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Nach dem Edeka-Tengelmann-Deal Wie Rewe seine Führung umkrempeln will

Rewe plant einen grundlegenden Umbau der Führungsstruktur. Die Schlappe im Kampf um Kaiser’s Tengelmann könnte die Pläne beschleunigen. Was das für den Lebensmittelhändler bedeutet.

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Rewe-Chef Alain Caparros wird 2018 abgelöst, jetzt beginnt die Nachfolgeplanung. Quelle: imago images

Flammende Appelle, eine Anzeigenkampagne und reihenweise eigene Angebote – was hat Rewe-Chef Alain Caparros nicht alles unternommen, um die Übernahme der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann durch den Rivalen Edeka zu torpedieren. Allein, es half nichts. Am Dienstag hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel den seit Jahren größten und umstrittensten Deal im deutschen Lebensmittelhandel genehmigt: Edeka darf trotz massiver Wettbewerbsbedenken des Bundeskartellamtes alle 451 Kaiser’s-Tengelmann-Filialen übernehmen, muss aber happige Auflagen erfüllen. Rewe geht leer aus.

Zwar hatte Caparros im Vorfeld angekündigt, „alle rechtlichen Schritte“ zu nutzen, „um einen Kauf durch Edeka zu verhindern“. Doch hinter den Kulissen ist den Beteiligten klar, dass der Edeka-Durchmarsch kaum noch zu stoppen ist. Stattdessen müssen sich die Rewe-Granden mit der veränderten Lage arrangieren – und wollen zugleich die Führungsstruktur ihres Konzerns neu justieren.

Die größten Lebensmittelhändler Deutschlands

So ist nach Informationen der WirtschaftsWoche ein grundlegender Umbau des Rewe-Vorstands geplant. Statt wie bisher sechs sollen mittelfristig nur noch drei Vorstände den Konzern mit seinen europaweit rund 330.000 Mitarbeitern steuern und die Bereiche Handel national, Handel international und Finanzen abdecken. Auch unterhalb des Vorstands dürfte die Zahl der Manager sinken. So könnten einzelne Funktionen, die von Tochtergesellschaften separat besetzt werden, zusammengelegt werden, heißt es im Konzernumfeld.

Über den Zuschnitt des Vorstands „müssen die Aufsichtsräte erst noch entscheiden“, sagt ein Rewe-Sprecher dazu, bestätigt aber „Überlegungen“, bei denen auch die „Zahl der Vorstände und der Zuschnitt der Vorstandsressorts zur Debatte“ stehen. Mit der Tengelmann-Entscheidung hätten derlei Ideen indes nicht zu tun.

Tatsächlich lagen die Umbaupläne schon in den Schubladen der Konzernoberen, bevor Gabriel ihre Hoffnungen beerdigte, bei der Supermarktkette noch zum Zuge zu kommen – oder zumindest Edeka als Käufer zu verhindern. Jetzt dürfte die Caparros-Crew die internen Pläne mit Verve vorantreiben, Ziel der Überlegungen sei schließlich die „Steigerung der Effizienz und Agilität“ der Gruppe, sagt der Rewe-Sprecher.

Nicht minder wichtig: Der weitverzweigte Handels- und Touristikriese soll steuerbar bleiben, wenn der Vorstandschef Ende 2018 seinen Posten räumt. Seit zehn Jahren führt Caparros Rewe, mal charmant, mal robust, durch die Widrigkeiten des Tagesgeschäfts. Er hat die Strukturen auf sich zugeschnitten und leistet sich bisweilen Auftritte der lautstarken Art wie zuletzt bei einer Anhörung im Wirtschaftsministerium. Als Lügner kanzelte er dort im November Tengelmann-Eigner Karl-Erivan Haub ab und warf ihm vor, nur mit Edeka, nicht aber mit Rewe verhandelt zu haben. „Bei Edeka kümmert sich der Vorstandschef um das Thema, bei Rewe nicht“, frotzelte Haub zurück. Tatsächlich hatte nicht Caparros, sondern Vorstand Lionel Souque das Interesse signalisiert. Assistenz- statt Chefarztbehandlung also?

In der Praxis geht Souques Rolle weit darüber hinaus. Der Franzose ist derzeit der heißeste Anwärter für die Caparros-Nachfolge, auch wenn der Rewe-Sprecher betont, dass es „keine Entscheidungen“ zur Nachfolge gibt. Höchstens Souques Vorstandskollege Jan Kunath taugt noch zum Kronprinzen. Der brachte zunächst die Baumarkttochter Toom auf Kurs und leitet seit 2010 Rewes Discountableger Penny. Souque lenkt das deutsche Supermarktgeschäft, das 2014 knapp 17 Milliarden Euro Umsatz in die Kassen gespült hat und nach Schätzungen eines Insiders 2015 kräftig gewachsen ist.

Beginnt Edeka eine internationale Aufholjagd?

In der Branche ist Souque bestens vernetzt. So wird der Absolvent der französischen Kaderschmiede Essec Business School als „weltläufig“ beschrieben, soll aber auch Anhänger unter den selbstständigen Kaufleuten des genossenschaftlich organisierten Konzerns haben. Selbst die Beziehung der Co-Kronprinzen Kunath und Souque sei gut, heißt es im Rewe-Umfeld.

Als wahrscheinlichstes Szenario wird dort über eine Tandem-Konstruktion von Souque und Kunath spekuliert. Die Verkleinerung des Vorstands dürfte demnach mit einer Personalrochade einhergehen, bei der Kunath die Regie über die Kernmarken Penny und Rewe übernimmt, während Souque nach 2018 den Vorstandsvorsitz und das Geschäftsfeld Handel international entert. Hinzu käme ein Finanzvorstand.

Handel



Bis dahin muss Caparros dem Dauergegner Edeka Paroli bieten, der zusammen mit dem konzerneigenen Billigheimer Netto Markendiscount ein Netz von rund 11.500 Märkten über Deutschland gespannt hat. Nun zementieren die 451 Filialen von Kaiser’s Tengelmann Edekas Position als Marktführer und könnten den Umsatz der Hamburger auf mehr als 50 Milliarden Euro hieven.

Doch klar ist auch: Beim Flächenwachstum hat Edeka die Grenze erreicht. Zusätzliche Märkte lassen sich in Deutschland kaum eröffnen, ohne bestehenden Filialen Kunden abzujagen. Im Ausland tritt Edeka, anders als Rewe und andere große Wettbewerber, erst gar nicht an.

Damit steht Edeka-Anführer Markus Mosa vor einem Dilemma: Will er den Konzern auf Wachstumskurs halten, muss er jenseits der Grenzen expandieren. Eine internationale Aufholjagd wäre jedoch kostspielig und dürfte bei der Edeka-Basis, den selbstständigen Kaufleuten, auf wenig Gegenliebe stoßen.

Mosas Tengelmann-Triumph löst das Problem nicht. Der Neuerwerb ist ein Sanierungsfall, seit 15 Jahren schreibt Kaiser’s Tengelmann Verluste. Die Integration der Standorte ins Filialnetz von Edeka wird über Jahre Kräfte binden und Millionen kosten, ohne dass die Edeka-Basis davon direkt profitiert. Denn eine der Bedingungen der Ministererlaubnis lautet, dass Mosa frühestens 2020 Läden an seine Edeka-Kaufleute weiterreichen darf.

Gegenspieler Caparros dürfte sich dann seinem nächsten großen Projekt widmen. „Kunst ist meine große Leidenschaft“, sagte Caparros vergangenes Jahr der WirtschaftsWoche zu seinen Plänen nach seinem Abgang 2018. „Ich werde eine Galerie in Südfrankreich eröffnen, die Vorbereitungen laufen bereits.“

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