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Lieferketten im Corona-Stress Samsung Hui, Apple Pfui

Das Coronavirus belastet auch die Smartphonehersteller Apple und Samsung. Der US-Konzern ist wegen der stark auf China ausgerichteten Lieferkette allerdings wesentlich stärker betroffen. Quelle: IMAGO

Das Coronavirus entlarvt die Schwächen in der Beschaffungsstrategie von multinationalen Produzenten. Für Apple erweist sich China als offene Flanke, während Samsung vergleichsweise weniger stark betroffen ist.

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Samsung Electronics hat gut lachen. Das neueste Flaggschiff-Smartphone, das Galaxy S20, kommt am Freitag in den USA pünktlich auf den Markt. Denn der südkoreanische Hardwareriese ist, anders als sein Rivale aus Kalifornien, nicht vom Stillstand in chinesischen Fabriken betroffen. Jedes zweite Galaxy S20 kommt vielmehr aus Werken in den vietnamesischen Provinzen Thai Nguyen und Bac Ninh. „Wir sind voll ausgelastet“, berichtete ein Vertreter der Produktionstochter Samsung Vina Electronics in Vietnam.

Die reibungslose Produktion von Samsung bestätigt den Rat von Professor Jan Fransoo von der Kühne Logistics University in Hamburg: Hersteller sollen alternative Beschaffungsoptionen vorhalten, um das Risiko eines Produktionsausfalls zu verringern. „Die Entscheidung von Samsung für weitere Standorte in Indien und Vietnam dürfte sich jetzt auszahlen, während Apple sich von einer Quelle in China abhängig gemacht hat“, sagte Fransoo der Deutschen Verkehrs-Zeitung.

In der Tat hat kaum ein Unternehmen seine Lieferkette so stark auf China ausgerichtet wie Apple. Ihr Architekt ist niemand geringerer als Apple-Chef Tim Cook. Er wurde schließlich 1998 höchstpersönlich von Vorgänger Steve Jobs wegen seiner bei IBM und Compaq gesammelten Expertise bei Lieferketten und Just-in-Time-Produktion angeworben. Cook vereinfachte die Lieferkette drastisch, kürzte die Zahl der Zulieferer von über 100 auf zwei Dutzend herunter, reduzierte die Zahl der Lagerhäuser sowie die Lagerbestände. Und er fokussierte die Produktion auf Auftragsfertiger wie die taiwanesischen Konzerne Foxconn, Pegatron, Quanta Computer und Wistron, die riesige Fabriken im Reich der Mitte betreiben. Das Prinzip „Designed in California, made in China“ machte Apple zu einem der wertvollsten Konzerne der Welt.

Apple warnt vor Umsatzeinbußen

Es ist ein eingespieltes Konzert, mit Komponentenherstellern, von denen sich viele ebenfalls in der Nähe der Fabriken niedergelassen haben. Bislang galt dies als Erfolgsrezept. Nun ist Apple von Covid-19 besonders stark betroffen. Schon wird spekuliert, dass es zu Engpässen bei iPhones kommen könnte und ein für das Frühjahr geplante, günstigere Modell aufgeschoben werden muss.

„Apples Lieferkette hängt sehr stark von China ab“, meint Wedbush-Analyst Daniel Ives. Er erwartet, dass Apple mindestens einen Monat braucht, um die Verzögerungen durch vorübergehende Fabrikschließungen und Quarantäne wieder aufzuholen. Jeriel Ong, Analyst der Deutschen Bank, gibt zu bedenken, dass nur ein Teil der Lieferkette ausfallen muss, um das System aus der Balance zu bringen. Das betrifft nicht nur China. Apples Zulieferer LG musste in Südkorea gerade vorübergehend eine Fabrik für Smartphone-Kameramodule schließen, nachdem ein Arbeiter positiv auf Covid-19 getestet worden war.

Apple hat bereits gewarnt, dass die Umsätze im laufenden Quartal niedriger ausfallen werden. Was allerdings nicht an Produktionsausfällen liegt, sondern daran, dass es mit dem Absatz hakt, weil Läden in China geschlossen werden mussten.

Ist Apple zu abhängig von China, gehört die gesamte Lieferkette des Konzerns auf den Prüfstand? Cook will davon derzeit nichts wissen. Man habe schon Tornados, Feuer, Erdbeben und das Sars-Virus überstanden, wiegelte er im US-Fernsehkanal Fox News ab. Man werde eventuell ein „paar Stellschrauben verändern, aber keine fundamentalen Dinge.“ Schließlich sei nicht allein nur China betroffen.

Selbst wenn Cook seine Meinung ändern sollte, mal einfach so schnell die Lieferkette verändern kann auch er nicht. Denn Fertiger und Komponentenhersteller müssen sich ebenfalls bewegen. Foxconn und Pegatron testen bereits die Produktion in Vietnam. Das wurde schon vor dem Coronavirus-Ausbruch vorangetrieben. Die Ironie daran – das geschah als Reaktion auf Trumps Handelskrieg gegen China.

Doch einfach die Kette stärker nach Vietnam zu verlagern, weiß Cook, ist nicht so einfach. Die Kosten der Produktion sind nur ein Nebenaspekt, so der Apple-Chef. „Weit wichtiger ist das Fertigungs-Knowhow.“

Hohe Fertigungstiefe zahlt sich für Samsung aus

Dass es tatsächlich ganz anders geht, beweist Samsung Electronics. Statt auf „Lean Production“ und „Outsourcing“ im Apple-Stil setzt der Weltmarktführer aus Suwon auf hohe Fertigungstiefe und stellt seine Smartphones und Tablets fast im Alleingang her. Der Zentralprozessor wird ebenso firmenintern entwickelt und produziert wie die CMOS-Bildsensoren für die Kameras. Die Tochter Samsung Electro-Mechanics liefert die Hauptplatine und die Kameraeinheit, das Batteriemodul stammt von Samsung SDI und der Bildschirm von Samsung Display, egal ob mit Flüssigkeitskristallen oder organischen Leuchtdioden.

Und natürlich bauen die Südkoreaner alle ihre Geräte seit jeher selbst zusammen, zunächst in Südkorea und danach in China, inzwischen viel in Vietnam und neuerdings in Indien. Die Werke in China sind inzwischen geschlossen – die Arbeitskosten waren gestiegen, und der verschärfte Wettbewerb mit lokalen Herstellern hatte den Absatz so gedrückt, dass die lokale Produktion sich nicht mehr rechnete. Außerdem entzog sich Samsung dadurch der Gefahr, in den Sog des Zoll- und Handelskrieges zwischen China und den USA zu geraten.

Bei den wenigen Komponenten, die sie extern einkaufen, verfolgen südkoreanische Konzerne ähnlich wie Apple traditionell die Politik, sich nicht von einem einzelnen Zulieferer abhängig zu machen. Diese Strategie der doppelten Quelle stand in Südkorea jedoch am Pranger, weil sie die Verhandlungsmacht der kleinen Zulieferer schwächt. Daher ließen die Konglomerate, die Chaebol, in ihrem Bestreben nach Autarkie etwas nach, bis der Handelsstreit mit Japan im vergangenen Jahr die Manager eines Besseren belehrte.

Im Juli schränkte die Regierung in Tokio den Export von drei unverzichtbaren Chemikalien für die Halbleiterbearbeitung ein, um Südkorea politische Daumenschrauben anzulegen. Japanische Hersteller wie Ube Industries und Shin-Etsu Chemical dominieren den Markt für diese Chemikalien. Samsung-Chef Lee Jae-yong musste als Bittsteller nach Japan gehen, um den Nachschub für seine Chipfabriken zu sichern. „Große koreanische Unternehmen werden nun eine größere Selbstversorgung anstreben“, sagt Peter S. Kim, Investmentstratege des Vermögensverwalters Mirae Asset Daewoo, vorher.

Auch von China hat sich Samsung nicht ganz gelöst. Vorübergehend blieben mehrere hundert Container mit Smartphone-Teilen aus China an der wegen des Virus geschlossenen Grenze zu Vietnam hängen. Erst seit der zweiten Februarwoche dürfen die Container die Zollschranken wieder passieren. „Die Strategie, die Wertschöpfungskette von China nach Südostasien zu verlegen, verringert das Konzentrationsrisiko nur begrenzt „, kommentierte Alicia Garcia-Herrero, Chefökonomin der französischen Investmentbank Natixis.

Im Streben nach Autarkie hat Samsung zudem eine Schwachstelle übersehen – die Heimat Südkorea. Über das vergangene Wochenende musste eine Smartphone-Fabrik in der Industriestadt Gumi nahe dem Epidemiezentrum Daegu zum zweiten Mal schließen – bei Mitarbeitern wurde das Virus Sars-CoV-2 festgestellt.

Dabei blieb es nicht: Die verbreitete Lungenkrankheit zuhause hindert die Samsung-Manager neuerdings daran, in ihre eigenen Werke in Vietnam hineinzugehen. Seit Samstag müssen sich nämlich alle Einreisenden aus Südkorea 14 Tage lang in Quarantäne begeben – das gilt für rückkehrende Vietnamesen genauso wie für Manager von Samsung.

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