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Lebensmittelkriminalität Die erschreckende Machtlosigkeit der Lebensmittel-Wächter

Europas Behörden, Verbraucher und Konzerne unterschätzen das Problem der Lebensmittelkriminalität. Quelle: Getty Images

Europas Behörden, Verbraucher und Konzerne unterschätzen das Problem der Lebensmittelkriminalität. Statt zusammen gegen internationale Verbrecherbanden vorzugehen, pochen sie auf lokale Zuständigkeiten und bewährte Gesetze. Das dürfte im Kampf gegen die Mafia kaum genügen.

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Es ist ein erschreckendes Eingeständnis, aber zu hören ist es überall dort in Europa, wo man sich mit Lebensmittelkriminalität beschäftigt. Sie sagen es bei Europol in Den Haag ebenso wie im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Bonn, bei Handelsverbänden und Verbraucherschutzorganisationen: die Mafia hat eine neue Geldquelle aufgetan. Weniger beachtet von der Polizei als Drogendealerei und zugleich lukrativer als Menschenhandel.

Die Rede ist von Food Fraud, der kriminellen Manipulation, Fälschung, Panscherei von Lebensmitteln und ihrem anschließenden Verkauf. Manches ist nur Etikettenschwindel. Champagner etwa, der nicht aus der Champagne kommt. Manches aber gesundheitsgefährdend, wenn etwa das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wird oder Chemikalien dem Essen zugesetzt werden, um es besser aussehen zu lassen. 16.000 Tonnen Fake-Essen und 33 Millionen Liter Fake-Getränke stellten die internationalen Polizeibehörden im vergangenen Jahr im Rahmen ihrer Opson-Mission sicher. Neuer Rekord. Mal wieder.

Das ist das, was die Ermittler wissen. Was sie indes nicht wissen, ja nicht mal ahnen, ist, ob diese Berge an gefälschten Lebensmitteln nur die Spitze eines Eisberges sind – und noch viel, viel mehr Fake-Food an ihren Kontrollen vorbeizieht. Oder ob sie dabei sind, der organisierten Lebensmittelkriminalität wirklich zuzusetzen.

Wahrscheinlich ist Ersteres. Leider. Denn vor allem Europa ist bei der Bekämpfung der Essens-Panscher denkbar schlecht aufgestellt. Zwar gibt es die gemeinsame Polizei-Mission Opson, zwar gibt es seit dem Pferdefleisch-Lasagnen-Skandal Konferenzen und Expertenräte von Ermittlern, Industrie und Verbrauchern auf europäischer Ebene, zwar werden Datenbanken und Netzwerke aufgebaut. Doch die Realität ist: Lebensmittelsicherheit ist Ländersache in Deutschland. Bevor also ein Verdacht auf gefälschte, gepanschte oder gesundheitsgefährdende Lebensmittel in allen 27 Mitgliedsstaaten ankommt, muss er zunächst die Hierarchien durchlaufen. Ein Lebensmittelkontrolleur in einem Bundesland muss die „ohnehin geringen Kapazitäten bei der Polizei“, von denen man in Berlin weiß, davon überzeugen, dass es sinnvoll ist, diesem oder jenem Verdacht nachzugehen. Die Polizei muss das dann auch tun. Findet sie etwas, kann sie es mit den anderen Bundesländern teilen. Diese ermitteln ebenfalls. Erst wenn sich eine nationale Tragweite herausstellt, wird die EU-Kommission informiert, damit alle Mitgliedsländer von dem Fall Kenntnis bekommen. Doch auch damit sind Europas Verbraucher noch nicht sicher: denn die Teilnahme an den EU-weiten Opson-Missionen ist freiwillig. Hat ein Land gerade keine Kapazitäten, schauen die Verbraucher dort in die Röhre.

Es ist ein zutiefst föderaler Spannungsbogen, eine langsame und auch behäbige Struktur, die es hier mit dem internationalen Verbrechen aufnehmen soll. Ein fast aussichtsloses Unterfangen. Zumal die Lebensmittelwächter oft keine Polizeirechte haben, keine Verdächtigen festnehmen, keine Ware beschlagnahmen dürfen. Genau das wäre aber nötig, um den Verbrechern zumindest mal hinterherzukommen: Spezialeinheiten in allen Ländern, in denen Lebensmittelchemiker, Wirtschaftsingenieure, Polizisten und Biologen zusammenarbeiten, Polizeirechte haben und nicht nur theoretisch ermitteln, sondern auch praktisch verhaften können. Eine Einheit, wie es sie etwa in Italien gibt. So ließen sich Ermittlungszeiten wie die sieben Jahre, die es brauchte um den jüngsten Olivenöl-Skandal zu recherchieren, verkürzen. So ließen sich Verbraucher effektiver schützen.

Die größten Lebensmittel-Skandale
2008 warnt die italienische Polizei, dass Händler tonnenweise vergammelten Mozzarella aufbereitet und ihn unter anderem nach Deutschland verkauft haben. Quelle: imago images
4000 Menschen sind an dem Ehec-Bakterium erkrankt, 53 gestorben. Quelle: imago images
Ein Futtermittelhersteller in Norddeutschland verarbeitet 3000 Tonnen mit Dioxin verseuchte Fette und vertreibt sie 2011 an zahlreiche Futtermittelhersteller. Quelle: imago images
Kontrolleure fanden 2012 wiederholt Mäusekot und Reste von früheren Produktionen in Maschinen der Bäckerei „Müller-Brot“. Quelle: dpa
Eine französische Fleischverarbeitungsfirma und ein niederländischer Händler gaben 2013 mehr als 500 Tonnen Pferdefleisch als Rindfleisch aus Quelle: dpa
Hunderttausende Eier aus den Niederlanden sind mit dem Pflanzenschutzmittel Fipronil belastet, das Schäden an Leber, Schilddrüse oder Niere verursachen kann. Quelle: imago images
Zwischen 2005 und 2006 werden immer wieder verdorbenes Fleisch in Kühlräumen, Verarbeitungsbetrieben und im Handel entdeckt. Quelle: imago images

Wahr ist aber auch: allein das dürfte kaum genügen. Es braucht ebenso größere Anstrengungen der Industrie, die immer globaler produziert, immer höher verarbeitete Lebensmittel auf den Markt bringt – und damit immer größere Risiken eingeht. Natürlich öffnet kein Lebensmittelmulti gerne seine Bücher, gibt Auskunft über Lieferanten und Zutaten. Weil das die Konkurrenz sofort nützen würde. Wohl aber auch, weil es viele Verbraucher abschrecken dürfte.

Genau das muss aber geschehen, um das Vertrauen der Menschen in sichere Lebensmittel nicht zu gefährden: Lieferketten müssen transparent, Produktzutaten nachvollziehbar werden. Nur so können die Behörden effektiv ermitteln, nur so wird das Geschäft der Lebensmittel-Mafia wirklich schwerer.

In Sicht ist das bislang nicht. Stattdessen appellieren Wirtschaft und Behörden an die Verbraucher: „Die Gefahr eines Lebensmittelskandals nimmt zu, je schneller, vernetzter, globaler die Branche wird“, sagt ein Beamter. „Dessen müssen sich die Menschen bewusst sein.“

Das organisierte Verbrechen, heißt das übersetzt, wird immer einen Schritt voraus sein. Im Zweifel hilft dagegen wohl nur: wieder mehr selbst kochen. Und der Einkauf beim Bio-Landwirt um die Ecke.

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