Modehandel Zwischen Endzeitstimmung und Pandemie-Comeback

Quelle: imago images

Ladenschließungen bei Orsay – Umsatzhöhenflug bei Hugo Boss, Börsenabsturz bei Zalando – schwarze Zahlen bei Roeckl: Selten war die Stimmung in der Modebranche so disparat wie im Moment. Eine Bestandsaufnahme. 

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Die Nachricht traf die 1200 Mitarbeitern der Modekette Orsay mit voller Wucht: Das insolvente Unternehmen schließt seine 130 Filialen in Deutschland. Der Geschäftsbetrieb werde stillgelegt, erklärte ein Orsay-Sprecher vor wenigen Tagen. Sämtliche Beschäftigte verlieren ihre Jobs. Erst hatten die Lockdown-bedingten Schließungen in der Corona-Pandemie dem Unternehmen zugesetzt. Kaum waren die vorbei, trübte der Krieg in der Ukraine die Konsumneigung der deutschen Verbraucher und gab der taumelnden Modekette so den Rest. „Daher kann das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, auf das wir große Hoffnungen gesetzt hatten, nicht fortgeführt werden“, erklärte ein Unternehmenssprecher gegenüber der „Rheinischen Post“. 

Geschäftsaufgaben und Massenentlassungen? Das scheint ins Bild zu passen: Wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig bekamen Modehändler und -hersteller in den vergangenen beiden Jahren die Folgen der Pandemie zu spüren. Die Orsay-Nachricht passt auch zur Stimmung an den Börsen. Modefirmen stehen dort seit Wochen unter Druck, gehören im fallenden Markt zu den größten Verlierern. 

So ist der Kurs des Onlinemodehändlers Zalando seit Jahresanfang um mehr als 60 Prozent abgestürzt, der Rivale About You verlor fast 69 Prozent und Branchenschwergewicht H&M liegt mit mehr als 35 Prozent im Minus. Analysten erwarten, dass die hohe Inflation die Modeunternehmen belasten wird: Wer sparen muss, weil die Kosten steigen, verzichtet schon mal auf ein neues Outfit. Und die Aussicht auf Zinssteigerungen dürfte insbesondere Unternehmen mit hohem Verschuldungsgrad zu schaffen machen. Hinzu kommen anhaltende Lieferkettenprobleme und die in einigen Teilen der Welt angespannte Coronalage. Und natürlich: der Krieg in der Ukraine.

Annette Roeckl, Chefin des Handschuh-Herstellers Roeckl, erzählt, warum der Klimawandel ihr Geschäft bedroht, die Expansion nach China und in die USA auf Eis liegt – und Karl Lagerfeld bei den falschen Leuten einkaufte.
von Beat Balzli

„Die Welt sorgt dafür, dass uns nicht langweilig wird“, fasste About-You-Chef Tarek Müller jüngst die Lage zusammen. Sein Unternehmen spüre vor allem bei Produkten aus dem Schuh- und Sportbereich Lieferkettenprobleme und steigende Kosten durch die Inflation. Und dennoch: About You peilt im Geschäftsjahr 2022/23 ein Umsatzwachstum von 25 bis 35 Prozent an.

Wie den Hamburgern geht es derzeit vielen Unternehmen in der Branche: Ihre Aussichten trüben sich zwar ein, die aktuelle Geschäftslage ist aber weiterhin solide. So gingen die Umsätze beim Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren im April deutschlandweit um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vormonat zurück, zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes. Allerdings: Im Vergleich zum Vorjahresmonat liegt die Branche im April noch deutliche 123,4 Prozent im Plus. 

„Steil steigende Verkaufskurven“

Davon profitieren selbst Nischenplayer wie der Münchner Handschuhe- und Accessoires-Spezialist Roeckl. „Die Richtung stimmt, wir sind dabei uns zu stabilisieren“, sagt Inhaberin und Geschäftsführerin Annette Roeckl im Podcast „Chefgespräch“ mit WirtschaftsWoche-Chefredakteur Beat Balzli. Bislang sei das Geschäftsjahr „vernünftig“ verlaufen. Endlich würde Roeckl wieder schwarze Zahlen schreiben, sagt die Unternehmerin.

Große Händler und Markenhersteller berichten von einer ganz ähnlichen Entwicklung: „Nach den Pandemie-bedingten Einschränkungen im Einzelhandel ist unser Geschäft wieder seht gut angelaufen, und zwar in allen Produktbereichen“, heißt es beispielsweise bei Hugo Boss.

Und beim Hamburger Onlinehändler Otto kam es nach den letzten Lockdown-Phasen „zu einer spürbaren Erholung im Textilverkauf mit zum Teil – je nach Sortiment – steil steigenden Verkaufskurven“. Bei Unterwäsche und Bademode sei der Trend ungebrochen, was mit den bevorstehenden Urlauben im Sommer zusammenhängen dürfte. In anderen Sortimentsbereichen verliere die Erholung dagegen an Tempo. Nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine und angesichts der steigenden Energiekosten beobachte man eine Verunsicherung der Kunden und Kundinnen, „auch einhergehend mit einer Kaufzurückhaltung bei bestimmten Textil-Sparten“, sagt ein Otto-Sprecher.

Auch beim deutschen Modeverband GermanFashion blickt man mit Sorge auf die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine. Zum einen sei die Ukraine bislang ein relevantes Produktionsland für Textilien gewesen, sagt eine Verbandssprecherin. Zum anderen falle Russland als Absatzmarkt aus, vor allem für Premium- und Luxusanbieter. 2021 lag der Ausfuhrwert für Bekleidung bei immerhin rund 380 Millionen Euro. Auf der Rangliste der wichtigsten Exportländer lag Russland damit an 13. Stelle. „Die Geschäftsbeziehungen mit Russland kommen zum Erliegen“, konstatierte GermanFashion-Präsident Gerd Oliver Seidensticker bereits im März.

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Der Wegfall des russischen Marktes ist auch die nächste Baustelle für Annette Roeckl. Russland war lange Zeit der zweitgrößte Umsatzbringer für ihr Unternehmen. Das Geschäft dort sei nun „komplett verloren“, sagt Roeckl im WiWo-Podcast Chefgespräch. Doch von Rückschlägen hat sich die Unternehmerin, die den Handschuhhersteller seit 2003 in sechster Generation leitet, bislang nie entmutigen lassen. 2017 überwand sie sogar eine Insolvenz in Eigenverwaltung, die sie als „Wild-West“-Situation in Erinnerung hat. Sie drückte die Kosten, bekam von Familienmitgliedern finanzielle Rückendeckung und konnte so den Neustart wagen. Kaum drei Jahre später folgte die Pandemie – verbunden mit massiven Umsatzeinbußen. Und jetzt der Ukraine-Krieg. Immerhin, die jüngsten Zahlen würden sie optimistisch stimmen, lässt Roeckl durchblicken. „Wir können die Firma gesund machen“, ist sie überzeugt.

Jetzt reinhören: Annette Roeckl, Geschäftsführerin des Handschuh-Herstellers Roeckl, erzählt im Podcast, warum der Klimawandel ihr Geschäft bedroht, was das Besondere an Händen ist – und wieso sie niemals in eine Anstellung gehen würde.

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