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Modehandel Boutiquen kämpfen ums Überleben

Dem deutschen Mode-Mittelstand laufen die Kunden davon, obwohl der Markt insgesamt wächst. Der Textileinzelhandel schlägt Alarm, vielen Anbietern drohe die Pleite.

Menschen Quelle: dpa

Die wirtschaftliche Lage vieler kleiner Modehäuser und Boutiquen spitzt sich weiter zu. Das geht aus einer Hochrechnung des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels hervor. Zwar sei der Markt für Bekleidung und Textilien in Deutschland 2014 um rund ein Prozent auf etwa 60 Milliarden Euro gewachsen. Doch verteilte sich das Wachstum sehr ungleichmäßig auf die verschiedenen Vertriebskanäle. Steigende Umsätze mit einem Plus von rund 20 Prozent konnten Online-Shops verzeichnen, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund acht Milliarden Euro erzielten.

Während Modeketten H&M, Zara oder Primark beim Umsatz im vergangenen Jahr vor allem durch Neueröffnungen ihre Umsätze leicht steigern konnten, lag das Minus bei mittelständischen Boutiquen und Modehäusern bei zwei bis drei Prozent. Sie leiden nach Angaben von BTE-Präsident Steffen Jost gleich unter einer Reihe von Problemen.

Diese Modeketten zahlen Hungerlöhne
Die Textilbranche und der Trend zu ultragünstiger Kleidung in Industrieländern steht seit einiger Zeit in der Kritik, spätestens seit dem verheerenden Unfall in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka im Frühjahr 2013. Doch Veränderungen ergeben sich nur langsam, dies zeigten zuletzt Rückblenden ein Jahr nach der Katastrophe, die vor allem die Sicherheitsbedingungen in den Fabriken in den Fokus nahmen. Quelle: AP
Einen weiteren Aspekt, der nach diesem und weiteren Unfällen stark diskutiert wurde, behandelt der aktuelle Clean Cloth Kampagne Firmencheck 2014: die unwürdigen Löhne, für die viele Arbeitnehmer bei Zulieferern von Kleidungsherstellern wie hier in Bangladesch schuften müssen. Die Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Kampagne (CCK) hat 48 Firmen auf diesen Aspekt hin untersucht und kommt zu dem Ergebnis: Die meisten Firmen bieten vollkommen unzureichende Standards. Quelle: dpa
Mit 15 Firmen bekamen die meisten der getesteten Unternehmen ein Ungenügend – setzen sich also „kaum für die Bezahlung eines Existenzlohnes ein“. 13 Firmen antworteten indes gar nicht und haben somit vermutlich ebenfalls keine sonderlich präsentablen Zustände vorzuweisen. Diese Profile, etwa von Mexx, Benetton, Armani und Hugo Boss recherchierten die Analysten selbst aus öffentlichen Quellen. Hier eine Übersicht über die schwarzen Schafe der Branche laut der Clean Clothes Kampagne. Quelle: dpa
AldiAldi gibt an, der eigene Kodex sehe den gesetzlichen Mindestlohn in allen Produktionsländern vor und das Unternehmen arbeite in der Business Social Compliance Initative (BSCI) darauf hin, dass dies auch eingehalten werde. Das bewertet die NGO jedoch offenbar als Lippenbekenntnis: Es gebe „kaum Anhaltspunkte“, dass Aldi das Problem der Niedriglöhne wirklich angehe. Da das Unternehmen alle Waren von Agenturen, also Mittelsmännern, kaufe, entziehe sich Aldi der Verantwortung, die eigenen Zulieferer zu kontrollieren. Diese Verantwortung bleibe aber bestehen. Quelle: dpa
CarrefourDer französische Konzern lässt in verschiedensten Ländern wie Brasilien, aber auch Bangladesch produzieren, allerdings nicht in eigenen Fabriken. Deshalb, so Carrefour, sei man auch nicht für die Angestelltenlöhne zuständig. Man sehe in der eigenen Charta aber vor, dass die Löhne die Grundbedürfnisse abdecken sollten. Dies ist der Clean Clothes Kampagne zu wenig: Allein ein Bekenntnis zu Grundbedürfnis deckenden Löhnen helfe den Arbeitnehmern wenig, wenn Carrefour keine Verantwortung für die Umsetzung übernehme. Quelle: REUTERS
Charles VögeleDas Schweizer Unternehmen beantwortete die Anfrage der Kampagne mit vorgefertigten Standardantworten der Businessvereinigung BSCI, beruft sich darauf, mit der Initiative auf Existenzlöhne hinzuarbeiten. Die BSCI ist eine Industrie-Initiative von mehr als 600 Unternehmen und wurde gegründet, um die Bemühungen der Branche zu bündeln. CCK kritisiert, dass der Standard nicht verpflichtend sowie kaum extern nachvollziehbar sei und dass er die Zulieferer nicht bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen unterstütze. Eine Firma wie Vögele, die im Heimatland und in Deutschland mit einer verantwortlichen Mitarbeiterpolitik und Ausbildungsbedingungen werbe, verstecke sich hinter der intransparenten Vereinigung. Noch dazu scheint problematisch, dass Vögele die Freiwilligkeit des Existenzlohns betont. Quelle: Handelsblatt Online
DecathlonMan bevorzuge eine „Schritt-für-Schritt“-Methode für die eigene Lieferkette, nach und nach sollten die Bedingungen verbessert werden. Das antwortete das französische Unternehmen Declathon von der Oxylane-Gruppe, das hier bei einer Expo-Aktion für Nacktshopper 2001 eine gewisse Lässigkeit und Humor zeigt, auf die CCK-Anfrage. Grundsätzlich stimme es einem Existenzlohn aber zu. Diese Form von Lockerheit und Lässigkeit findet die Organisation unpassend: „Ein Großunternehmen wie Oxylane kann es sich nicht leisten, keinen klar definierten Standpunkt zur zentralen Frage des Existenzlohns zu haben“, lautet der vernichtende Kommentar von CCK. Stattdessen müsse es seine Marktmacht nutzen, um die Zulieferer per Richtlinie an einen Existenzlohn zu binden. Quelle: AP

So wurden in einer Umfrage des Verbands Themen wie die abnehmende Kundenfrequenz in den Städten und der wachsende Online-Handel genannt. „Da die Menschen ihr Leben zunehmend vom heimischen Computer aus organisieren, verringern sich die Chancen für Impuls- und Lustkäufe", sagte Jost. Zudem würden auch Lieferanten dem Fachhandel immer häufiger mit Marken-Stores und Online-Shops Konkurrenz machen.

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Parallel dazu beobachten Konsumforscher auch ein verändertes Einkaufsverhalten der Bundesbürger. Nach den Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist das Modebudget der deutschen Verbraucher in den vergangenen 15 Jahren drastisch geschrumpft. Gaben die Bundesbürger im Jahr 2000 noch 3,4 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Bekleidung aus, so dürften es in diesem Jahr nach Schätzungen der GfK gerade noch 1,8 Prozent sein. „Es wird viel konsumiert, aber das Geld geht in Immobilien und Wohnungsrenovierungen, in Reisen und Must-haves wie ein neues Smartphone“, erklärte kürzlich der GfK-Textilexperte Bernd Lochschmidt diese Entwicklung.

Angesichts der Entwicklung sind weitere Insolvenzen und Ladenschließungen in der Branche absehbar. Nach BTE-Angaben mussten bereits in den vergangenen Jahren Tausende Unternehmen aufgeben. So zählte der Verband im Jahr 2000 noch mehr als 35.000 Textilhändler in Deutschland, inzwischen sei die Zahl auf unter 20.000 gesunken.

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