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Lidl und Kaufland „Wir werden nie ein Amazon oder Alibaba werden“

Roboter Pepper war ein Hingucker bei den Retail Innovation Days in Heilbronn. Quelle: Presse

Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Gruppe und Herrscher über Lidl und Kaufland, präsentiert sich ungewohnt offen: Bei einem Kongress in Heilbronn spricht Deutschlands wichtigster Handelsmanager über das Erfolgsgeheimnis des Aldi-Jägers, Biolebensmittel zu Apothekenpreisen und seine Übernahmepläne für mehr als 100 Real-Märkte.

Die Tücken der Technik werden gleich zum Start offenbar. „Hallo!“, grüßt der humanoide Roboter Pepper artig das Publikum, das zu den Retail Innovation Days in die Duale Hochschule Heilbronn gekommen ist. Experten sollen hier zu Themen wie „Sharing Economy“, „Künstliche Intelligenz“ und „digitaler Handel“ referieren – und einen Blick in die Zukunft riskieren. „Sieht voll aus hier im Saal“, merkt denn auch Pepper vorn auf der Bühne an und fährt auf Geheiß des Moderators, Professor Stephan Rüschen, in feinstem Schwäbisch fort: „Grüß Gottle und hallöle!“ Allein, den Abgang verpatzt die Maschine.

Konsequent ignoriert Pepper alle Kommandos, die Bühne zu verlassen, während der heimliche Star der Veranstaltung nach vorne tritt: Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Gruppe und als solcher Herr über die Handelsschwergewichte Lidl und Kaufland, darf den ersten Programmpunkt bestreiten. Öffentliche Auftritte des wohl wichtigsten deutschen Handelsmanagers haben Seltenheitswert, Interviews sind rar. Dass der Manager in Heilbronn eine Ausnahme macht, dürfte an der Geschichte der Hochschule liegen, die von der Stiftung des Lidl-Eigners Dieter Schwarz finanziert wird.

Der Chef der Schwarz-Gruppe, Klaus Gehrig (links), im Gespräch mit Professor Stephan Rüschen. Quelle: Presse

Im grauen Pulli bezieht Gehrig Position am Stehtisch auf der Bühne, um den Hals baumelt sein Namensschild. Amüsiert verfolgt er, wie Pepper vom Moderator ins Abseits geschoben wird. Er selbst, so wird er später verraten, benutze keinen Computer. Sein Technikeinsatz beschränke sich auf das Smartphone. Doch zunächst spricht Gehrig überraschend offen über das Kerngeschäft: über die Strategie von Lidl, über den Preiskampf mit Aldi und seine Pläne, mehr als 100 Real-Standorte zu übernehmen.

Keine Angst vorm russischen Billigheimer

Selbst einen Seitenhieb auf den russischen Discounter Mere, der in Leipzig jüngst die erste Filiale eröffnete, kann Moderator Rüschen dem gutgelaunten Handelsgranden entlocken. Sicher, erklärt Gehrig, man müsse Mere weiter beobachten, „aber es sieht nicht so aus, als wenn es etwas Langlebiges ist“. Das würden auch die Zahlen der umliegenden Lidl-Filialen zeigen. Dort gab es laut Gehrig keine Umsatzverluste nach der Eröffnung des russischen Billigheimers.

Weit wichtiger ist für den Discounter ohnehin der Erzrivale Aldi - oder exakter: Aldi Süd. Denn im Vergleich zum Norden verfüge der Süden über das stärkere Format, ist damit auch der gefährlichere Gegner. Ein Schwabe, sagt Gehrig, kenne zwar keine Angst, aber eine gewisse Sorge habe er verspürt, als Aldi vor einigen Jahren damit begann, verstärkt Markenartikel ins Sortiment einzulisten. Denn bis dahin war die deutsche Discounterwelt sorgsam aufgeteilt. Während Aldi weitestgehend auf Eigenmarken setzte, verkaufte Lidl von Anfang an Markenartikel wie Nutella oder Coca-Cola. Das änderte sich durch Aldis Vorstoß, habe letztlich aber „keine Umsatzeffekte“ für die Schwarz-Gruppe gehabt, so Gehrig. Künftig würden Kaufland und Lidl zudem wieder preisaggressiver auftreten, kündigt Gehrig an.


Trotzdem sei Aldi wichtig für die Gruppe, sagt Gehrig und zitiert den verstorbenen Aldi-Süd-Patriarchen Karl Albrecht. Wenn es Lidl nicht gegeben hätte, wäre Aldi eingeschlafen, habe der einst zu Protokoll gegeben. Das gelte natürlich auch umgekehrt, so Gehrig. „Wir brauchen uns gegenseitig“, schon um auf Zack zu bleiben und eine „innere Unruhe“ zu erhalten. Selbstzufriedenheit dagegen sei für ihn der Feind allen künftigen Erfolgs.

Chancen im Online-Handel und mit Bio-Lebensmitteln

Gilt das auch für den Onlinehandel? Kaum deutet der Moderator die Frage auch nur an, geht Gehrig zum Gegenangriff über. Lidl und Kaufland, das wissen die meisten im Publikum, hatte vor einiger Zeit Experimente mit eigenen Online-Lieferdiensten für Lebensmittel eingestellt. Die Kosten seien ihm schlicht zu hoch gewesen, erklärt Gehrig dazu. Und: „Wir werden nie ein Amazon oder Alibaba werden“. Der stationäre Handel würde sich zwar verändern und auch im Onlinegeschäft gebe es Chancen. Doch bei neuen Trends „muss man nicht immer der erste sein“, sagt Gehrig. Das sei oft nur teuer und „da läuft uns nichts weg“. Zumal es auch stationär derzeit viele Expansionsmöglichkeiten gebe.

Schon vor Wochen sickerte durch, dass Kaufland die Übernahme von etwa 100 Märkten der Metro-Tochter Real auslotet. In Heilbronn bestätigte Gehrig nun erstmals öffentlich die Ambitionen: „Wir sind in Gesprächen“, sagte er, „kriegen wir gute Märkte, können es auch ein paar mehr werden.“ Der Investitionsstau schreckt ihn dabei nicht, auch finanziell verfüge die Schwarz-Gruppe über ausreichend Spielraum, um die Übernahme zu stemmen. Wann eine Entscheidung fällt, ließ Gehrig allerdings offen. Nur so viel: „Wir sind weit.“ Die sogenannte Due Diligence, also die intensive Prüfung aller Bilanz- und Unternehmenskennziffern, habe aber noch nicht begonnen.

Chancen sieht er indes auch jenseits von Übernahmen, etwa im Geschäft mit Biolebensmitteln. Bei einem ersten Anlauf vor einigen Jahren habe Lidl zu wenig Geduld bewiesen. Jetzt sei das Unternehmen „ganz massiv“ nach vorne gegangen - zum Ärger vieler Biohändler. Sie bezeichnet Gehrig in punkto Preisniveau als „Apotheke plus“. Als Discounter, der größere Mengen umschlägt, rechnet sich Lidl in den kommenden Jahren offenbar gute Chancen aus, dem Fachhandel Marktanteile abzuknöpfen.

In welcher Position Gehrig die Entwicklung verfolgen will, scheint dabei klar. Er habe seinen Vertrag verlängert, ließ der 70-Jährige wissen. Und „wenn ich wieder auf die Welt komme, mache ich das gleiche.“ Gleicher Inhaber, gleiches Unternehmen, gleiche Position. „Es gibt nichts Interessanteres“, so Gehrig.

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