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Lieferservice Tönnies rollt die Republik auf

Viele Menschen lassen sich vor allem in Zeiten der Coronakrise Lebensmittel liefern. Das kommt auch dem Lieferservice Wochenmarkt24 zugute. Quelle: imago images

Lebensmittel direkt vom Erzeuger zum Endverbraucher – ohne Zwischenhändler, ohne Körperkontakt. Nicht erst seit der Coronakrise boomt der Lieferservice Wochenmarkt24. Jetzt will das Unternehmen bundesweit expandieren.

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Nein, Clemens Tönnies ist nicht bekehrt worden. Er wendet sich nicht von Borstenvieh und Schweinspeck ab und wechselt ins vegetarische Lager. In dieser Geschichte geht es gar nicht um den Schweinebaron aus dem westfälischen Rheda-Wiedenbrück und den gleichnamigen milliardenschweren Fleischkonzern. Es geht um seinen Neffen Robert Tönnies, dem die Hälfte der Tönnies-Gruppe gehört.

Da er sich beim Schlachthofriesen auf einen Beiratsposten beschränkt und aus dem operativen Geschäft heraushält, versucht der 41-Jährige eigene Geschäftsideen zu verwirklichen. So gründete er im September 2018 den Lieferdienst Wochenmarkt24, ein genossenschaftlich organisierter Online-Wochenmarkt, der Kunden aus der Region Bielefeld mit frischen und zumeist in der Region hergestellten Lebensmitteln wie Käse, Obst, Backwaren, Marmelade, Gemüse, Senf, Saucen und – das darf in Ostwestfalen natürlich nicht fehlen – auch ein bisschen Fleisch und Wurst beliefert.

Das Geschäft lief gut. Bis Mitte März. Dann ging es durch die Decke. Standen am Anfang noch elf Betriebe aus Bielefeld, Herford, Halle und Gütersloh mit kaum 200 Produkten hinter dem Konzept, sind es inzwischen 24 Lieferanten mit rund 2500 Produkten. Wochenmarkt24 selbst hat die Mitarbeiterzahl von 8 auf 16 verdoppelt, den Fuhrpark von 6 auf 18 Lieferwagen verdreifacht und täglich bis zu 1000 Anfragen, von denen kaum die Hälfte bearbeitet werden können.

Die Kundenzahl in Bielefeld und Umgebung ist auf mehr als 10.000 gestiegen, der Umsatz hat im vergangenen Jahr die Millionengrenze geknackt. „In diesem Jahr haben die monatlichen Bestellungen noch einmal kräftig an Dynamik zugelegt“, sagt Initiator und Aufsichtsratschef. „Während sie sich bislang in einer Größenordnung zwischen 4000 und 5000 im Monat bewegten, sind sie bis April auf über 9000 hochgegangen, so dass wir unseren Shop sogar zwischenzeitlich schließen mussten. Daran hat die Coronakrise sicherlich auch einen gewichtigen Anteil.“

Jetzt gibt Geldgeber Robert Tönnies den Startschuss für die bundesweite Expansion. „Wir rechnen bis Jahresende mit einem Umsatzwachstum auf drei bis vier Millionen Euro. Der durchschlagende Erfolg motiviert uns, jetzt den nächsten Schritt in Richtung einer bundesweiten Expansion anzugehen.“

In den nächsten Wochen sollen drei weitere Regionen für den Lieferdienst erschlossen werden. Aktuell sind die Regionen um Frankfurt, Stuttgart, Köln-Düsseldorf, Hamburg und München in der engeren Wahl. Tönnies wird die Expansion mit einem Investitionsvolumen von rund 1,5 Million Euro unterstützen, so dass die Anschubfinanzierung gesichert ist. Welche drei Standorte es final werden, hängt auch von der Resonanz der Erzeuger ab, sich dem genossenschaftlichen Prinzip von Wochenmarkt24 anzuschließen. „Die Kosten für die Logistik halten wir auf dem sensationell niedrigen Wert von 18 Prozent des Umsatzes, was allein den Erzeugern, die für ihre Produkte mit hoher Qualität hart arbeiten müssen, zugute kommt,“ sagt Tönnies.

„Am Abend bestellt, am Morgen vor der Haustüre“, so lautet das Motto: Kunden ordern im Internet bis 18 Uhr die benötigten Lebensmittel, die Erzeuger stellen diese im Laufe des Tages zur Abholung bereit. Mit eigener Logistik wird die Ware am frühen Abend eingeholt, sortiert und in versiegelten Tüten mit Kühlakkus über Nacht ausgeliefert. Die Lieferung ist grundsätzlich kostenlos. Der Mindestbestellwert liegt derzeit bei 10 Euro. Geliefert wird von Dienstag bis einschließlich Sonntag, nur am Montag ist Ruhetag.

Wochenmarkt24-Vorstand Eike-Claudius Kramer: „Das Konzept entwickelt sich dynamischer als wir erwartet haben. Die Vorteile sind klar: Die regionalen Landwirte und Hersteller erreichen mehr Kunden, ohne in Abhängigkeiten zu geraten; die Verbraucher erhalten eine gigantische Vielfalt handwerklicher Qualitätsprodukte, die aus erster Hand geliefert werden. Obendrein sparen die Kunden eine Menge Zeit, wenn Sie online in ihren Lieblingsläden einkaufen und entlasten damit auch noch die Umwelt, da sich der Individualverkehr reduziert.“


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