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Markenküchen Die Scheinrabatte der Küchenhändler

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Im Küchentempel

Intransparente Preise beim Küchenhändler
Im Möbelhaus gibt es die oft üppig ausgestatten Einbauküchen aus der Ausstellung immer wieder mit hohen Preisnachlässen. Diese Preise gelten aber nur, wenn an der Zusammenstellung der Möbel nichts wesentliches geändert wird. Wer Möbelelemente weglässt, spart meist nichts, wer mehr braucht, muss kräftig zuzahlen.
Ausstellungsstücke lassen sich auch umplanen und anpassen, wenn sie zuhause in der Ausstellungsform nicht passen. Da sich in den Ausstellungen kaum Räume finden, die einen normalen Küchengrundriss haben, dürfte das in der Regel mit Mehrkosten verbunden sein. Gleiches gilt für Küchen aus dem aktuellen Angebot. Diese werden blockweise rabattiert angeboten. „Diese Blöcke sind vom Hersteller in der Regel knapp kalkuliert und zum Teil sogar subventioniert. Es ist eine Mischkalkulation: Zusatzwünsche und Extras, die über den angebotenen Küchenblock hinausgehen, sind im Verhältnis teurer. Erst dadurch rechnen sich die Blöcke für die Hersteller“, erklärt Lucas Heumann, Hauptgeschäftsführer beim Verband der deutschen Küchenmöbelindustrie (VdDK).
Die Probleme mit einer rabattierten Küche aus der Ausstellung fangen bereits damit an, dass die Anschlüsse für Wasser und Strom daheim nicht zur Austellungsküche passen. Die Arbeitsplatte ist dann beispielweise unbrauchbar, weil Spüle und Kochfeld anders platziert werden müssen. Besonders ärgerlich ist das bei teuren Arbeitsplatten aus Stein.
Diese Küche etwa besteht aus enorm vielen Bauteilen, die große Insel vorne besteht aus zwei Schrankreihen hintereinander. Sogar eine Waschmaschine ist hinter einer Schranktür versteckt. Die Arbeitsfläche besteht aus einem seltenen aprikotfarbenen Stein. Laut Händler kostet das Schmuckstück regulär stolze 31.500 Euro. Kaum vorstellbar, dass je ein Kunde so viel dafür gezahlt hätte.
Denn nun soll die Küche nur knapp 10.000 Euro kosten. Der Preisnachlass beträgt gemessen am Katalogpreis fast 70 Prozent. So viel Rabatt bieten einige große Händler und Möbelhäuser laut Prospekt sogar auf neu geplante Markenküchen. Lucas Heumann vom Verband der deutschen Küchenmöbelindustrie (VdDK) geht davon aus, dass einige Händler auf ihre Einkaufspreise besonders viel aufschlagen, um nachher einen solch hohen Rabatt anbieten zu können.
Bei den großen Händlern geschieht die Planung im langwierigen Kundengespräch am Computer. Auf riesigen Flachbildschirmen kann der Kunde dann sehen, wie die Küche später aussieht. Diese relativ einfache, nicht sonderlich groß geplante Alno-Küche etwa sollte im Möbelhaus regulär rund 15.000 Euro kosten. Nach Abzug von 50 Prozent Rabatt und einer Zusatzprämie von 1000 Euro sollte der Preis noch immer 9500 Euro betragen. Offenbar galt der Rabatt nur für die Möbel, die Elektrogeräte und Einbauten wie Spüle und Armatur blieben außen vor.
Wie sich die Preise einer Küche ohne Rabatt zusammensetzen, können Kunden zum Beispiel mit dem Online-Küchenplaner von Ikea testen. Dort gibt es keine Fantasierabatte und jeder Küchenschrank wird mit dem Einzelpreis berechnet. Ähnliche Planungstools bieten auch einige Küchenhersteller oder Händlerportale an. Das ist mühsam, aber aufschlussreich. Die oben abgebildete Ikea-Küche hätte im Test rund 4700 Euro gekostet. Dafür muss aber auch alles selbst aufgebaut werden. Viele Küchenhändler bieten Lieferung, Montage und Anschluss ohne Aufpreis an. Dann ist die Küche allerdings meist etwas teurer.

Ich steuere den nächsten Küchengiganten an. Meda Gute Küchen zählt mit 15 Filialen in Nordrhein-Westfalen zu den großen Händlern. Auch dieses Geschäft beeindruckt durch Größe, auf mehreren tausend Quadratmetern können Kunden mehr als 100 ausgestellte Küchen bestaunen. Die von mir gesuchte Nobilia-Küche ist derzeit nicht im Angebot, weder im Prospekt noch auf der Internetseite. Eine Verkaufsberaterin berechnet mir den Preis für meine geplante Ausstattung. Ein völlig identisches Angebot bekomme ich jedoch nicht: Bei den Elektrogeräten kann sie mir kein besonderes Angebot mit Siemens-Geräten machen, einen günstigen Set-Preis gibt es aber für Neff-Geräte. Die Dunstabzugshaube ist dafür noch leistungsfähiger, als im Schaffrath-Angebot. Außerdem weist sie mich darauf hin, dass ich für das Induktionskochfeld einen Hitzeschutzboden für den Unterschrank brauche, der etwa 100 Euro kostet. Dafür kann Sie mir aber die geplanten Regale nicht genau wie geplant anbieten, ihre Regalbretter sind nur halb so dick. Zudem gäbe es die nur in 1,20 Metern Länge. Da ich laut Grundriss 1,25 Meter benötige, muss noch eine fünf Zentimeter breite Blende zwischen den Hängeschränken auf die Teileliste. Der Hochschrank für den Backofen ist auch etwas höher und schließt nun bündig mit den Hängeschränken ab. Also ein paar kleine Verbesserungen, dünnere Regalbretter, eine Blendleiste, der Rest ist identisch.

So, sie habe jetzt alles erfasst, sagt sie. Jetzt suche sie nur noch einen passenden Werbeblock. Ihr Preis: 8088 Euro. Nicht einmal 300 Euro teurer als beim Rabatt-Riesen Schaffrath. Was ein Werbeblock sei, will ich wissen. Sie erklärt es mir so: Je nachdem, wie viele Schränke und welche Geräte ich nehme, werden die je nach Hersteller blockweise rabattiert. Sie zeigt mir auf dem Bildschirm, was sie meint. Meine geplante Küche liegt 162 Euro über dem Blockpreis. Das wäre quasi eine Punktlandung. Läge ich 162 Euro darunter, könnte sie mir dafür sogar noch Küchenelemente schenken, ohne dass der Gesamtpreis steigt. Offenbar gibt es einen Bereich, in dem der Preis nach Planung liegen muss, damit der Blockrabatt greift. Weicht die Planung zu weit ab, gilt der Blockrabatt nicht mehr. Dafür aber vermutlich ein anderer.

Beim Küchenherstellerverband erklärt man es mir genauer. Die Blockrabatte sind ursprünglich als Service für den Handel entstanden, um diesem Arbeit und Zeit zu ersparen und die Zahl der Zulieferer zu reduzieren. Mit der Zeit haben sie sich im Handel aber wegen der attraktiven Preise durchgesetzt. „Diese Blöcke sind vom Hersteller in der Regel knapp kalkuliert und zum Teil sogar subventioniert. Es ist eine Mischkalkulation: Zusatzwünsche und Extras, die über den angebotenen Küchenblock hinausgehen, sind im Verhältnis teurer. Erst dadurch rechnen sich die Blöcke für die Hersteller“, erklärt VdDK-Chef Heumann. Dabei würden die Blockpreise für jede Einkaufsgemeinschaft und jeden Großkunden individuell kalkuliert und entsprechend seiner Händler- und Kundenstruktur zusammengestellt. Bei den Händlern seien die Blockangebote daher sehr beliebt. „Dadurch erhöht sich die Intransparenz für den Kunden zusätzlich“, so der VdDK-Chef. Grundsätzlich könne aber jeder Hersteller und auch viele Händler mit Einzelpreisen kalkulieren – wie es im Fachhandel auch häufig vorkommt.

Dass alles sehr kompliziert und intransparent ist bestätigt mir auch die Verkäuferin bei Meda. Das könnten Kunden auch nicht verstehen, sagt die Beraterin. Ohne fachkundige Beratung hätte der Käufer keine Chance. Selbst für die Verkäufer sei das schwierig. Wäre ich zu ihrem Kollegen gegangen, hätte ich höchstwahrscheinlich einen anderen Preis genannt bekommen, weil nur kleine Änderungen in der Planung – etwa eine andere Spültischarmatur – die komplette Kalkulation ändern könnte. Jetzt habe sie nur auf die Schnelle gerechnet, normalerweise wäre sie jedes Detail mit mir durchgegangen. Küchenkauf sei letztlich Bauchgefühl, sagt sie. Dafür hätte sie sich offenbar gern mehr Zeit genommen, so aber bin ich schon nach eineinhalb Stunden wieder draußen.

Angespornt durch die Erfahrung bei Schaffrath rufe ich ein paar Tage später meine Meda-Beraterin nochmal an und frage nach dem Preis ohne Elektrogeräte. Das ginge auch, dann würde die Küche ungefähr 5100 Euro Kosten. Der Preisabstand zu Schaffrath schrumpft also weiter, ganz ohne Sonderrabatte.

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