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Lebensmittelkennzeichnung Briten wollen Sportangaben auf Verpackungen

Britische Verbraucherschützer fordern Hinweise auf Lebensmittelverpackungen, wie viel Sport für entsprechenden Kalorienverbrauch nötig ist, um Übergewicht vorbeugen. Warum der Vorschlag das Gegenteil bewirken kann.

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Britische Verbraucherschützer fordern Sportpiktogramme auf Lebensmitteln. Quelle: dpa

Wenn es nach britischen Verbraucherschützern geht, haben die klassischen Kalorien- und Nährwertangaben auf Verpackungen bald ausgedient: Sie sind nach Meinung der Royal Society for Public Health zu kompliziert – und informieren den Verbraucher deshalb unzureichend darüber, welche Kalorienbombe in seinem Einkaufswagen landet.

Ohnehin haben wenige Zeit, sich mit jedem einzelnen Produkt intensiv auseinanderzusetzen. Laut Untersuchungen der Organisation schaut ein Konsument im Durchschnitt sechs Sekunden auf die Verpackung. "Die Informationen auf Lebensmitteln müssen so präsentiert werden, dass Verbraucher aller Gesellschaftsschichten sie in Kürze verstehen", heißt es in einem Schreiben der Verbraucherschützer.

Sie sind überzeugt, die Lösung für dieses Problem gefunden zu haben: Sportpiktogramme. Das Prinzip dahinter: Anhand kleiner Abbildungen auf der Vorderseite der Lebensmittel erkennt der Verbraucher auf einen Blick, wie viel Sport er machen muss, um die Kalorien zu verbrennen.

Wieviel Zucker steckt in...

Bei einer kleinen Tüte Chips hat der Konsument beispielsweise die Wahl zwischen 13 Minuten Schwimmen, 19 Minuten Joggen und 23 Minuten Radfahren. Wer eine 50-Gramm-Tafel Schokolade verspeist, der soll mehr als doppelt so lange Sport machen. Egal, wie alt er ist. Egal, wie groß. Egal, wie sportlich.

Vorschlag voller Schwachstellen

Ob der Vorschlag in britischen Supermärkten irgendwann mal umgesetzt wird, ist ungewiss. "Übergewicht durch Sportpiktogramme vorzubeugen, ist zwar grundsätzlich eine interessante Idee. Doch sie hat auch sehr viele Schwachstellen", sagt Gabriele Graf, Ökotrophologin bei der Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen.

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Eine Schwachstelle ist ihrer Meinung nach, dass die britischen Kollegen nicht absehen können, ob die Verbraucher durch die Sportbildchen wirklich weniger zucker- und fetthaltige Nahrungsmittel essen. Denn: "Die Piktogramme geben den Verbrauchern keine Auskunft darüber, ob sie die richtige Auswahl an Lebensmitteln für eine ausgewogene Ernährung treffen", sagt Graf. Auch sei fraglich, ob sich die Verbraucher an die Sportangaben halten würden.

Zwar beteuert in einer Untersuchung der Briten mehr als jeder Zweite, dass er entsprechend der Piktogramme Sport machen würde. Graf nimmt allerdings an, dass es sich dabei um die Verbraucher handelt, die bereits Sport treiben. "Wenn jemand übergewichtig oder adipös ist, dann lässt er sich wahrscheinlich nicht von einem Piktogramm bewegen", sagt die Ökotrophologin.

Und wenn doch, ist ungewiss, ob die Länge der Sporteinheit für den jeweiligen Konsumenten ausreicht – schließlich gehen die Briten dem Anschein nach nur von einem Durchschnittsverbraucher aus. "Je nach Trainingszustand verbrennen manche Konsumenten mehr und andere weniger Kalorien während einer Sporteinheit. Der Verbrauch hängt von der Muskulatur ab", sagt die Expertin.

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Und dann gilt es noch, die Hersteller von Chips, Schokolade und Co. von den Sportabbildungen zu überzeugen. Das dürfte schwer werden: Schließlich sind ihre Produkte durch die Piktogramme auf einen Blick als Kalorienbombe erkennbar. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sie den Vorschlag der britischen Verbraucherzentrale freiwillig umsetzen. "Der Gesetzgeber müsste die Hersteller zu den Piktogrammen verpflichten, damit auch die Lebensmittel gekennzeichnet würden, die beispielsweise hohe Zucker- oder Fettgehalte beinhalten und entsprechend lange Trainingszeiten erfordern", sagt Graf.

Verbraucherzentrale wünscht sich Nährwertprofile

Die Verbraucherzentrale NRW befürwortet die sogenannten Nährwertprofile. Danach darf ein bestimmter Gehalt eines Nährstoffs – zum Beispiel Salz, Zucker oder Fettsäuren – nicht über- oder unterschritten werden, wenn das Produkt eine gesundheitsbezogene Angabe tragen soll. Die Nährwertprofile sollen verhindern, dass ungesunde Lebensmittel den Anschein erwecken, sie hätten einen höheren Nährwert als es tatsächlich der Fall ist. Die EU hat die Nährwertprofile bereits zugelassen. Aber: "Zur Zeit sind diese Werbeaussagen noch nicht an solche Vorgaben gebunden", sagt Graf.

Eine Lebensmittelampel auf den Produkten, die dem Konsumenten durch die Farben Grün, Gelb und Rot den Gehalt an gesundheitlich relevanten Nährstoffen signalisiert, kann nach Ansicht der deutschen Verbraucherschützer ebenfalls eine gute Entscheidungshilfe für Verbraucher sein. Das Vorhaben ist allerdings schon mehrfach politisch gescheitert.

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