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Metro-Mutterkonzern Wie der neue Haniel-Chef tickt

Stephan Gemkow soll als neuer Chef bei der Metro-Mutter Haniel endlich für solide Finanzen sorgen. Gelingt ihm das, darf er seine bei der Lufthansa unterdrückten Talente als Stratege zeigen.

Die Sorgenkinder von Haniel
28 Milliarden Euro Umsatz, glücklose Investments und die Ratingagenturen drohen mit der Herabstufung auf Schrott-Status - wenn Stephan Gemkow im Sommer Chef des Duisburger Mischkonzerns Haniel wird, dürfte ihm einiges von seinem Job als Lufthansa-Finanzchef her bekannt vorkommen. Der Mischkonzern erwartet ein schweres Jahr, die schlechten Zahlen für 2011, die Haniel heute präsentiert, sprechen bereits Bände. Quelle: dpa
Außerdem erwarten den 52-Jährigen (r) ungewohnte Dinge wie den von Amtsinhaber Jürgen Kluge losgetretenen Dauerstreit im Management. Nach einem spektakulären Machtkampf bei der Metro mit dem ehemaligen Metro-Chef Eckhard Cordes hätte Kluge im vergangenen Jahr seinen vorzeitigen Rückzug aus dem Amt angekündigt. Quelle: dpa
Haniel gilt als der unbekannte Riese der deutschen Firmenlandschaft. Das Duisburger Unternehmen, das unter anderem auch Anteile am Handelsriesen Metro und am Versandhändler Takkt hält, hatte 2011 bei einem Umsatz von 27,3 (Vorjahr: 27,4) Milliarden Euro einen Einbruch beim Ergebnis vor Steuern von 390 (620) Millionen Euro verbucht. Nach Steuern blieb ein Gewinn von noch 236 (454) Millionen Euro. Die Nettofinanzschulden konnte der ehemalige McKinsey-Chef Kluge leicht abbauen - sie sanken von 5,15 auf 4,85 Milliarden Euro.
Schuld an dem Gewinneinbruch ist die Haniel-Tochter Celesio. Der Stuttgarter Pharmahändler leidet unter den Sparmaßnahmen im Gesundheitssektor und wird derzeit umgebaut. Aktuell steckt der neue Celesio-Chef Markus Pinger viel Energie in die von seinem Vorgänger Fritz Oesterle eingeleitete Expansion in Südamerika. Zuletzt hat der Konzern die Mehrheitsbeteiligung an seiner brasilianischen Tochter Panpharma deutlich aufgestockt. 2011 setzte Celesio in Brasilien bereits rund 1,65 Milliarden Euro um. Das Land trug damit mehr als sieben Prozent zum Konzernumsatz von 23 Milliarden Euro bei. Nach drei Gewinnwarnungen im vergangenen Jahr soll Celesio aber bei größeren Übernahmen erst einmal eine Pause einlegen.
Wichtigste Beteiligung im Haniel-Konzern ist die Metro (34 Prozent). Auch der Düsseldorfer Händler hatte 2011 ein schwieriges Jahr und mit Umsatz- und Gewinnrückgängen zu kämpfen. Allerdings spülte der Verkauf von Metro-Immobilien dem Großaktionär Geld in die Kasse. Zu den bekanntesten Vertriebsketten der Gruppe gehören Marken wie ... Quelle: dpa
... Media Markt, Saturn, Kaufhof und Real. Insgesamt gehören dem Duisburger Familienclan heute rund 800 Firmen in der Welt. Allerdings bergen vor allem die Großbeteiligungen an Metro und Celesio für den Mischkonzern Risiken. „Wir haben ein Klumpenrisiko“, sagte Jürgen Kluge am Montag in Duisburg. Die Strategie sei klar - solche Risiken müssten mittel- bis langfristig reduziert werden. „Derzeit sollten wir sie (Metro und Celesio) nicht zur Disposition stellen“, fügte Kluge hinzu, der Haniel voraussichtlich im August verlässt. Ein kurzfristiger Verkauf oder ein Abschmelzen der Beteiligungen sei mit Blick auf die niedrigen Aktienkurse sowohl bei Metro als auch bei Celesio „irrational“. Bei Celesio werde es wohl drei Jahre dauern, bis der Konzern zu alter Ertragskraft zurückfinden werde.
Zu Haniel gehört zudem zu 100 Prozent der Rohstoffrecycler ELG mit Sitz in Duisburg. Das Unternehmen ist in der Aufbereitung und dem Handel mit Rohstoffen für die Edelstahlindustrie aktiv und erzielte 2010 jährlich einen Umschlag von 1,3 Millionen Tonnen Edelstahlschrott. Zwei Jahre später leidet ELG unter dem Wettbewerb und steuert wegen Wertberichtigungen weniger zum Ergebnis bei. Trotz einer Umsatzsteigerung um 4 Prozent auf 2,72 Milliarden Euro ist das operative Ergebnis um 8 Prozent von 88 auf 81 Millionen Euro gesunken.

28 Milliarden Umsatz, glücklose Investments und die Ratingagenturen drohen mit Herabstufung auf Schrott-Status – wenn Stephan Gemkow im Sommer Chef des Duisburger Mischkonzerns Haniel wird, dürfte ihm einiges von seinem Job als Lufthansa-Finanzchef her bekannt vorkommen.

Zudem erwarten den 52-Jährigen ungewohnte Dinge wie den von Amtsinhaber Jürgen Kluge losgetretenen Dauerstreit im Management. Der hat reihenweise Führungskräfte dazu getrieben, bei der Kaufhof-Mutter Metro, dem Pharmagroßhändler Celesio und anderen Töchtern des Clankonzerns zu kündigen.

Auch erwarten die gut 600 Anteilseigner dauerhaft Gewinne, weil sie im Gegensatz zu den leidensfähigen Lufthansa-Aktionären von ihren Dividenden leben. Doch da ist Gemkow in seinem Element. Nicht nur weil für den Zahlenmeister „Finanzstrategie die höchste Form des Krisenmanagements“ ist. Macht er den Job als Unternehmenslenker so gut wie den alten, darf er sein Strategietalent zeigen, was ihm bei Lufthansa Chefs und Kollegen verwehrten.

Vorbilder

Vorbilder hat der künftige Haniel-Chef dem Vernehmen nach nur wenige. „Mit einer Rolle als Bewunderer oder gar Fan tut er sich als rationaler Mensch etwas schwer“, sagt ein führender Lufthanseat über Gemkow. Zu den wenigen Ausnahmen gehört das Lebenswerk von Eugen Schmalenbach, der in Deutschland die Betriebswirtschaft als akademische Lehre begründete. Doch der in Köln tätige Professor begriff die Disziplin weniger als eine abgehobene Wissenschaft, sondern als eine auf die unternehmerische Praxis ausgerichtete Lehre.

Weil Gemkow ähnlich denkt, engagiert er sich in der Führung bei der wissenschaftlichen Schmalenbach-Gesellschaft. Und die hat neben dem Erbe des Gelehrten auch eine ganz praktische Bedeutung: Der Vorstand ist so etwas wie eine Vereinigung von Deutschlands wichtigsten Finanzchefs mit Joe Kaeser von Siemens, Werner Brandt von SAP und Deutschbanker Stefan Krause sowie Kurt Bock, der vor seiner Berufung zum BASF-Chef das Finanzressort des Chemiekonzerns leitete.

Vorlieben und Abneigungen

Bei privaten Dingen ist der gebürtige Lübecker ein echter Hanseat. Dafür sorgt nicht nur seine Vorliebe für enge Anzüge mit Weste sowie Hemden mit hohen steifen Kragen. Gemkow spricht selbst mit Vertrauten nur wenig über private Dinge. Er ist leidenschaftlicher Skifahrer und gönnt sich neben dem karg eingerichteten Dienstapartment in Frankfurt dem Vernehmen nach eine Zweitwohnung im von ihm geliebten Hamburg. Laute Scherze und Auffälligkeiten sind ihm dagegen ein Graus. Er pflegt lieber eine feine Ironie mit Verweisen auf Hochkultur wie Opern oder Klassiker wie Johann Wolfgang von Goethe. Einzige Ausnahme ist Gemkows schnittiges Mercedes-Coupé – neben der nüchternen Großraumlimousine für die Familie, die in einem Eigenheim nahe Köln lebt.

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