor dem Kanzleramt hatten gestern nichts zu lachen: Ein Bauer malträtierte sie mit einer gigantischen Spritze. Mit der Zwangsimpfung von sechs Demonstranten im Hühnchenkostüm protestierte ein Aktionsbündnis unter dem Motto „Wir haben es satt“ gegen die Antibiotikanutzung in der Massentierhaltung. Denn erst kürzlich hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz auf zehn von zwanzig Fleischproben resistente Keime gefunden, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können.

Alljährlich nutzen Aktivisten die weltgrößte Agrarmesse, um auf die gefährlichen Nebeneffekte der industriellen Nahrungsmittelproduktion hinzuweisen. Und ebenso alljährlich beschwört die Agrarindustrie auf der Messe die heile Welt idyllischer Bauernhöfe. Derweil verderben Schlagzeilen zu Antibiotika, Dioxin und EHEC den Verbrauchern den Appetit. Sie wären vermeidbar, wenn Politiker längst diskutierte Schutzmaßnahmen durchsetzen und endlich klare Zuständigkeiten für die Lebensmittelsicherheit schaffen würden.

Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner auf der Grünen Woche Quelle: dpa

Am Frühwarnsystem vorbei

Stattdessen suchen uns stets die gleichen Skandale heim. Zum Beispiel Dioxin: Gut zwei Jahre ist es her, da zeigte sich ein niedersächsischer Futterhersteller selbst an, weil er in seinem Produkt eine erhöhte Dioxinkonzentration festgestellt hatte. Durch den Fehler eines Zulieferers war dioxinverseuchtes „technisches Fett“ ins Futter gelangt. Der Hersteller hat die betroffenen Chargen zwischenzeitlich verkauft. Zwar sperren die Behörden in den folgenden zwei Wochen über 4700 landwirtschaftliche Betriebe, doch da ist das Gift über die Nahrungskette längst in die Frühstückseier der Verbraucher gelangt.

Verbraucherschutzministerin Aigner verkündet eilig einen „Zehn-Punkte-Plan“, um das Dioxinproblem zu lösen. Mit einem neuen Frühwarnsystem würden „Verunreinigungen in Lebensmitteln frühzeitig erkannt“, könnten „die Überwachungsbehörden schnell und zielgerichtet eingreifen“, so die Ministerin im Juli 2011.

Doch schon im November gelangt erneut Dioxin in Umlauf: Wieder meldet sich ein Hersteller bei den Behörden – diesmal, weil er dioxinbelastete Zuckerrübenschnitzel ausgeliefert hat. Wieder ist das Futter längst verkauft und teilweise verfüttert. Das konnte auch der Zehn-Punkte-Plan der Verbraucherschutzministerin nicht verhindern. Denn der wohl effektivste Punkt, die bundesweit einheitliche und lückenlose Kontrolle des Tierfutters, stand überhaupt nicht auf der Liste.

Problem des Förderalismus

Von Pferdelasagne und Ehec-Sprossen
2016: Plastik im SchokomantelAbermillionen Schokoriegel müssen in die Werkstatt – sozusagen. Nachdem eine Kundin in einem Marsriegel auf ein Stück Plastik gebissen hat, hat der Hersteller mit einer gigantischen Rückruf-Aktion begonnen. Sie gilt mittlerweile für alle Staaten der Europäischen Union, mit Ausnahme von Bulgarien und Luxemburg. Betroffen sind Riegel der Marken Mars und Snickers mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum vom 19. Juni 2016 bis 8. Januar 2017 zurück; zudem alle Produkte der Marke Milky Way Minis und Miniatures sowie mehrere Celebrations-Mischungen mit diesem Mindesthaltbarkeitsdatum. Quelle: dpa
2016: Glyphosat und Malz, Gott erhalt'sPro Jahr konsumiert ein Deutscher durchschnittlich 107 Liter Bier. Und damit nicht nur, streng nach dem deutschen Reinheitsgebot, Wasser, Hopfen, Hefe und Malz, sondern auch noch eine gerüttelte Menge Glyphosat – das weltweit meist eingesetzte Pestizid. In deutschen Bieren wurden Mikrogrammwerte deutlich über den Grenzwerten für Trinkwasser gemessen, im krassesten Fall 300-fach über dem Grenzwert. Direkte Gefahr für die Gesundheit besteht allerdings nicht. Quelle: dpa
2014: Dänischer Wurstskandal erreicht DeutschlandIn Dänemark stellte sich 2014 heraus, dass Produkte des Wurstherstellers Jørn A. Rullepølser mit Listerien-Bakterien verseucht waren. Listerien sind für gesunde Menschen in aller Regel ungefährlich, allerdings ein Risiko für immungeschwächte Personen und schwangere Frauen. In Dänemark starben innerhalb von 30 Tagen zwölf Menschen, 15 weitere erkrankten. Der Betrieb wurde geschlossen, die Produkte zurückgerufen. 160 Kilogramm waren auch an einen deutschen Supermarkt in Schleswig-Holstein an der dänischen Grenze gegangen – sie waren bereits verkauft, bevor sie sichergestellt worden konnten. Verbraucher wurden gebeten, die Wurst zu vernichten oder zurückzugeben. Quelle: dpa
2014: Käse mit ColiDas Unternehmen Vallée-Verte rief die zwei Käsesorten „Saint Marcellin“ und „Saint Felicien“ zurück. In den Produkten der französischen Käserei Fromageries L'Etoile wurden Coli-Bakterien nachgewiesen. Diese können innerhalb einer Woche nach Verzehr zu teils blutigem Durchfall, Bauchschmerzen, Erbrechen sowie Fieber führen. Gerade bei Kindern besteht außerdem die Gefahr von Nierenkomplikationen. Quelle: dpa
2014: Von wegen Edel-Hähnchen2014 deckte die „Zeit“ auf: Das Neuland-Gütesiegel, gegründet vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dem deutschen Tierschutzbund und der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, als ganz besonderes Qualitätssiegel hielt bei Brathühnchen nicht so ganz, was es versprach. Eigentlich sollten Neulandtiere aus Freilandhaltung stammen, gefüttert mit Körnern aus der Region. Tatsächlich stammen in Norddeutschland viele Tiere aus einem ganz gewöhnlichen industriellen Schlachtbetrieb in Niedersachsen. Quelle: dpa
2013: Pferd in der LasagneZusammen mit der Ehec-Epidemie wohl der aufsehenerregendste Lebensmittel-Skandal der vergangenen Jahre: 2013 stellte sich heraus, das Rindfleisch in mehreren Fertiglasagnen aus der Tiefkühlung war eigentlich Pferd. Im Anschluss wurden in Labortests rund 70 Fälle von falsch etikettierten Fertigprodukten nachgewiesen. Die größte Menge an Pferdelasagne gab es in Nordrhein-Westfalen mit 27 Fällen, gefolgt von Hessen (13), Baden-Württemberg (8) und Bayern (8). Weitere betroffene Länder waren Mecklenburg-Vorpommern (5), Brandenburg (4) und Hamburg (2). Quelle: REUTERS
2013: Noch mehr PferdBegonnen hatte der Skandal in Irland und Großbritannien, wo bereits im Januar Hamburger-Frikadellen auftauchten, die Spuren von Pferd enthielten. Bei Hamburgern der Marke Tesco waren es sogar deutlich mehr als nur „Spuren“: Sie bestanden zu 23 Prozent aus Pferdefleisch. Die Tiefkühl-Hackbällchen „Köttbullar“ der Möbelhaus-Kette Ikea in tschechischen Häusern enthielten ebenfalls Pferd und flogen daraufhin aus dem Sortiment – zum Ausgleich landete in schwedischen Tiefkühlregalen Lasagne mit einem Pferdefleischanteil von bis zu 100 Prozent. In ganz Europa wurden schließlich Händler festgenommen, die falsch deklariertes Fleisch verkauften. Quelle: dpa

„Aus Rücksicht auf die Agrarlobby hat Frau Aigner auf die Einführung einer verbindlichen Kontrollpflicht für alle Bestandteile von Tierfutter verzichtet“, sagt Thilo Bode, Chef der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Die Folge: Immer wieder landet Dioxin auf unseren Tellern und reichert sich in unseren Körpern an. Das liegt nicht nur am Interesse der Agrarindustrie, die kostspieligen Kontrollen auf ein Minimum zu beschränken, sondern auch am Föderalismus. Denn die Überwachung der Futtermittel ist Ländersache – und manche Landesfürsten weigern sich beständig, die Kontrollen zu verschärfen. Kommt es schließlich zum Skandal, ist im Zweifel immer der andere schuld. „Zwischen Bund, Ländern und Gemeinden herrscht nach wie vor ein Wirrwarr an Zuständigkeiten“, kritisiert Laura Gross, Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucher Initiative in Berlin. „Daran können auch medienwirksame Aktionspläne von Frau Aigner nichts ändern.“

Die Folgen sind fatal, denn Schadstoffe und Keime machen nicht vor Landesgrenzen halt. Das zeigt auch der Fall von EHEC. Bei der Epidemie im vergangenen Jahr erkrankten 4000 Menschen in ganz Deutschland an dem lebensgefährlichen Darmkeim, 53 Patienten starben.

Aktivisten mit Transparent Quelle: dpa

Auch bei EHEC reagieren die Behörden in Bund und Ländern zunächst chaotisch: Mehr als drei Wochen vergehen, bis die zuständigen Gesundheitsämter die ersten Erkrankungsfälle an die Landesbehörden melden und diese die Informationen an das Robert-Koch-Institut weiterleiten.

Kompetenzquerelen traditionell ausgeblendet

Wertvolle Zeit verrinnt, bis Verbraucherschutzministerin Aigner unter dem Druck der Öffentlichkeit eine nationale „EHEC Task Force“ gründet – eine Ermittlergruppe von Landes- und Bundesbehörden, die es im föderalen Deutschland eigentlich gar nicht geben dürfte. Erst Wochen später verkündet das Bundesinstitut für Risikobewertung, dass der lebensgefährliche Erreger höchstwahrscheinlich über Boxhornkleesamen aus Ägypten nach Deutschland gelangt war.

Doch da hatten panische Behördensprecher längst vor dem Verzehr von norddeutschem Salat, spanischen Gurken und holländischen Tomaten gewarnt. Die Folge: Verunsicherte Verbraucher verzichten auf rohes Gemüse aller Art. Hunderte Tonnen von unbedenklichen Lebensmitteln werden vernichtet. Um die Umsatzeinbußen der europäischen Bauern auszugleichen, spendiert die EU-Kommission ein Trostpflaster im Wert von 210 Millionen Euro.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Auf der Grünen Woche werden solche Kompetenzquerelen traditionell ausgeblendet. Und doch sind sie allgegenwärtig. So gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der Messe keine gemeinsame Halle aller Bundesländer. Dabei war die gemeinsame Präsentation bei den Besuchern in der Vergangenheit stets besonders beliebt.

Die Begründung ist bezeichnend: Die Länder konnten sich nicht über die Kosten einigen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%