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Möbelriese feiert Geburtstag „Ikea liefert vorgekaute Ideen“

Ein junges Paar informiert sich im Möbelhaus Ikea in der Möbelausstellung über den Ikea-Klassiker, dem Regal «Billy». Quelle: dpa

Vor 60 Jahren eröffnete Ikeas erste Filiale. Der Wohnpsychologe Uwe Linke erklärt, wie der Möbelriese unser Wohnen verändert hat und warum es problematisch ist, dass heute jeder Mensch die gleichen Möbel kauft.

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Herr Linke, vor 60 Jahren eröffnete in Schweden die erste Ikea-Filiale. Vom Möbelhaus in der schwedischen Provinz hat sich das Unternehmen zum größten Möbelhändler der Welt entwickelt – mit mehr als 150.000 Mitarbeitern und Milliardenumsätzen. Was zieht Menschen aus aller Welt zu ein und demselben Möbelhändler?
Ikea hat es über mehrere Jahrzehnte geschafft den Bauhausstil, den in den 1910er und 1920er eine Handvoll elitärer Architekten erdachten, für die breite Masse verfügbar zu machen. So ist Ikea zu einer Art Mitnahmemarkt für Wohnideen geworden. Dadurch, dass Ikea nicht nur einzelne Möbel ausstellt, sondern schon früh ganze Wohnwelten in kleinen Kojen aufbaute, war es jedem Kunden ein Leichtes, eine Transferleistung zu erbringen: So könnte es auch bei mir daheim aussehen, ich muss nur ein paar Möbel und Accessoires dazu kaufen. Die meisten Menschen fällt es schwer, sich Möbel in einem Raum vorzustellen, wenn sie nicht vom Fach sind – sprich beruflich mit Inneneinrichtung befasst sind. Ein weiterer Faktor ist der Ikea-Katalog, der jährlich weltweit eine größere Auflage als die Bibel hat.

Allein 2016 besuchten 915 Millionen Menschen weltweit ein Ikea-Einrichtungshaus. Aus psychologischer Sicht: welche Konsequenzen hat es, wenn die Menschen in aller Welt die gleichen Möbel kaufen?
Ikea hat dafür gesorgt, dass es für uns kein großes Thema mehr ist, Möbel zu kaufen. Wir schlendern einen Vormittag durch den Laden und haben alles, was wir brauchen, um die Wohnung einzurichten. Dank der riesigen Märkte ist alles unter einem Dach verfügbar. Das ist durchaus nützlich, hat aber eine psychologische Wirkung. Eigentlich sollten wir uns mit dem Wohnen auseinandersetzen, uns überlegen, was wir wirklich brauchen, was unsere emotionalen Bedürfnisse sind – in der Psychologie heißt dieser Prozess Aneignung. Früher hat man sich vor dem Kauf Gedanken über Farben und einen bestimmten Stil gemacht. Ikea liefert vorgekaute Ideen. Es ist eine unfassbar große Bandbreite an unterschiedlichen Einrichtungsmöglichkeiten abgebildet, inklusive passender Accessoires – wir müssen uns beim Möbelkauf also keine Gedanken mehr machen.

Das ist ja erst einmal praktisch.
Schon, aber es führt auch dazu, dass der Aneignungsprozess flacher wird. Wir verlernen, uns mit dem Wohnen auseinanderzusetzen, uns Gedanken darüber zu machen, was wir selber wirklich brauchen. Vor 100 Jahren gingen die Menschen zum Schreiner und mussten mit ihm klären, was sie haben wollten. Das Möbel wurde vom Kunden gemeinsam mit Handwerkern und Polsterern entwickelt. Das fällt heute komplett weg. Damit wird die Einrichtung unpersönlich und austauschbar. Wir bewegen uns in Wohnwelten, die kaum noch etwas über uns als Person und unsere emotionalen Bedürfnisse aussagen. Ikea hat uns das Einrichten einer Wohnung sehr einfach gemacht mit seinen unterschiedlichen Produktwelten, Stilen und Preisklassen – aber auch den Unterschied zwischen einem Haus und einem echten Zuhause entwertet.

Mit Inbusschlüssel und Fleischbällchen - 60 Jahre Ikea-Möbelhäuser

Allerdings konnte sich auch vor 100 Jahren nicht jeder einen Schreiner leisten – heute erst recht nicht mehr.
Die niedrigen Preise haben in der Tat gewisse Vorteile, sind aber nicht uneingeschränkt lobenswert. Kritsch sehe ich, dass heute sehr viele Menschen identische Möbel kaufen. Damit sich diese Möbel Menschen in aller Welt leisten können, sind sie so beschaffen, dass sie letztlich Wegwerfprodukte sind. In Sachen Nachhaltigkeit ist das sehr fragwürdig. Um Produkte zu so niedrigen Preisen anbieten zu können, hat Ikea in der Vergangenheit auch ethische Arbeitsstandards ignoriert.

Nirgends gibt es so viele Filialen wie in Deutschland, nämlich 53. Haben Sie eine Vermutung, warum Ikea gerade hierzulande so erfolgreich ist?
Es gibt wenige Länder, in denen die Bauhaustradition und der einfache moderne Einrichtungsstil so verankert sind wie in Deutschland. Skandinavische Länder und die Niederlande zählen vielleicht noch dazu. In Frankreich und Spanien beispielsweise werden viel mehr Landhausmöbel verkauft, in Großbritannien hängen die Menschen an Antiquitäten und Möbeln, die dem Vintage-Look entsprechen. Zwar nähert sich der Einrichtungsstil in aller Welt mehr und mehr an, aber der Deutsche richtet sich in der Regel strikter ein als andere Menschen. Einbauküchen beispielsweise sind kaum irgendwo so erfolgreich wie in Deutschland – in vielen anderen Ländern bevorzugen die Menschen weiterhin Einzelmöbel. Insofern ist Deutschland ein gutes Pflaster für die Marke Ikea und für die Produktphilosophie, die Ikea vertritt.

2020 soll in Karlsruhe die nächste Filiale eröffnen – größere Neubauten auf der grünen Wiese, für die Ikea bisher stand, sind aber nicht mehr geplant. Geht damit eine Ära zu Ende?
Ikea hat die Zeichen der Zeit erkannt. Wir sind unkritischer beim Kauf von Produkten geworden, das gilt auch für Möbel. Sogar Polstermöbel werden deswegen mittlerweile online gekauft. Die Menschen bestellen bei Ikea sogar sehr große, teure Möbel über das Internet – eine Voraussetzung dafür ist aber, dass die Menschen die Möbel aus den Einrichtungshäusern von Ikea kennen. Deswegen glaube ich, dass die großen klassischen Einrichtungshäuser weiter bestehen bleiben. Dort fahren weiter Familien zum Bummeln hin oder Studenten, die ihre erste Wohnung beziehen und binnen kurzer Zeit ein ganzes Ambiente zusammenstellen und mitnehmen wollen. Flankiert wird das einerseits vom Onlinehandel, den Ikea weiter ausbauen muss – und von Erlebniskaufhäusern in Innenstadtlagen.

In den Innenstadtlagen wird für das Restaurant oder das Kinderparadies Småland kein Platz mehr sein, die für viele einen Ikea-Besuch erst ausmachen.
Die Zahl der Familien, die am Wochenende zum Zeitvertreib zu den großen Ikea-Häusern fährt, nimmt seit Jahren ab. Trotzdem ist Ikea mit seinen Restaurants einer der größten Gastronomiebetreiber Deutschlands. Die Restaurants rentieren sich aber nur in den großen Häusern, dafür müssen täglich mehrere tausend Mahlzeiten verkauft werden. Ich denke auch, dass sie in den Innenstadtfilialen keine Rolle spielen werden. Die werden eher als Kontaktpunkte für Onlinekunden dienen und als exquisitere Boutiquen, wo Ikea – ähnlich wie H&M – Marken verkaufen wird, bei denen nicht direkt zu erkennen ist, dass das Produkt tatsächlich zu Ikea gehört.

Uwe Linke

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