Lebensmittelskandal Warum niemand weiß, wie das Pferd in die Lasagne kam

Mit Billig-Lasagne fing alles an. Dann gerieten auch andere Fertiggerichte in den Verdacht, Pferdefleisch zu enthalten. Wie das Fleisch in die Produkte gekommen ist, kann sich niemand erklären. Im Lieferkettendurcheinander blickt keiner durch.

Pferd, Hai, Meerschweinchen - welche Tiere gegessen werden
PferdEin traditionelles Pferdefleischgericht ist der Rheinische Sauerbraten. Da der deutsche Pferdefleischkonsum rückläufig ist, greifen Köche dabei als Ersatz oft auch zu Rindfleisch. Quelle: dpa
SchneckenIn Frankreich gelten gratinierte Weinbergschnecken im eigenen Gehäuse und mit einer speziellen Kräuterbutter als Vorspeise. In Italien werden sie aus ihren Häusern gezogen, in Baumöl getaucht und mit Salz und Pfeffer gewürzt. In Deutschland servieren Köche die Tiere entweder als „Badische Schneckensuppe“ oder als Salat mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer. Quelle: AP
HaiIn China erfreut sich Haifischflossensuppe wachsender Beliebtheit. Die aus der Region um Hong Kong stammende Suppe wird vor allem für ihre Konsistenz geschätzt. Grundlage bildet die knorpelige Substanz der Haiflossen. Diese werden solange in Hühnerbrühe gekocht, bis sie sich in ihre Bestandteile auflösen. Eine isländische Spezialität ist Hákarl, das aus fermentiertem Hai besteht. Geschmack und Geruch dieses Gerichts sind sehr intensiv – nur aufgrund seiner Fermentierung wird es überhaupt erst genießbar. Grund ist die Harnstoffansammlung im Hai, die nur langsam abgebaut wird. Quelle: REUTERS
MeerschweinchenIn Deutschland ein Haustier, in Peru ein Masttier: Das Fleisch von Meerschweinchen gehört zu den traditionellen peruanischen Hochzeitsgerichten. Quelle: RK from The Netherlands, Creative Commons: CC BY-SA 3.0
InsektenAußer in westlichen Kulturen gehören Insekten fast überall auf der Welt auf den Speiseplan. Ob verschiedene in Sand und Asche gegarte Larvenarten bei den australischen Ureinwohnern, mit Schokolade überzogene Heuschrecken in Mexiko oder gekochte Wespenlarven in Japan. Teils gelten Insekten als Delikatessen. So werden „Escamoles“ – mit Öl und Knoblauch gemischte Larven zu Tortillas – als mexikanischer Kaviar bezeichnet. Quelle: Takoradee, Creative Commons: CC BY-SA 3.0
KatzeWie Hunde- so wird auch Katzenfleisch vor allem in China, Korea und Vietnam gegessen. Das Fleisch wird dabei häufig zu Fleischbällchen verarbeitet. In Peru wird Katzenfleisch während des Santa-Efigenia-Festivals zubereitet. Quelle: dpa
KänguruKänguru-Fleisch kommt aus Australien, wird dort jedoch vor allem exportiert – davon gehen 80 Prozent nach Europa. Das Fleisch gehört zu den traditionellen Nahrungsmitteln der Aborigines, den australischen Ureinwohnern. Generell hat es im Land den Ruf eines minderwertigen „Bush Foods“. Kängurus leben in Australien vor allem in freier Wildbahn und vermehren sich dort sehr schnell, da sie keine natürlichen Feinde haben. Deshalb wird jährlich auf Antrag von Farmern eine bestimmte Anzahl von Kängurus durch staatlich zugelassene Jäger erlegt – deren Fleisch dann auch auf deutschen Tellern landet. Quelle: REUTERS
HundIn Asien ist Hundefleisch vor allem in China, Korea und Vietnam verbreitet. Hundefleisch ist teuer, gilt als Delikatesse und sein Konsum wird von zumindest einem Teil der Bevölkerung als normal betrachtet. Hundefleisch wird auf alle möglichen Arten zubereitet und verzehrt – wie etwa hier in einer Suppe. Quelle: AP
LeguanAuf der Karibik-Insel Curaçao gehört Leguansuppe zu den traditionellen Gerichten. Mittlerweile wird sie jedoch von westlichen Essgewohnheiten verdrängt. Quelle: dpa
GrauhörnchenIn Großbritannien bahnen sich Grauhörnchen ihren Weg in die Speisepläne. Denn das aus Nordamerika stammende Nagetier verdrängt seit dem es 1889 in England ausgesetzt wurde, dort seinen europäischen Verwandten, das Eichhörnchen. Deshalb ruft etwa seit 2006 die Kampagne „Save our squirells“ („Rettet unsere Eichhörnchen!“) zum Verzehr von Grauhörnchen auf, die mittlerweile in Restaurants angeboten werden. Quelle: AP

Natürlich kann niemand erwarten, für 1,49 Euro 500 Gramm feinstes Rindfleisch zu bekommen. Wer fertige Billigprodukte kauft, erwartet wahrscheinlich auch keine Haute cuisine. Nur: Betrogen werden darf eben niemand, da sind sich alle einig. Wo Rindfleisch draufsteht, muss Rindfleisch drin sein und wo Pferdefleisch drauf steht, muss Pferdefleisch drin sein.

Zu Recht verlangen nun Verbraucherschützer samt Ministerin bessere Kontrollen. Doch auch Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) gibt zu, dass es nicht leicht sein wird, die Lieferkette vom Kühlregal bis zur Weide zurückzuverfolgen. In der ARD-Sendung "Hart aber fair" sagte sie, dass sie davon ausgehe, dass es sich um ganz legal geschlachtetes Pferdefleisch handele, das dann "irgendwo auf der Strecke umgewidmet" worden sei. Dies aufzuklären sei "eine Detektivarbeit".

Undurchsichtige Transportwege

Dass es innerhalb der EU mitunter irre Transportwege für Schlachtvieh gibt, ist nichts Neues: Subventionen sei Dank ist es oft günstiger, ein Schwein in Spanien zu kaufen, es zum Schlachten nach Polen zu kutschieren und es dann von dort aus nach Deutschland zu bringen, als es direkt vor Ort zu schlachten und zu verwursten.

Bei verarbeitetem Fleisch sind die Lieferketten oft noch viel undurchsichtiger und die Zwischenschritte zahlreicher. Bis das Tiefkühlhackfleisch beim Betrieb angekommen ist, der es dann mit Tomatensauce, Nudeln und Käse abpackt, hat das Fleisch oft schon zig mal den Besitzer gewechselt. Edeka, Rewe oder die Discounter sind - vor dem Kunden - das letzte Glied in einer langen Lieferkette. Den wahren Ursprung zu finden, ist fast unmöglich.

Preisdruck lädt zum Betrügen ein

So sind in diesem Fall die ersten Fundorte England und Irland gewesen, das Fleisch ließ sich aber unter anderem nach Frankreich und Rumänien zurückverfolgen. Wann und wo genau das Pferdefleisch zum Rindfleisch umetikettiert wurde, ist bis heute nicht klar. Ob der Verursacher überhaupt bekannt wird, ist ebenfalls mehr als fraglich. Denn um die Kosten für den Transport zu drücken, setzen die Metzger, die das Schlachtvieh aufkaufen, auf Masse. Je mehr Rind, desto Mengenrabatt. Statt also nur bei einem Bauern 30 Rinder für die deutsche Tiefkühl-Lasagne aufzukaufen, bestellen sie Rinder aus dem ganzen Umkreis. Hier zehn Tiere, dort 20, beim nächsten Bauern 50. Diese Tiere unterschiedlichster Herkunft werden geschlachtet und das Fleisch geht auf Europareise. Station macht es in verschiedenen Verarbeitungsbetrieben, die ihrerseits von zahlreichen Schlachthöfen ankaufen.

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Der zusammengekaufte Fleischmix wird also von Station zu Station undurchsichtiger. Ob an einem der zahlreichen Stopps Fleisch auf den Laster geladen wird, das nachher nicht in den Inhaltsstoffen erwähnt wird, lässt sich so gut wie nicht kontrollieren. Und dass der Preisdruck auf dem Lebensmittelmarkt manchen Anbieter zu Betrügereien verführt, beklagen Verbraucherschützer seit langem. So koste Pferdefleisch 35 bis 50 Cent je Kilogramm, Rindfleisch bis zu drei Euro, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Verbraucherminister Till Backhaus.

Bei der TK-Lasagne für 1,49 Euro lassen sich mit dem günstigen Pferdefleisch also deutlich höhere Margen erzielen. Und da sich Rind- und Pferdefleisch optisch nicht unterscheiden, müssten bei jedem der zahlreichen Zwischenschritte Gentests gemacht werden, um die Gefahr von Vermischungen auszuschließen. Das wäre viel zu teuer und aufwändig, die Billig-Lasagne würde zumindest finanziell zum Luxusprodukt.

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